Moment mal: Unbequem sein, mit Restzweifeln
Foto: Chad Madden (lizenzfrei)

Einer der inspirierendsten Menschen des letzten Jahrhunderts ist sicher der Freiheitskämpfer und Staatsmann Nelson Mandela. Liest man seine Autobiographie, dann bekommt man das Gefühl einer zweifellos überzeugten und überzeugenden Persönlichkeit.

Was seinen Weg möglich gemacht hat, war sein unabwendbarer Glaube an die Gerechtigkeit in seinem Handeln. Niemals war er gewillt, sich dem System seiner Heimat zu beugen. In seinem Abschlussplädoyer, bevor er zu vielen Jahren Haft auf Robben Island verurteilt wurde, sagte er:

„Der eigentliche Zweck dieser rigiden Farbschranke besteht darin, sicherzustellen, daß die von den Gerichten zuerkannte Gerechtigkeit der Politik des Landes entspricht, mag diese Politik auch noch so sehr im Widerspruch stehen zu den Normen der Gerechtigkeit, wie sie von den Machtsystemen in der gesamten zivilisierten Welt beachtet werden.“[1]

Mandela lehrt uns, wenn man christlich sprechen möchte, in einer „Wolke von Zeugen“ (Heb 12,1), die uns alle im letzten Jahrhundert dasselbe beigebracht haben, dass das „Recht des Landes“ nicht gleich „Gerechtigkeit“ ist. Und Mandela wollte unbequem sein, bis Recht auch Gerechtigkeit ist.

 

Vor einigen Tagen gingen marodierende Horden in Hamburg auf die Straße, wollten unbequem sein, weil sie die Wirtschaftsordnung unserer Zeit als Ungerechtigkeit, als Klassenkampf, als Unterdrückung empfinden. Sie wollten sich nicht sagen lassen, dass Chaos keine Gerechtigkeit schafft, sondern wollten Revolte, wollten Resignation schaffen, damit unter Druck auch die Massen sich auf ihre Seite schlagen. Auch bei ihnen ist kein Zweifel daran vorhanden, dass ihr Handeln gerecht ist, dass es einem höheren Zweck dient.

Zwischen Mandelas Überzeugung und den marodierenden Horden von Hamburg besteht ein wichtiger Unterschied: er besteht im Restzweifel. Mandela war Zeit seines Lebens ein Advokat der Gewaltlosigkeit – zumindest, wenn es um die Gewalt gegen Menschen ging. Der MK, der militärische Zweig seines African National Congress, sollte keine Menschen angreifen, sollte nicht Chaos verbreiten, sondern wollte Sand im Getriebe sein, bis sich die Maschine auf den Weg zur wirklichen Gerechtigkeit macht.

Die christliche Tradition gibt uns eine wichtige Korrektur, was unsere Erkenntnis der Gerechtigkeit ist. Der Apostel Paulus schreibt:

„Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkannt, wie auch ich erkannt bin.“ (1Kor 13,12; Elb).

Sicher, die christliche Kirche hat sich daran nicht immer gehalten. Wir haben unsere eigene Geschichte von Unterdrückung; die Apartheid in Südafrika war nicht zu geringen Maßen von der holländisch reformierten Kirche gestützt.

Aber unsere Tradition gibt uns die Möglichkeit, eine Überzeugung ohne Restzweifel, wie sie in Hamburg entfesselt gesehen werden konnte, in unserem eigenen Leben nicht Wirklichkeit werden zu lassen: nicht wegen Restzweifeln an Gott, nicht wegen Restzweifeln an der Gerechtigkeit als solcher, aber wegen Restzweifeln an unseren Mitteln.

Dieser Text ist eine Aufforderung, unbequem zu sein. Unbequem – mit Restzweifeln!


[1] Mandela, Nelson, Der lange Weg zur Freiheit. Autobiographie, 19. Aufl. 2014, Frankfurt: Fischer TB 1997, S 437

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