Margot und die Nazis Ein kritischer Blick auf die Diskussion um die Bibelarbeit von Margot Käßmann
Foto: Kirchentag

„Wo Deutsche Kinder bekommen, da weht ein ‚brauner Wind‘.“ So zitierte die Alternative für Deutschland (AfD) am vergangenen Samstag Margot Käßmann mit Verweis auf einen Artikel im Onlinemagazin „Neues Deutschland“ auf ihrer Facebookseite. Sofort geht ein regelrechter Shitstorm auf „die Kirche“ los. Margot Käßmann habe wohl wieder zu viel getrunken, die Kirche sei eh überflüssig… Ein User schreibt sogar offen, er habe aus Käßmanns Rede, die er vermutlich nur von diesem Zitat her zu kennen scheint, die unmittelbare Konsequenz gezogen und wäre aus der Kirche ausgetreten. Die Stimmung kocht hoch. Immer mehr melden sich zu Wort. Die Kirche und Margot Käßmann werden an den Pranger gestellt. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass das Zitat, auf das sich die AfD bezieht, aus dem Zusammenhang gerissen und (wissentlich) falsch interpretiert wurde. Margot Käßmann erwägt nun, rechtliche Schritte gegen die AfD einzuleiten. Das wiederum bringt die AfD-Facebookredaktion wieder auf den Plan: „Einer geht noch rein: Käßmann fordert Zensur!“ schreibt sie.

Das Originalzitat, auf das sich die AfD wie hungrige Löwen stürzte, lautet: „Zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern: ‚Da weiß man, woher der braune Wind wirklich weht‘.“ In diesem Zusammenhang ist der ‚braune Wind‘ schon eindeutiger verständlich. Die Organisatoren des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin stellen das originale Skript von Margot Käßmanns Bibelarbeit online zur Verfügung. Hier kann man, wenn man sich die Mühe macht, den originalen Zusammenhang nachlesen: Ja, Margot Käßmann zitiert dreimal aus dem Wahlprogramm der AfD. Es geht um die Familienpolitik. Sie gibt in einer Fußnote sogar die Quelle an. Der Zusammenhang in der Bibelarbeit ist der folgende: Es geht darum, wie eine tradititonelle Familie auszusehen hat. „Frauen sollen Kinder bekommen, wenn sie ‚biodeutsch‘ sind. Das ist eine neue rechte Definition von einheimisch gemäß dem so genannten kleinen Arierparagraphen der Nationalsozialisten: zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern. So einfach klein und eng können selbst die Neonazis sich die Welt im Jahr 2017 nicht malen.“ So legt Käßmann das Wahlprogramm der AfD aus.

Ich saß selbst in der Bibelarbeit von Margot Käßmann am vergangenen Donnerstag und kann sagen: Die Kritik an dem von der AfD geforderten Familienbild traf scheinbar den Nerv vieler der 5.000 Besucher, denn sie wurde mit viel Beifall beantwortet. Eigentlich war dieser Teil auch nur ein sehr geringer einer – wie ich finde – sehr gelungenen Auslegung der Begegnung von Elisabeth und Maria in Lk 1,39-56. Umso trauriger ist es, dass sie nun in der allgemeinen Diskussion auf ihre Auseinandersetzung mit der AfD zugespitzt wird. Eigentlich ging es darum, wie sich Frauen auf ihr erstes Kind vorbereiten, wie sie sich gemeinsam in dieser Phase stützen, wie sie Willkommenskultur leben und wie sehr wir alle doch gemeinsam gegen Unrecht aufstehen sollen, so wie es Maria in ihrem „Revolutionslied“, dem Magnificat, tut.

Ja, Margot Käßmann hat sich zur AfD geäußert und ihre Meinung zur Neuen Rechten sehr deutlich gemacht. Allerdings hat sie zuvor recherchiert und das Wahlprogramm der AfD gelesen. Sie hat sich in einen indirekten Dialog begeben. Ihr Ziel war es aber nicht, ihre Bibelarbeit zu einer linkspopulistischen Anti-AfD-Wahlveranstaltung zu machen. Schade ist es in meinen Augen, dass genau das gerade propagiert wird. Das wirft leider nicht nur ein schlechtes Bild auf Frau Käßmann, das sie in diesem Fall definitiv nicht verdient hat. Es wirft auch ein schlechtes Licht auf „die Kirche“, die in den entsprechenden Köpfen nicht konfessionell trennbar ist, und auch auf den Kirchentag.

Der öffentliche Rahmen, in dem diese Auseinandersetzung gerade geführt wird, bietet aber noch ein weiteres Problem: Die unüberlegte Veröffentlichung spontaner Gefühlswallungen in den sozialen Medien bietet besonders radikalen Menschen, egal welcher Ausrichtung, die ungefilterte Möglichkeit, ihre doch eher vereinzelte Meinung vor ein großes Publikum zu werfen, fast wie Samenkörner. Und häufig genug fallen diese Samen dann auf fruchtbaren Boden. Leider sind diese Samen selten gut recherchiert. So polarisiert sich die Gesellschaft.

Margot Käßmann muss sich nun damit auseinandersetzen. Nicht damit, angeeckt zu sein, sondern damit, wissentlich falsch zitiert und in den sozialen Netzwerken verunglimpft worden zu sein. Leider ist das nur ein weiteres trauriges Beispiel der (un-)sozialen Medien unserer Zeit.

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