ecclesia semper reformanda Podiumsdiskussion zur Erneuerung des Christentums
Event-Plakat der Kirchentage auf dem Weg, Quelle: r2017

Am vorletzten Tag des Kirchentags stieg ich in den ICE nach Leipzig und nahm dort an der Bilanz-Pressekonferenz der „Kirchentage auf dem Weg“ in der Kongresshalle Leipzig teil. Die Kirchentage auf dem Weg und der Reformationssommer 2017 sind Veranstaltungen vom „Reformationsjubiläum 2017 e.V.“ in Zusammenarbeit mit der EKD und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Noch neugieriger als auf die Pressekonferenz war ich allerdings auf eine Podiumsdiskussion, die nach der Pressekonferenz im Rahmen des „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig stattfand: „Ecclesia semper reformanda – Brauchen wir eine neue Reformation?“ Das „Forum für Gemeinschaft und Theologie“ hatte eingeladen, und auf dem Podium saßen interessante Personen:

  • Marion Küstenmacher, die mit ihrem Mann und Tilmann Haberer zusammen das Buch „Gott 9.0: Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“ geschrieben hat,
  • Prof. em. Dr. Klaus-Peter Jörns, Vorsitzender der „Gesellschaft für eine Glaubensreform„, Berg,
  • Woldemar Flake, Ökumenebeauftragter der Ev. Luth. Landeskirche Hannover, der u.a. vom Projekt „Kirche²“ erzählte,
  • Christoph Maier als Vertreter des einladenden „Forums für Gemeinschaft und Theologie“ und
  • Prof. Dr. Peter Zimmerling, Universitätsprediger in Leipzig, als Moderator.

Es war eine gut besuchte Veranstaltung mit interessierten TeilnehmerInnen. Es gab auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Leider reichte die Zeit nicht aus, um alle Fragen zu beantworten – meine, beispielsweise. Eine meiner Fragen war: Warum sitzt nur eine einzige Frau auf dem Podium?

Frauenmangel auf der Bühne war leider ein Phänomen, das ich auf allen Kirchentagsveranstaltungen wahrgenommen habe, an denen ich teilnahm. Mangelhafte Parität sogar auf dem Kirchentag! Dabei war ich auf keiner einzigen Männer-Veranstaltung. Und das, was die Frauen zu sagen hatten, war oft eine wichtige Erweiterung dessen, was durch die Männer zum Ausdruck kam. Ich wünsche mir mehr Frauen auf den Bühnen beim nächsten Kirchentag – Kirchentag semper reformandus?

Der Ausdruck „ecclesia semper reformanda“ (die Kirche ist eine ständig zu reformierende) im Titel der Podiumsdiskussion in Leipzig geht auf Karl Barth zurück und wurde seitdem von anderen reformorientierten ChristInnen unterschiedlicher Kirchen aufgegriffen. Es hat mich überrascht, dass niemand auf der Veranstaltung den offensichtlichen Widerspruch des Titels zur Sprache brachte. Für diejenigen, die von „ecclesia semper reformanda“ überzeugt sind, ist die Frage im Untertitel falsch gestellt. Die Frage wäre dann nicht, ob wir mal wieder eine neue Reformation brauchen, sondern ob Kirche ihrem Selbstverständnis und ihrer Struktur nach eine ist, die sich ständig reformiert. Aus den Naturwissenschaften kennen wir die Forderung der Reproduzierbarkeit eines Experiments als selbstkorrigierenden Mechanismus, und aus der Wirtschaft kennen wir das Qualitätsmanagement. Wo ist bei der Art und Weise, wie Kirche gemacht wird, erkennbar, dass sie darauf angelegt ist, sich ständig zu reformieren? Ist dies überhaupt erwünscht?

In der Diskussion wurden diesbezüglich zwei Aspekte deutlich: Form und Inhalt. Während niemand in Frage stellte, dass die Gestalt von Kirche sich den Rahmenbedingungen anpassen muss, so fing es bei der Frage nach einer Reform des Inhalts deutlich wahrnehmbar an zu knirschen. Es ging um die Frage der Relativität des christlichen Glaubens gegenüber einem absoluten Gott. Können wir – oder müssen wir nicht sogar – die Inhalte des christlichen Glaubens immer wieder überdenken und neu formulieren?

Die Veranstaltung hat mich begeistert. Das Format als Podiumsdiskussion hat gepasst, und das Publikum war interessiert und konnte sich beteiligen. Vor allem war es allerdings die spürbare Leidenschaft der Personen auf dem Podium, die mich beeindruckt hat. Die Leidenschaft für eine Kirche, die ihrer Bestimmung oft nicht gerecht wird. Im Austausch wurde deutlich, wie fragwürdig vieles ist, sowohl in der Theorie, als auch in der kirchlichen Praxis.

Einige ChristInnen haben bereits begonnen, Gemeinschaft in neuen Formen zu leben und haben gemerkt, dass sie manche alten Strukturen der Kirche dafür gar nicht mehr brauchen. Wenn die Verantwortlichen der Kirchen nicht gestaltend diesen Prozess der Veränderung mitbestimmen, könnte es sein, dass sie irgendwann überflüssig geworden sind, weil Christen Kirche ohne sie machen.

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