In der zweiten Reihe Ökumenische Einsichten aus meinem Studienjahr in Rom – Teil 2
Eine ökumenische Mahnwache in einer römischen Kirchengemeinde anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen (Foto: Oliva)

Im ersten Artikel dieser dreiteiligen Serie ging es nach einigen Vorbemerkungen (etwa zum Begriff „katholisch“) unter anderem darum, dass Protestanten aus römisch-katholischer Sicht keinen Kirchen im eigentlichen Sinne angehören. Hier nun Teil zwei meiner Ökumenischen Einsichten.


Anfänge der Ökumene waren innerprotestantisch

Zweifelsohne: Das Zweite Vatikanische Konzil stellte einen Meilenstein für die römisch-katholische Öffnung gegenüber den anderen Konfessionen dar. Entsprechend werden die 1960er Jahre oft als Beginn der ökumenischen Bewegung bezeichnet. Diese Sichtweise lässt jedoch außen vor, dass es zu dieser Zeit eine organisierte Ökumene schon längst gab – und zwar rein innerprotestantisch. So fand bereits im Jahre 1910 im schottischen Edinburgh eine sog. Weltmissionskonferenz statt, die als Ausgangspunkt der modernen ökumenischen Bewegung gilt.

Die schottische Hauptstadt Edinburgh, Versammlungsort der ökumenischen Bewegung 1910 (Foto: Oliva)

Römisch-katholische Vertreter waren dort freilich keine anwesend, war für sie doch klar, dass die einzig denkbare Form eines Miteinanders der Kirchen in einer sog. Rückkehr-Ökumene bestand, sprich der Heimkehr der Abtrünnigen zur einen, wahren Kirche.

Was ist der rechte Weg – und wer wich von ihm ab?

Der Terminus „Rückkehr-Ökumene“ wirft die Frage auf, wer damals im 16. Jahrhundert eigentlich die Abweichler waren. So sah der fromme Augustinermönch Martin Luther die Kirchenpolitik Roms vom rechten Wege abgekommen – die Kirche entsprach nicht mehr seiner Vorstellung von Katholizität. Durch seine Bemühungen wollte Luther die Kirche von innen reformieren, keineswegs verlassen. Dieser Reformeifer eines kleinen deutschen Mönchleins wurde in Rom jedoch alles andere als gutgeheißen und man forderte Luther auf, zu widerrufen. Luther, der sich in seiner Papstkritik auf die Heilige Schrift stützte und sich auf Grundlage ebenjener einen offenen Diskurs wünschte, sah sich mit dem Dilemma konfrontiert, entweder der Kirche oder dem Evangelium die Treue aufzukündigen. Der Bruch zwischen Luther und Rom lag also in der Kritikunfähigkeit des Papstes begründet, die Exkommunikation war die logische Konsequenz. Ja, Luther entfernte sich von der Institution Kirche – aber nur, weil diese sich schon vorher von der Heiligen Schrift entfernt hatte.

Luthers Reformanliegen wurden in Rom später eingesehen und unter anderem im Konzil von Trient (1545-1563) umgesetzt. Ebenso wird mittlerweile der eigene Anteil an der Kirchentrennung des 16. Jahrhunderts anerkannt. Insofern waren die Ereignisse der 1960er Jahre definitiv ein Fortschritt. Aber auch wenn dies heutzutage nicht mehr in der vorkonziliaren Ausdrücklichkeit formuliert wird: So richtig scheint man sich bis heute nicht von der Rückkehr-Ökumene verabschiedet zu haben, wie es etwa in der im Folgenden beschriebenen Veranstaltung zum Ausdruck kam.

