Sprichst du Kirchentag?
Bibelarbeit K. Göring-Eckardt MdB, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen Halle 9, Messe Berlin, Charlottenburg Foto: DEKT Jon Vog

Zum DEKT kommen alle zwei Jahre Menschen aus ganz Deutschland, Männer und Frauen, evangelische Christinnen und Christen, sogenannte „Kirchenaffine“. Aber auch Anhänger_Innen anderer Konfessionen und Religionen, vereinzelt auch Kirchenkritiker_Innen, sind auf der Großveranstaltung vertreten. Zu Bibelarbeiten kommen teilweise tausende Teilnehmende und auch Podiumsdiskussionen und Vorträge sind im Gegensatz zu normalen Sonntagsgottesdiensten extrem gut besucht. Wie spricht man nun zu so einem Publikum? Wie gewinnen Rednerinnen und Redner Teilnehmende des Kirchentags für sich?

Katrin Göring-Eckardt

Nachdem die Fraktionsvorsitzende der Grünen bei mir zumindest schon einmal dadurch Eindruck macht, dass sie den Text zu ihrer Bibelarbeit nicht vorliest, sondern auswendig vorträgt, beginnt sie ihre Rede mit Fragen an die Teilnehmenden: Wer kommt aus Berlin? Wer ist katholisch? Wer muslimisch? Wer zweifelt am Glauben? Wer ist verliebt? Wer hat Kummer? Wer ist unter 30? Wer ist Kirchentag? Die Teilnehmenden werden aufgefordert aufzustehen, sobald eine der Fragen auf sie zutrifft. Das Szenario erinnert mich an ein Video, das Anfang des Jahres in den sozialen Netzwerken eifrig geteilt wurde. Ziel der Abfrage war es, festzustellen, dass die Teilnehmenden, wie die Frauen aus Lukas 1,39–56, auch einer Randgruppe angehören. Aber auch zu zeigen, dass alle, die da sind, etwas mit vollkommen Fremden gemeinsam haben. Viele kleine Boxen in einer großen Box, die auf Kirchentagskartons sitzen.

Was dann folgt ist ein rhetorischer Rundumschlag. Göring-Eckardt spricht in ihrer Auslegung der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth über existenzielle religiöse Themen, wie die Abgewandtheit Gottes, Freiheit und Hoffnung. Das Magnificat deutet sie als einen Auszug aus der Angst und eine Hinwendung zur Welt. Bei einer Auslegung auf dem Kirchentag darf Luther natürlich nicht fehlen, denn er interpretierte den selben Text schließlich schon knapp 500 Jahre zuvor als eine Verwandlung der Verhältnisse. Wie in der Reformation zeichne sich ab, dass unsere Welt im Umbruch sei. Göring-Eckardt platziert hier neben dem Klimawandel, der Forderung nach Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen auch noch ein bisschen Kritik an der Konsumgesellschaft und eine Würdigung des Ehrenamtes. Über das Thema „Bienensterben“ schlägt sie den Bogen zur Verantwortungsübernahme im Klimawandel und der Verantwortung der Kirche in Gesellschaft und Politik. Kirche solle im Weg stehen und die Gewaltigen vom Thron stürzen. Noch ein Wort zur Flüchtlingskrise: Wir brauchten keine Obergrenzen von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, und fertig ist die Laube.

Göring-Eckardt ist erfahren auf dem Kirchentagsparkett. Sie weiß ganz gut, wen sie vor sich hat. Denn seien wir ehrlich, wenn gleichzeitig das Anstehen für eine Diskussion von Barack Obama und Angela Merkel am Brandenburger Tor stattfindet, dann verirrt man sich nicht aus Versehen in eine Messehalle zu einer Bibelarbeit der Grünen-Politikerin. Die Erwartungen des Publikums – welches geduldig eine Stunde einer Bibelarbeit lauscht, die politisch ist, aber auch theologisch einigermaßen fundiert, gesellschaftskritisch ist und am Ende nochmal alle Anwesenden zu Engagement und verantwortlichem Handeln aufruft – dürften gestillt sein.

