Moment mal: Denkmal
Foto: Wilfried Kehr

Mein alltäglicher Weg in die Uni führt mich an einer 1845 errichteten, überlebensgroßen Statue von Ludwig van Beethoven vorbei. Der gestrenge Herr schaut auf mich herab und während mein Fahrrad über das Kopfsteinpflaster scheppert, darf ich die Gelegenheit nutzen, ihm Dank und Respekt zu zollen für das, was er für mich getan hat. Denkmäler wie dieses von Beethoven sind die großen Erinnerungsstützen unserer Nation, Lesezeichen im Buch der Kultur und Geschichte Deutschlands. Aber sind diese Denkmäler nicht auch irgendwie überflüssig? Selbst ohne Denkmal, werden wir uns an die abgebildete Person erinnern. Das Besondere an Menschen, die nach ihrem Ableben in Kunst verewigt werden, ist ja, dass es nicht nötig wäre. So oder so leben sie weiter in ihrem Werk.

So denke ich mir, wie viel schöner es wäre, wenn statt seines unnahbaren Ausdrucks und seines düsteren Blickes, den das Beethoven-Denkmal für immer festhält, tatsächlich Beethovens Musik erinnert würde. Wie viel mehr Facetten von diesem Mann würde es zeigen könnte, wenn sich einmal in der Woche ein Orchester auf dem Münzplatz versammelte, unter freiem Himmel und für alle Beethoven spielte.

Respekt, Ehre und Dank lassen sich ebenfalls schöner ausdrücken, als in einem in Bronze gegossenen Körper. Am vergangenen Samstag gedachte Europa in einem Trauerakt dem kürzlich verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl. Und bei allem Aufwand ist es doch eigentlich ein schönes Zeichen, wenn die Geschichte einer Person, ihr Leben und Werk, nach ihrem Tod von so unterschiedlichen Stimmen erzählt und in Erinnerung gerufen wird. Diese Erinnerung ist es letztlich, die eine Sache, ein Werk, eine Person lebendig hält.

Meine skeptische Haltung gegenüber Denkmälern kommt wahrscheinlich auch nicht von ungefähr. Schließlich sang ich vor über zehn Jahren mit den Helden meiner Jugend ganz gerne mal laut mit:

„Sie haben uns ein Denkmal gebaut und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut.“

Man muss die Sache aber auch nicht ganz so pessimistisch sehen. Auch wenn die Absicht, durch ein Denkmal so etwas Unverfügbares wie Erinnerung heraufzubeschwören, nicht immer gelingt, gibt es dennoch auch solche Denkmäler, die ich für wichtig halte. Auch ohne einen Grabstein würde ich mich noch weiter an meine Oma erinnern. Aber es ist trotzdem gut, dass es ihn gibt. Dass es einen Ort gibt, der in der absoluten Kurzfassung ihr Leben erzählt. Er gibt Auskunft über seinen Anfang 1937 und sein Ende achtzig Jahre später und für alles dazwischen gibt es Menschen, die an diesen Ort kommen können und davon erzählen, was alles gar keinen Platz auf einem Grabstein fände.

Manch einer will nicht bis zum Tod warten und setzt sich lieber schon zu Lebzeiten Denkmäler. Warum nicht gleich schon einmal ganz unbescheiden alles nach sich selbst benennen, die Nachwelt soll diesen Namen doch noch auf ewig kennen. Zum Glück bleibt abzuwarten, was übrig bleibt vom großen Namen Trump, wenn in einigen Jahren oder Jahrzehnten die Natur und der Verfall ihre Arbeit tun und all die Trump-Tower marode und unbewohnbar machen.

Ich habe selbst fest vor, ein eigenes Denkmal zu errichten. Wenn ich mal alt und einigermaßen vermögend bin, will ich eine Bank stiften. Eine schöne massive Holzbank mit einer Plakette, auf der dann steht:

Hier saß ich oft und träumte, starrte Löcher in die Luft oder dachte über die Welt, das Leben und die Liebe nach.

Und vielleicht wird diese Bank auch für andere zum Denk-Mal.

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