Auch Christ*innen diskriminieren Ein Beitrag zum intersektionaltheoretischen Vortrag auf der SETh-VV 2017-02
Foto: Lisa Kunze

Dreimal im Jahr findet eine Vollversammlung des Studierendenrates Evangelische Theologie (SETh) statt. Zuletzt tagte das bundesweite Gremium, in das  Vertreter*innen aus Fachschaften und Landeskonventen entsandt werden, vom 9. bis zum 11. Juni 2017 in Rostock. Analucia war dabei und berichtet von ihren Eindrücken des arbeitsreichen Wochenendes.

Guten Morgen. Es ist 8:59 Uhr am 10. Juni 2017. Eine Glocke läutet den zweiten Tagungstag des SETh ein. Durch die dicken Wände und hohen Fenster der Petrikirche in Rostock verstummt der Klang der Möwen, so entsteht Raum für einen interaktiven Vortrag zu intersektionaler Pädagogik. Dafür eingeladen sind Tugba und Sven von der NRO iPäd. Vor den beiden sitzen 48 Student*innen der ev. Theologie als Vertreter*innen der Fachschaften und Landeskonvente. Es ist ein eigenartiges Publikum: Einerseits sehen sie alle sehr ähnlich aus, weiße Menschen zwischen 20 und 30, und sind sich in gewisser Weise auch ähnlich, immerhin verbindet sie das Studium. Andererseits könnten die Beweggründe für dieses Studium, die individuellen Theologien und die kirchliche Sozialisation unterschiedlicher nicht sein. Das ist definitiv eine Herausforderung für die Referent*innen.

Angemessen zu reagieren ist schwieriger als so manche Sprachprüfung

Tugba beginnt den interaktiven Vortrag dort, wo jede Diskriminierung anfängt, in unserem Kopf, mit unseren Gedanken. Sie stellt uns Fragen. Können wir sie bejahen, müssen wir uns von unseren Stühlen erheben. „Habt ihr jemals einen Jungen oder Mann als ‚schwul‘ bezeichnet, weil er sich ‚feminin‘ verhalten hat?“ Im Raum schauen sich alle zögerlich um. Der erste Stuhl wird zurückgeschoben und allmählich stehen alle auf. Auf manche Gesichter huscht ein verlegenes Lächeln, manche lachen, witzig ist es nicht, aber angemessen zu reagieren ist schwieriger als so manche Sprachprüfung. „Habt ihr jemals geglaubt, dass es keinen Sexismus mehr in Deutschland gibt?“ Ich drehe mich zu meiner Sitznachbarin um, zwei beklemmte Blicke treffen sich, wir stehen auf, als einzige. Diese Frage schmerzt mich, aus zweierlei Gründen: Ich erinnere mich, wie die Illusion langsam zerbrach, dass es in Deutschland keinen Unterschied macht, dass ich eine Frau bin, wie ich Sexismen als solche entlarvt habe und erkennen konnte, dass manche Dinge nicht normal sind. In einer Woche wurde ich von zwei männlichen Professoren darauf angesprochen, dass ich schick aussähe. Danke für nichts. Vielleicht erscheint das harmlos, aber ich fühlte mich reduziert auf mein Aussehen, dafür studiere ich nicht. Liebe Herren Professoren, hätten Sie das auch bei meinen männlichen Kommilitonen gemacht? Außerdem schmerzt mich die Frage, weil in Deutschland trotz der relativ guten rechtlichen Lage nicht alle Menschen gleich behandelt werden. Jeder und jede in diesem Raum scheint das schon seit jeher zu wissen, außer mir und meiner Kommilitonin, zwei dezidierte Feministinnen.

Nicht nur Jesus ist unter uns, sondern auch diskriminierende Gedanken

Tugba stellt weitere Fragen zu den Bereichen Sexismus, Homophobie, Rassismus und Transphobie, bei keiner Frage bleibt nicht mindestens ein Stuhl unbewegt. Nach dieser Übung müssen wir feststellen: Nicht nur Jesus ist unter uns, sondern auch diskriminierende Gedanken. Als Aggressor*innen würden wir uns nicht bezeichnen wollen, aber wir erkennen, dass subtile Alltagsdiskriminierungen gleichermaßen verletzend sind und nicht nur aus der rechten Ecke der Gesellschaft kommen, die wir für Probleme wie z.B. des Rassismus gerne verantwortlich machen.

