Ein Österreicher geht um Martin Sellner will "dem Rad in die Speichen fallen".

Ich bin ja aus Österreich Vieles gewohnt, wenn es um Protestanten geht. Als Bürger oder Bürgerin meines Landes ist es nicht zwingend notwendig, sich unter „den Evangelischen“ etwas vorzustellen, denn es gibt nur ca. 3,4% Evangelische in Österreich. Und somit ist es nicht verwunderlich, dass ich mir zu meiner Schulzeit die Frage gefallen lassen musste:“Glaubst du als Protestant an Krishna oder an Christus?“ Aber halt! Der – auch in Deutschland bekannte – Wiener Identitäre Martin Sellner klärt in einem Youtube-Video auf, was der richtige Protestant“ und „die richtige Protestantin“ – sollten sie den Glauben leben – zu tun haben und vor allem, was von Margot Käßmann zu halten ist.

„Frau Käßmann, Sie sind eine Heuchlerin und eine Rassistin! Sie sind eine Schande für die evangelische Kirche. […] anders als unter Alkoholeinfluss sind gewisse Äußerungen von ihr, mit der [sic.] sie permanent die Öffentlichkeit penetriert, nicht erklärbar.“

So beginnt die Botschaft Sellners. Unter den gewissen Äußerungen versteht Sellner etwa: „Flüchtlinge sind Botschafter des weltweiten Elends„. Aber für ihn ist Käßmanns jüngste Entgleisung am Kirchentag die vermutlich Schlimmste, denn hier offenbare sich Käßmanns „antideutsche Agenda“ unter dem Deckmäntelchen einer Religionsgemeinschaft. Dazu wird die Schlagzeile von der als rechtsextrem geltenden PI-News eingeblendet: „Käßmann: Deutsche mit deutschen Eltern sind Nazis„. Das Video behandelt nahezu ausschließlich das Thema Volk und führt nebenbei aus, weshalb Käßmann eine Völkermörderin sei. Das Eigene, das ist das Volk. Und das Volk sei schließlich eine der prägenden Quintessenzen des Christentums. Und die Entrechteten in Deutschland? Das sind (wie zu vermuten) die Deutschen selber.

„Sie [sc. Käßmann] vergessen alle ethischen und religiösen und theologischen Grundlagen des Christentums, das Nächstenliebe vorschreibt aber auch die Erhaltung des Eigenen.“

Schon wieder stelle sich die evangelische Kirche auf die Seite der Macht, deshalb habe Käßmann auch gar kein Recht, „Bonhoeffer und andere zu zitieren. Diese Leute sind aufgestanden gegen eine Macht“. Und als Einen dieser Wehrhaften versteht sich Sellner auch. Er macht klar, dass nur seine Bewegung das Recht habe, Bonhoeffer oder Luther zu zitieren. Und schlussendlich ruft er die „Patrioten“ dazu auf, dem „Rad in die Speichen zu fallen“, denn – wie Sellners T-Shirt verrät – DEUS VULT.

Ein lange tot geglaubtes Gespenst geht wieder um: Das Christentum wird völkisch ausgelegt. Und es erfolgt ein Appell am Ende des Videos, dass man dieser Auslegung nicht nur in Worten, sondern auch in Taten umzusetzen habe. Gewaltbereiter christlich-völkischer Fundamentalismus in Reinform. Wie einst die Deutschen Christen, welche den Protestantismus als die Ehre der Nation im Sinne eines kämpfenden und heldischen Christentums verstanden. Damals stand Bonhoeffer genau diesem völkischen Christentum gegenüber, hat genau diesem rechtsextremen Wahnsinn versucht Einhalt zu gebieten. Sellner hat nichts von meiner Konfession verstanden, hat das Christentum und die darin verkündete und bezeugte Botschaft der Liebe Gottes über alle Völker absichtlich ausgelassen.

Meine Hoffnung, dass sich eines Tages in Österreich eine breitere Bevölkerungsschicht unter dem Schlagwort „Protestantismus“ etwas Annehmbares vorstellen könnte, ist noch nicht dahin. Aber auf Sellners „Ausführungen“ kann ich verzichten und muss ihnen in aller Deutlichkeit widersprechen!

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