Gott versus Mensch Gedanken zur Monatslosung für Juni
Foto: JJackman (CC BY-SA 3.0)

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
Apg 5,29 (E)

„Lass das, deine Mutter hasst das!“ oder „Wenn du das jetzt nicht sofort machst, gibt’s richtig Ärger!“ Wie sehr ich diese Sätze als Kind doch gehasst habe!
„Zu Parkplatz P1 gehen sie bitte auf der linken Fahrspur, P6 auf der rechten! So kommen sie schnellstmöglich zu den richtigen Shuttlebussen!“ oder „Bitte geben Sie ihr Gepäck an der Gepäckaufbewahrung ab! Die Festwiese darf nur mit Tagesgepäck betreten werden!“ Solche und ähnliche Sätze haben beim Abschlussgottesdienst des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags auf den Elbwiesen in Wittenberg den Besucherverkehr geregelt. Ich habe sie als denkbar nützlich empfunden, denn sonst wären Chaos und Panik unter den 120.000 Menschen ausgebrochen und die An- und Abreise hätte deutlich länger gedauert.

So, jetzt stecke ich in einem Dilemma. Einerseits nerven mich Anweisungen, die mir sagen, wie ich mich zu verhalten habe, andererseits erleichtern sie doch enorm mein Leben. Die Frage ist nun: Was tun? Nach welchen Kriterien darf ich Anweisungen bewerten, ob sie sinnvoll sind? Versuchen wir doch mal, Kriterien zu entwickeln:

  • Inhalt: Ergeben die Anweisungen, die ich erhalte, für mich einen Sinn oder nicht?
  • Ethik: Kann ich den Anweisungen mit gutem Gewissen folgen?
  • Quelle: Wer gibt mir die Anweisung? Vertraue oder misstraue ich dieser Person?
  • Tonfall: Werden mir die Anweisungen freundlich, aber bestimmt, oder doch eher in einem meckernden, unangenehmen Tonfall gegeben?

Diese Kriterien sind tatsächlich gut anwendbar. Gerade der letzte Punkt ist für mich doch sehr ausschlaggebend, ob ich einer Anweisung folgen möchte oder nicht. Aber was ist, wenn die Anweisungen den obigen Kriterien entspricht, der Bibel aber widerspricht?

Ein kleines Beispiel:
Manni, 36 Jahre alt, erfreut sich blendender Gesundheit und genießt sein Leben. Er ist zwar nicht mit Kindern oder Reichtum gesegnet, hat aber eine liebevolle Frau, die er von ganzem Herzen liebt. Kennen gelernt haben sie sich schon vor 20 Jahren, seit 18 Jahren sind sie ein Paar und seit 15 Jahren sind sie im Bund der Ehe untrennbar miteinander verbunden. Sie waren in ihrer Jugend zusammen in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv und obwohl sie nicht regelmäßig in die Kirche gehen, ist ihnen dennoch der Glaube sehr wichtig.
Doch ein Schatten legt sich über das Paar, denn Mannis Frau Erika erkrankt an Krebs. Über Jahre kämpfen sie gemeinsam gegen die Krankheit. Manni fährt Erika regelmäßig zu Arztbesuchen und zur Chemo. Auch die Operationen, die Erika über sich ergehen lassen musste, stehen sie gemeinsam durch. Dennoch wird Erika immer kränker. Der Krebs streut und schließlich müssen sie akzeptieren, dass Erika nicht mehr lange leben wird. Sie leidet unter großen Schmerzen und kann sich kaum noch bewegen. Ihr Leben kann sie schon lange nicht mehr genießen.
Eines Tages spricht der behandelnde Arzt Manni an, als er wieder mal bei seiner Frau ist, und bittet ihn in sein Büro. „Sie müssen sich darauf vorbereiten, dass ihre Frau in den nächsten Wochen sterben wird.“ Manni schweigt. Er weiß nicht, was er noch sagen soll. „Wie Sie wissen,“ fährt der Arzt fort, „leidet ihre Frau unter großen Schmerzen und steht dauerhaft unter starken Schmerzmitteln. Ich möchte Ihnen daher einen etwas unkonventionellen Schritt vorschlagen: Beenden sie das Leiden ihrer Frau. Noch ist sie einigermaßen transportfähig. Bringen Sie sie in die Schweiz. Hier sind einige Informationen über eine Organisation, die Sterbehilfe organisiert. Ich glaube, das wäre in ihrem Zustand das Beste für ihre Frau. Überlegen Sie es sich!“ Der Arzt verabschiedet sich und Manni tritt aus seinem Büro.
Was nun? Klar, Erika leidet, aber sie töten? Es gibt ja immer noch das Gebot: „Du sollst nicht töten!“

Diese Dilemmageschichte zeigt die Schwierigkeit mancher allgemeinen Anweisungen: Es gibt Situationen, in denen ihnen zu folgen, unglaublich schwer wird. Die Apostelgeschichte gibt eine einfache Lösung: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29) Ein klarer, einfacher Satz – aber mir ist das zu plakativ. Wer noch nie in einer solchen Situation war, wie Manni sie gerade erfährt, mag dem zustimmen können. Ich mag das nicht.

Jede Anweisung ist im jeweiligen Kontext stets neu zu prüfen. Dennoch haben Gottes Gebote ein anderes Gewicht als menschliche, denn Gott hat in meiner Vorstellung den größeren Plan, der für uns Menschen häufig verborgen bleibt. Und irgendeinen Grund hat es doch, dass sich diese Gebote über so eine lange Zeit erhalten konnten und selbst in modernen Gesetzen Eingang gefunden haben, freilich in einer anderen Sprache.


Die Monatssprüche werden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen herausgegeben, um durch das Jahr hindurch geistige Impulse und Anregungen zu bieten. Mehr erfahrt ihr hier.

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