Ras-sis-mus. Was bedeutet das eigentlich? In der nächsten Übung versuchen wir gemeinsam folgende Begriffe zu erklären: Rassismus, Sexismus, Klassismus, Lookismus, Adulterismus, Altersfeindlichkeit, Homophobie und Transphobie. Was diese Phänomene verbindet, ist, dass sie sich auf mehreren Ebenen strukturell wiederfinden. Z.B. sind sie historisch nachweisbar, durch die Medien und die Sprache reproduziert und spiegeln sich in Bildungssystem, Gesetzen und Institutionen wieder. Wir sollen für die verschiedenen Diskriminierungen auf einigen dieser Ebenen Beispiele nennen, es fällt uns erstaunlich leicht. Über Rassismus und Sexismus diskutieren wir am längsten, vielleicht, weil es die strukturellen Diskriminierungen sind, die die meisten Menschen betreffen und uns damit auch am ehesten zu Mittäter*innen machen und diese gerechtfertigte Unterstellung ist hochgradig emotional.

Ich kann nicht ändern, dass ich als Weiße in Deutschland geboren wurde, aber ich kann es wahrnehmen und reflektieren

Die Definitionen werden plötzlich umgedreht. „Es gibt auch Rassismus gegenüber weißen Menschen.“ Nein, den gibt es nicht. Historisch gesehen wurde Europa nicht kolonialisiert und von Menschen des afrikanischen Kontinents versklavt und Jahrhunderte lang unterdrückt. In den Medien werden weiße Menschen nicht einseitig porträtiert und ist gibt auch keine abfälligen Worte, um diese Menschen zu beschreiben, wie z.B. „Mohr“, welcher in der Lutherbibel 2017 verwendet wird. Weiße Menschen leiden nicht unter Rassismus – und das ist gut so. Rassismus und Diskriminierung sind keine schönen Dinge, auf die wir stolz sein sollten. Etwas anders ist es mit Sexismus, hier ist die Reaktion häufig ebenfalls „Was ist mit den Männern? Wir sind auch betroffen.“ Ja, Sexismus betrifft auch Männer*, auch sie sollen laut Gesellschaft einem bestimmten Rollenbild entsprechen. Sexismus betrifft uns alle, weil wir nicht so einseitig sind wie diese Rollenbilder. Das, was Männer* Frauen* gegenüber in Bezug auf Sexismus haben, ist strukturelle Macht und Möglichkeiten. Sich einzugestehen, dass man anderen Menschen gegenüber Privilegien besitzt, ist nicht einfach, leicht tappt man in die Falle, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Darum geht es aber nicht. Ich kann nicht ändern, dass ich als Weiße in Deutschland geboren wurde, aber ich kann es wahrnehmen und reflektieren. Was bedeutet das für mich und was bedeutet das für andere, die nicht mit z.B. diesem Privileg geboren wurden? Darüber sollte und kann ich nachdenken, auch wenn mir klar sein muss, dass ich Dinge, die z.B. Rassismus betreffen, zwar annähernd nachvollziehen, aber nicht verstehen und fühlen kann. Denn für mich ist es nicht omnipräsent, denn ich bin nicht betroffen. Darum plädieren auch Tugba und Sven dafür, dass wir den Menschen aus der Betroffenheitsperspektive zuhören und ihnen eine Stimme geben müssen.

Ein Antidiskriminierungsleitfaden für den SETh

Um das auch im SETh zu etablieren, hat die Fachschaft Roter Faden Marburg einen Satzungsänderungsantrag eingereicht, der den besonderen Schutz von Minderheiten und strukturell Diskriminierten fordert und dafür einen Antidiskriminierungsleitfaden einführen möchte. Die Referent*innen melden zurück, dass diese Diskussion, die der SETh führt, wertvoll ist, um mehr Menschen in der Kirche abzubilden. Das ist auch unser Ziel, als wir gegen 1 Uhr nachts endlich dazu kommen, den Antrag zu diskutieren. Die Sterne stehen bereits am Himmel und die Gesichter sind gezeichnet von Müdigkeit. Vertagen wollten wir diesen Antrag nicht mehr, nachdem wir auch am Nachmittag in einer AG über den Rechtsruck an Universitäten gesprochen haben und feststellen mussten, wie lebensnah solche Diskussionen momentan sind. Leider drehte sich die Diskussion auf Metaebene im Kreis. „Wir als Christen brauchen keinen Antidiskriminierungsleitfaden.“ Unsere deutsche Geschichte sieht das anders. „Dieser Antidiskriminierungsleitfaden ist unpraktikabel. Der SETh steht sich damit selber im Weg.“ Nein, der SETh steht sich damit im Weg, dass er nicht alle Menschen zu gleichen Anteilen abbildet. Die Zeit verstreicht und einige ergeben sich dem dringenden Bedürfnis, schlafen zu gehen.