Fulbert Steffensky

Der Dom zu Berlin ist voll. Vor den Türen stehen Menschen und hoffen, dass sie doch noch irgendwo einen Platz bei der Bibelarbeit bekommen. Drinnen wird trotz der hohen Decken der Sauerstoffgehalt der Luft immer dünner. Man könnte meinen, in einem Mittelstufenklassenzimmer zu sitzen. Doch guckt man nach links und rechts, stellt man fest, dass man sich wohl eher in ein Lehrerzimmer verirrt hat: Lauter Menschen jenseits der 40 und wahrscheinlich auch die ein oder andere Studienrätin a.D. Und nun beginnt Klassenlehrer Steffensky seine Bibelarbeit vor einem lernwütigen Publikum. Viele haben neben Liederbuch und der Kirchentagsübersetzung von Gen 33,1–17 auch gleich noch Stift und Block gezückt. Steffensky liest die Perikope vor, hält inne und gibt dann zu: „Also mir sagt dieser Text erstmal gar nichts.“ Und damit holt er die Zuhörenden ab und nimmt sie mit auf seine Reise durch die Geschichte von Jakob, dem Schlitzohr, dem betrogenen Betrüger.

Steffensky holt weit aus, erzählt eine Betrugsgeschichte Jakobs nach der anderen. Die Erzeltern sind in seiner Geschichte sehr zweideutige Figuren. Bis zum Kampf am Jabbok, wo Jakob von der Zweideutigkeit seines Namens befreit und sich seiner Bedürftigkeit bewusst wird. Er muss nun dem Bruder begegnen. Steffensky spricht ruhig und in mäßigem Tempo und dem lauschenden Publikum wird nun klar, was hier das Thema ist: Schuld, Vergebung und Versöhnung. Es geht um die eigene Schuld, die große Lebensschuld. Es geht darum, dass Menschen irgendwann feststellen, dass sie es nicht aushalten können, zu sein, wie sie sind. Und es geht um Gnade. Gnade als Befreiung vom Urteil über sich selbst.

Steffensky spricht eine sehr religiöse Sprache. Vergebung und Erwählung sind keine Fremdwörter für ihn, sondern gehören zu seinem aktiven Wortschatz. Er lässt ab und an ein paar Zitate fallen und belebt seine Bibelarbeit am Ende mit einigen Beispielen zu Vergebung in Gesellschaften. Die Bibelarbeit im Dom schließt er mit einem letzten Zitat von seiner verstorbenen Frau. Ich könnte wetten, die Dame neben mir hat Gänsehaut.

Auch in dieser zweiten – von Setting, Publikum und Inhalt verschiedenen – Bibelarbeit werden die Erwartungen der Besuchenden erfüllt. Steffensky liefert ihnen Bibelgeschichten, theologische Auslegung, Emotionen und das Gefühl, ganz persönlich angesprochen worden zu sein. Und das auf eine sehr dezente Weise.

Ich würde sagen, dass sowohl Katrin Göring-Eckardt als auch Fulbert Steffensky die jeweilige Rede geglückt ist. Und das dadurch, weil sie zielgruppenorientiert gesprochen haben. Sie haben sich eingeschränkt und auf einen Teil des Kirchentagspublikums mit ihren Worten fokussiert, weil sie wohl schon ziemlich genau wissen konnten, zu wem sie sprechen. Zwar sind im Prinzip auf dem Kirchentag alle Veranstaltungen für alle da, aber am Ende sucht sich doch jeder und jede aus dem riesigen Angebot seine und ihre eigene Nische.

Ein Kommentar

  1. Johannes

    Vielen Dank für die gelungene Schilderung!

    Und auch hier ist das Publikum sehr eindeutig: Wenn die Autorin noch nicht einmal den Namen von Steffenskys Frau zu nennen braucht. ;-)

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