Moment mal: Ab nach Transsilvanien!

Vor einigen Jahren hat mir ein Freund, er ist mittlerweile Pfarrer in Österreich, von seinem Pfarrgemeindepraktikum in Siebenbürgen, Rumänien, erzählt. „Das war ein Kulturschock und ein Frömmigkeitsschock für mich“, sagte er mir. Und ich dachte mir damals: „Das möchte ich auch“. In Österreich müssen Theologiestudierende, die einmal in den Pfarrdienst gehen möchten, vier Wochen lang Praxis in einer Pfarrgemeinde sammeln. In der Regel machen das die meisten in Österreich selbst. Ich wollte das nicht. Ich bin in einem Pfarrhaus in einer ländlichen Gemeinde aufgewachsen, habe „kirchenaktive“ Verwandte in ganz Österreich, besuche in Wien regelmäßig den Gottesdienst: Ich habe schlichtweg das Gefühl, in meiner Heimatkirche bereits alles zu kennen. Und ich wollte neue Erfahrungen sammeln. Da kam mir der angekündigte „Frömmigkeits- und Kulturschock“ gerade recht.

Jetzt bin ich die dritte Woche in Transsilvanien. Und es existiert tatsächlich noch eine kleine deutschsprachige Minderheit der Siebenbürger Sachsen in diesem Land. Aber deutsche Sprache kann höchst unterschiedlich klingen, denn das alte Sächsisch ist mit dem Sächsisch der Bundesrepublik kaum vergleichbar, man versteht als Außenstehender von diesem Dialekt kaum ein Wort. Aber, wie mir ein pensionierter Pfarrer erklärte, die Sachsen in Rumänien wachsen dreisprachig auf: Sie sprechen zuhause Sächsisch, lernen später die Schriftsprache – und Rumänisch wird sowieso (wie mit der Muttermilch) aufgesogen, da man es für das alltägliche Leben braucht. Durch Furcht vor Verfolgung kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zur ersten großen Emigration, zu Beginn der 1990er-Jahre folgte die Nächste. Heute befinden sich noch ca. 12.000 Sachsen in Siebenbürgen. Das sind relativ wenig, wenn man bedenkt, dass die einst so stolze Landeskirche (um 1930) noch gut 300.000 Seelen zählte. Diese Situation zwingt die lutherische Kirche auf radikale Weise, neue Antworten im Sinne ihres Fortbestands zu finden. Eine Richtung verkörpert das rumänisch-sprachige Gesangbuch, welches mittlerweile immer häufiger dem Deutschen vorgezogen wird. Könnte es also sein, dass in Zukunft diese Kirche Rumänisch sprechen wird? Das ist möglich, heute aber noch nicht abschätzbar. Momentan steckt alles noch in der Phase der Entwicklung.

Ich wohne in einem alten Pfarrhaus, in der Pfarrwohnung. Mein Begleitpfarrer ist ein paar Kilometer weit entfernt. „Es gab einen Poltergeist, aber dann hat ein beherzter Bischof die Nacht hier drinnen verbracht und danach war der Geist auch schon weg“, so der Pfarrer zu meiner Unterkunft. Und es trifft zu, der Poltergeist ist weg. Aber andere Geister sind hier noch vorhanden. Die Frömmigkeit der Sachsen hier ist eine andere als in Deutschland oder Österreich. Krieg, Verfolgung, Vertreibung und Auswanderung haben dieser Kirche stark zugesetzt und lassen sich heute noch deutlich erkennen. Den Frömmigkeits- und Kulturschock habe ich mittlerweile überwunden, und ich muss sagen, dass mir diese Landeskirche mittlerweile ans Herz gewachsen ist. Und ja! Aus dem bequemen Nest meiner Heimat einmal auszusteigen hat sich ausgezahlt. Theologie und Glaube müssen etwas wagen können, daran halte ich fest.

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