Um den Prozess voranzutreiben, setzen sich die Fachschaftsvertreter*innen aus Marburg, Münster und Berlin zusammen und arbeiten einen Antrag aus, der auf die genannte Kritik eingeht und möglichst für alle Mitglieder des SETh vertretbar ist. Denn der SETh ist ein basisdemokratisches Gremium, das den Konsens sucht. Wir konnten mit diesem Antrag nicht alle überzeugen, aber mit einer 2/3 Mehrheit wurde er um 5:16 Uhr morgens angenommen. Es mag vielleicht wenig spektakulär klingen, aber jetzt hat der SETh Antidiskriminierungsbeauftragte und einen Antidiskriminierungsleitfaden. Damit gehen wir einen Schritt in Richtung einer gerechteren Gesellschaft und einer Kirche, die sich in allen Bereichen dafür einsetzt.

Sobald es möglich ist, wird der Antidiskriminierungsleitfaden sowie eine Vorstellung der Antidiskriminierungsbeauftragten des SETh hier verlinkt.

2 Kommentare anzeigen

  1. Was mich an diesem wie an fast allen anderen wohlmeinenden Ansätzen stört: Für alle Fälle finden sich Sprachregelungen, aber die riesige Personengruppe der Menschen mit Behinderung fällt einfach unter den Tisch. Wer intellektuell nicht begabt genug ist, wird nicht beachtet.

  2. Oliver

    Es kommt bei einer Diskriminierung oftmals darauf an, dass es sich um die Ausübung eines Machtverhältnisses handelt. Klar, bei vermeintlich Gleichrangigen könne man meinen, dass es keine Unterschiede geben würde, aber dem ist nicht so. In diesem Sinne wäre also Diskriminierung gegeben, wenn man „das Eigene“ dem Fremden aufdrängen will. Was das Eigene und das Fremde ist, wird durchaus auch in der Bibel beschrieben. Die Andersartigkeit von Mann und Frau, Jude und Heide und auch Rangfolgen und deren Kämpfe um Macht und Anerkennung. Aus biblischer Sicht ist demnach der Schwächere, der etwas gegebenüber dem Stärkeren nicht hat. Allerdings wird heutzutage diese Sichtweise pervertiert, indem bestimmte Lebensweisen angeprangert werden. Theologisch und biblisch geht es jedoch um ein bestimmtes Sein oder Nichtsein. Dagegen wird gesellschaftlich mehr darauf abgestellt, konform zu sein. Katholiken und Evangelikale haben leider eine Sündenhierachie aufgestellt, die unbiblisch ist, weil eben jene mit dieser Einstellung andere Menschen drangsalieren und beherrschen wollen. Die Ethik als Gesetz macht es jedem Aggressor einfach, Macht auszuüben. Was ist aber daran christlich ? Gar nichts ! Das Andersdenken, das Anderssein, der Fremde, das Fremdsein wird demnach als Bekämpfungsgrund angesehen, um sich besser zu fühlen. Diskriminierung verläuft allerdings wie eine Sucht, denn auch Christen und Christinnen diskriminieren, weil sie sich nicht besser fühlen wollen, sondern damit sie sich nicht schlecht fühlen. Aus diesem Grunde ist jegliche Diskriminierung nicht das Problem der Opfer, sondern der Täter, die das Andersdenken, das Anderssein, das Fremde oder das Fremdsein nicht akzeptieren können. Des Weiteren gibt es kein gesellschaftliches Leitbild, wie ein Mensch zu sein hat und wie er sich zu verhalten habe. Wenn überhaupt regelemtiert die Bibel das eiegene Denken und Handeln und Verhalten. Dagen wird aber oftmals auch die Bibel als Druckmittel angesehen, um Menschen mit repressiven Mitteln gefügig zu machen, sich dem vermeintlichen Mainstream Christenheit zu beugen. Es wird jedoch verkannt, dass Pluaralismus und Individualisierung ebenso biblisch ist, wie jede falsch verstandene konservative Frömmigkeit. Ein Mensch ist nicht religiös konservativ, weil er sich unter- bzw. einordnet, sondern weil er für sich selber fromm ist. Das „Für-sich-selber-Dasein“ in christlich-religiösen Dingen muss jedoch gelernt werden.

    — Wir als Christen brauchen mit Sicherheit einen Antidiskriminierungsleitfaden !!! —

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