Sehen und gesehen werden Unser Fazit vom 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag

Fünf Tage, von Mittwoch bis Sonntag, waren Bettina, Henrike, Christian und Deborah für euch unterwegs in Berlin, Leipzig und Wittenberg. Von dort berichteten sie vom 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag im Jahr des Reformationsjubiläums. Auch in den letzten Tagen fassten sie ihre Eindrücke und Gedanken, die auch über das Festwochenende hinaus wirken, zusammen. Jetzt folgt die persönliche „Abrechnung“: Was waren ihre Lieblingsmomente, was hat ihnen gut gefallen, was wird sie noch weiter beschäftigen, worauf hätten sie verzichten können und was sollte sich ändern?

Christian:

Dies war mein allererster Kirchentag. Ich fühlte mich unter den vielen alten Hasen dennoch gleich wie zuhause und bin immer noch ganz begeistert von all den Eindrücken und Veranstaltungen. Das größte Problem war, mich zwischen all den Veranstaltungen entscheiden zu müssen. Das Meiste verpasst man immer!

Auch wenn Hunderttausend in einer Dreimillionenstadt und in einem Land von 80 Millionen nur ein kleiner Teil sind, war es für mich dennoch ein Event, der Hoffnung macht. Ich bin nicht allein! Es gibt noch viele andere Menschen, die dieselbe Leidenschaft und dieselben Sorgen haben. Und es gibt viele hochkompetente Personen, die Lösungsansätze für Probleme haben, und viele sehr engagierte Menschen, die schon längst dabei sind, Dinge zu verändern.

Bettina:

Im Gegensatz zu Christian war ich seit 2010 in München mit Außnahme 2015 immer beim Kirchentag. Wie jedes Mal war es wieder sehr spannend. Diesmal tun allerdings meine Füße bei weitem nicht so weh wie beispielsweise vor vier Jahren in Hamburg. Das liegt daran, dass in Berlin die Wege so weit sind, dass man sich entscheiden musste: „Bleibe ich auf der Messe oder fahre ich doch eben in die Stadt?“ Ein riesiger Pluspunkt für Berlin ist das Netz des ÖPNV: Vor allem mit der U- und S-Bahn kommt man fast überall hin.

Für mich neu war die Pressearbeit auf solch einem Großevent. Leider bin ich damit nur zum Teil zufrieden, denn die Kommunikation innerhalb der Geschäftsstelle des Kirchentags mit Helfern und Presse war nicht immer optimal. Meine Schwester, die als Ordnerin an verschiedenen Stellen dabei war, hatte zum Beispiel andere Informationen als wir. Schade finde ich auch, dass vor allem die kulinarischen Angebote doch eher auf den gehobenen Geldbeutel abgestimmt waren. An so einer Veranstaltung nehmen auch viele Jugendliche, Studenten und sonstige Menschen teil, die weniger Geld zur Verfügung haben. Kann man das nicht anpassen?

Deborah:

Besonders freut mich, dass es auf diesem Großevent, bei dem Berlin mal knapp um 100.000 Menschen wächst, so friedlich und sicher zugegangen ist. Die Polizeipräsenz war erhöht und an manchen Eingängen wurden Taschen kontrolliert. Beides empfand ich aber nicht als störend. Die Abläufe wurden dadurch auch nicht merklich verzögert. Ein bisschen Sorge hatte ich allerdings, als sich am Samstag zu den selig strahlenden, Deuterucksack tragenden und mit dem Kirchentagsschal behangenen Menschen auch noch jede Menge alkoholisierter Fußballfans gesellten. Fünf Tage DFB-Pokalfinale würde Berlin wohl nicht so leicht wegstecken wie den Kirchentag.

Geärgert hat mich der Umgang des DEKT mit dem eigenen Twitter-Account. Einserseits PR für den Kirchentag zu machen und gleichzeitig den Kurznachichtendienst dafür zu nutzen, für Transparenz zu sorgen und ausschnitthafte Momentaufnahmen aus Veranstaltungen wie der Podiumsdiskussion zu „Christen in der AfD“ zu senden, hat vor allem Verwirrung gestiftet. Für etliche missverständliche Tweets hat sich der Kirchentagsaccount entschuldigt und musste Vieles im Nachhinein klarstellen. Das war sicher keine gelungene PR für den Kirchentag und hätte vermieden werden können.

Ich bin gespannt auf den nächsten Kirchentag 2019 in Dortmund. Gerade, wenn es so viel um Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen geht (wie auch das Programm des diesjährigen DEKT zeigte), schadet es wahrscheinlich nicht, einen Journalisten mit dem Amt des neuen Kirchentagspräsidenten vertraut zu wissen. Ob Hans Leyendecker für mehr Klarheit beim Kirchentag sorgen kann, wird sich in zwei Jahren zeigen.

Henrike:

Mein absolutes Highlight war die Nacht der Lichter auf den Elbwiesen vor der Lutherstadt Wittenberg. Nach kurzen Nächten und langen, bewegten und bewegenden Kirchentags-Tagen in Berlin war dieser stimmungsvolle Abend genau das Richtige für die aufgescheuchte Seele. Mit Brüdern aus Taizé und Schwestern aus Ameugny den Sonnenuntergang hindurch bis in den Morgen hinein singen, beten und zur Ruhe kommen. Der Sonntag in Wittenberg war dann nochmal umso kraftzehrender, wofür neben weiten Wegen zwischen Festwiese und Bahnhöfen bzw. Parkplätzen v.a. die Sonne verantwortlich gemacht werden kann. Das passiert wohl, wenn zu viele Menschen jahrelang für „gutes Wetter“ und Sonnenschein am 28.05.17 beten…

Besonders bewegend fand ich, auch verglichen zu vergangenen Kirchentagen, die Vielfalt, die sich vom Eröffnungs- bis zum Schlussgottesdienst durch das Programm gezogen hat. Thematisch wie musikalisch, interreligiös und international, mal harmonisch, mal kontrovers – ich denke, für jede und jeden war etwas dabei. Und wer nicht gefunden hat, was er sehen und erleben wollte, der kann sich zumindest vom Kirchentagsmotto „Du siehst mich“ (1. Mose 16,13) trösten lassen: Gesehen wurde und wird man immer.

Foto: Deborah Kehr

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