Ein ökumenisches Schlüsselerlebnis

Immer im Januar findet weltweit die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Auch in Rom gab es in dieser Zeit täglich zahlreiche Veranstaltungen, in erster Linie in Form einer veglia (Mahnwache) oder einer Vesper. Die Vesper als das traditionelle monastische Stundengebet am Abend bietet sich insofern als ökumenische Liturgie an, weil so gemeinsam Gottesdienst gefeiert und gleichzeitig der lästigen Frage nach dem Abendmahl elegant aus dem Weg gegangen werden kann, da die Vesperliturgie dieses nicht vorsieht. Indem man gemeinsam Psalmen betet, Fürbitte hält, aus der Schrift hört und das Vaterunser betet, legt man stattdessen den Schwerpunkt auf die Gemeinsamkeiten. Die Lesungen und Gebete sind gleichmäßig auf alle teilnehmenden Geistlichen der verschiedenen Konfessionen aufgeteilt. Wie gleichmäßig tatsächlich, zeigt sich jedoch erst auf den zweiten Blick. Schon bei der (in vielen protestantischen Kirchen unüblichen) festlichen Einzugsprozession offenbart sich, wer das Sagen hat: Wie bei der römisch-katholischen Messe läuft der vorsitzende Priester ganz hinten und nimmt im Altarraum folglich auch den Platz im Zentrum ein.

Eine Veranschaulichung meiner These bietet obiges Titelfoto, das ich selbst bei einer solchen ökumenischen Mahnwache im Januar aufgenommen habe: In der Mitte thront der römisch-katholische Priester. Zu seinen Seiten befinden sich die orthodoxen Vertreter, schließlich gehören unter den Anwesenden allein sie einer wirklichen Kirche an. Zur Linken und Rechten der Orthodoxen, immerhin noch in der ersten Reihe, sitzen zum einen der lutherische Pastor, zum anderen der Vertreter der Waldenserkirche, die quasi die Reformierten in Italien sind. Sicherlich nicht zuletzt weil sie Frauen sind, wurden die Pfarrerinnen der Baptisten, Methodisten und selbst der Anglikaner in der zweiten Reihe platziert, an den Seiten des Altars. Ebenso der Herr von der Heilsarmee. Welch eine Symbolik! In der Verteilung der liturgischen Aufgaben findet sie ihre Fortsetzung: Während man die Predigt immerhin dem Waldenser überlässt, werden weite Teile der Liturgie und selbstverständlich die Lesung des Evangeliums vom römisch-katholischen Priester übernommen. Den Herrschaften in der zweiten Reihe dagegen werden lediglich liturgische Nebenaufgaben zugestanden.

Der Anspruch, den die römisch-katholischen Organisatoren der Veranstaltung mit dieser Machtdemonstration mehr oder weniger bewusst zum Ausdruck brachten, könnte klarer kaum sein: „Nett, dass ihr gekommen seid und bei uns mitmacht. Also seht doch bitte zu, dass ihr recht bald wieder zur einzig wahren Kirche heimkehrt. Nur so kann unser Traum vom endlich wieder vereinten Leib Christi eines Tages Realität werden.“

Roms Blick geht gen Süden

Das Problem ist: Nüchtern betrachtet ist dieses Verständnis einer Rückkehr-Ökumene seitens unserer römisch-katholischen Geschwister gar nicht einmal so unrealistisch. Auf lange Sicht verlieren wir Lutheraner zunehmend an Boden und somit auch unseren Rückhalt, im ökumenischen Dialog mit dem gewohnten Selbstbewusstsein auftreten zu können. Die in unseren westlichen Gesellschaften um sich greifende Säkularisierung wird über kurz oder lang an die Substanz unserer Kirchen gehen, ja sie tut es bereits. Zwar leiden auch die Katholiken unter einem nicht zu unterschätzenden Mitgliederschwund. Jedoch haben sie den Vorteil, eine Weltkirche im Rücken zu haben, deren Mitgliederzahlen stetig steigen – und zwar in den Ländern des Südens. In dem Maße, wie uns in Europa die Mitglieder davonlaufen bzw. wegsterben, gibt es in Afrika, Südamerika und Asien beeindruckende Wachstumsraten des Christentums. Es sind vor allem evangelikale Gemeinden, die sich eines wundersamen Zulaufs erfreuen – und in ihren konservativen Werten und ihrer Ethik (Stichworte Homosexualität, Scheidung, Abtreibung etc.) der römisch-katholischen Kirche überraschend nahe stehen. Die dagegen so liberalen protestantischen Positionen werden wohl zur Minderheitsmeinung verkommen.

