Moment Mal: Gelobt sei Hanzo

Gamer sind verrufen: Sie sitzen den ganzen Tag vor ihrem PC, was sich in ihrer hellen Hautfarbe und ihren fettigen Haaren zeigt, denken an nichts anderes als ihren Fortschritt im Spiel und darin möglichst Imba zu werden, sind entweder stark übergewichtig oder verhungern, weil sie vor lauter Spielen nicht mehr ans Essen denken. Im Grunde entfliehen sie damit doch nur ihrer Realität und verlieren jeglichen Zugang zu ihr.
Ich darf das so schreiben, denn ich gehörte mal dazu, auch wenn ich es damals vehement bestritten habe.
Unzählige Vorurteile gibt es Gamern gegenüber, was man ihnen aber nicht nachsagen kann ist, dass sie dumm sind. Wer ein erfolgreicher Spieler ist, hat in der Regel auch was im Kopf. Genau das bewies jetzt auch Mateus Mognon: Der Brasilianer gründete in seinem Land eine Religion, die einen Charakter des aktuellen Blizzard-Shooter Overwatch erhöht: Hanzo.
Interessanterweise ist es gerade der unbeliebteste Charakter des Spiels, den Mognon zum Auserwählten macht. Ich habe eine Freundin mal gefragt, warum Hanzo so unbeliebt sei:

Weil Hanzo ’ne riesen Hitbox hat. Hanzo is kacke, weil jeder Kackn00b damit Headshots und ’nen Mordskillcount bekommt. Außerdem is seine Ult total OP. Die killt einen sogar, wenn man auf der anderen Seite der Map is‘, weil die einmal quer durchgeht. Manche seiner Pfeile treffen sogar, wenn man ’nen IngameMeter DANEBEN steht.

Egal ob es nun an seiner „Überpowerung“ liegt oder an seiner Unbeliebtheit, es ist untersagt den Terminus „Hanzo Main“ zu benutzen, der im Chat als Schmipfwort genutzt wird. Getauft wird man im Rahmen eines Matches und der Dienstag wird zum Spiel-Tag — für Hanzo.

Im ersten Moment frage ich mich jetzt doch, inwiefern das für Köpfchen spricht. Ist es das, was eine Religion ausmacht? Taufe, ein freier Tag pro Woche, um dem Anzubetenden zu huldigen, Vorschriften zur Namensverwendung? Selbst die Pastafari, die Mitglieder der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters sind da schon weiter, wenn sie in ihrer Einführung ganz deutlich erklären, dass ihr Ziel die Förderung einer wissenschaftlichen Weltanschauung ist, um sich explizit vom Kreationismus abzugrenzen. Dafür haben sie tatsächlich auch ein Glaubensbekenntnis, ein Monsterunser, und 8 „am liebsten wäre mirs“ formuliert, die gerade das ausdrücken.
Aber auch Mateus Mognon verfolgt ein Ziel: Er will mit dieser Kirchengründung über die Grenzen Brasiliens hinaus darauf aufmerksam machen, wie leicht es in seinem Land ist, eine Kirche zu gründen. Man benötigt eine Adresse, fünf Zeugen, die Unterschrift eines Anwalts und muss noch eine kleine Gebühr zahlen, schon hat man eine Kirche, die unter ein anderes Steuerrecht fällt. In Brasilien wird diese Methode gerne auch von kriminellen Gemeinschaften genutzt, um Geld zu waschen.
Mognon führt also eine Schwachstelle im System auf, nur leider befürchte ich, dass es diesem Protest sehr schwer fallen wird, über die Gamerszene hinaus weitere Aufmerksamkeit zu bekommen.

3 Kommentare anzeigen

  1. Spassheide

    Abgesehen von den Möglichkeiten der Steuerhinterziehung und der Geldwäsche, wo liegt der Fehler im System, wenn kleinere und kleinste Glaubensgemeinschaften sich auch zu Kirchen erklären können und damit den etablierten Religionen rechtlich gleichgestellt werden? Im Vergleich zu Deutschland, wo durch Privilegienbündel die beiden großen Amtskirchen noch einen staatskirchenartigen Charakter besitzen, sehe ich das eher als einen Fortschritt an. Gleiches Recht für alle.

    • Sebastian Schumacher

      Das bestreitet ja auch keiner. Gerade die christlichen Kirchen erklären sich immer wieder solidarisch mit anderen Glaubensgemeinschaft, insbesondere Islam. Der „Hanzoismus“ ist ja, wie auch die Pastafaris, erstmal eine politische Protestaktion und Frau Well nimmt das auch zur Kenntnis.

      • Spassheide

        Natürlich sind das politische Protestaktionen.
        Ich finde nur den anderen Aspekt hier interessant, dass das ach so katholisch geprägte Brasilien im Staatskirchenrecht anscheinend fortschrittlicher ist als Deutschland. Man sollte es so sehen, was die in Brasilien vielleicht zu viel haben, haben wir in DE immer noch zu wenig.

        In einer Zeit, in der immer mehr sich von Religion abwenden ist die Solidarisierung vor allem dem Bedeutungsverlust geschuldet. Die beiden großen Kirchen suchen einfach Mitstreiter zur Wahrung ihrer Interessen. Und das funktioniert natürlich dann am besten, wenn man für diese die gleichen Privilegien einfordert.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.