Folgerichtig wird man im Vatikan perspektivisch das Augenmerk des ökumenischen Dialogs verstärkt auf den Austausch mit jenen Pfingstkirchen aus dem Süden legen. Dass mit dem Argentinier Bergoglio momentan der erste Papst von der Südhalbkugel amtiert, weist in ebendiese Richtung. Auch Franziskus‘ Auswahl neuer Kardinäle, die nun immer seltener aus Europa kommen, deutet darauf hin, wo man in Zukunft den Schwerpunkt und das Expansionspotenzial der römisch-katholischen Kirche sieht.

Papst Franziskus und die Ökumene

Als der Papst im Herbst 2015 die lutherische Gemeinde in Rom besuchte, hatte er als Gastgeschenk einen Abendmahlskelch im Gepäck: Ein Papst deutet einer „kirchlichen Gemeinschaft“ die Mahlsgemeinschaft an!? Aber Franziskus weiß genau, warum er anstelle konkreter Zusagen nur immer wieder einen seiner Lieblingssätze wiederholt: „Andate avanti!“, zu deutsch „Geht voran!“. Als ob er sagen wollte: „Macht das mal so, wie ihr es für richtig haltet. Ich halte mich da raus.“ Ganz im Gegenteil zu Benedikt XVI., einem der großen römisch-katholischen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, sind dogmatische Streitereien dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Bergoglio herzlich egal. Die akademische Theologie liegt ihm nicht, vielmehr ist er ein Mann der Praxis: „Andate avanti!“ – „Probiert es einfach aus. Traut euch! Was soll schon passieren?“

Papst Franziskus in der Menge auf dem Petersplatz (Foto: Oliva)

Mit einer solchen Haltung desjenigen, der immerhin den Jurisdiktionsprimat der römisch-katholischen Kirche innehat, tun sich viele konservative Gläubige seiner Kirche schwer. Überfordert sie ein derartiges Zugeständnis von Mündigkeit und Eigenverantwortung? Stattdessen wünschen sie sich von ihrem Oberhaupt klare Vorgaben.

Ob es unter dem aktuellen Pontifex großartig neue Marschrichtungen im Kontext der Ökumene noch geben wird, dürfte zu bezweifeln sein. Franziskus ist mittlerweile 80 Jahre alt und wirkt bei öffentlichen Auftritten zusehends alt und erschöpft. Kein Wunder: Ein Mann diesen Alters verbringt seine Tage normalerweise im Ohrensessel und schaut auf sein Leben zurück, anstatt eine Weltorganisation zu managen. Wer weiß, ob Franziskus nicht eines Tages dem Vorbild seines Vorgängers folgen und ebenfalls zurücktreten wird? Fest steht: Die Liste seiner offenen Projekte und Konflikte, seiner Krisenfelder und Baustellen ist ohnehin schon lang genug. Da wird er nicht auch in Sachen gemeinsames Abendmahl die konservativen Kreise seiner Kirche weiter reizen. Vielmehr muss er seine (noch) vorhandenen Kräfte bündeln und das zu Ende bringen, was er angestoßen hat.

Dies war Teil zwei meiner Ökumenischen Einsichten. Im dritten Teil dieser Reihe werde ich einen Blick auf den Protestantismus in Rom werfen sowie Ansätze beschreiben, wie eine Ökumene der Zukunft, die allen gerecht wird, gelingen könnte.

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.