Jewish-Christian Dialog, live!
Das letzte Abendmahl mit Judas vorne rechts, Carl Bloch, spätes 19. Jh. [public domain, via Wikimedia]

Das hätte der Titel einer Kirchentagsveranstaltung gestern sein können: Deutsch-Englisch, mit internationalem Flair. Stattdessen war der offizielle Titel: „Reformationsjubiläum als ‚Christusfest‘? – Auf der Suche nach einer nicht antijüdischen Christologie“

Die Veranstaltung gehörte zum „Zentrum Juden und Christen“ des Kirchentags und fand im Konzertsaal der Universität der Künste in Berlin statt. Nach der Veranstaltung wurde dem israelischen Schriftsteller Amos Oz dort auch der „Abraham-Geiger-Preis für Verdienste um das Judentum in seiner Vielfalt“ verliehen.

Im ersten Teil der Veranstaltung hielt Amos Oz einen Vortrag über Judas und Jesus, basierend auf seinem 2014 erschienen Roman „Judas“ (im Original „הבשורה על פי יהודה“), für den er vor zwei Jahren den Internationaler Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt verliehen bekam. Dabei ging es natürlich nicht nur um Judas und Jesus, sondern auch um das Judentum und das Christentum und ihr Verhältnis zueinander. Oz gelang es nicht nur, auf unterhaltsame Weise Lust auf seinen Roman zu machen, sondern er ließ auch auf eine charmante Art und Weise den Ernst und die Tiefe des Themas der anschließenden Podiumsdiskussion erahnen.

Für den zweiten Teil der Kirchentagsveranstaltung waren dann sechs Personen auf dem Podium: eine Moderatorin, vier Diskutierer und Einer fürs Resümee: Die Moderatorin, Kathy Ehrensperger ist Research Professor for New Testament in Jewish Context am Abraham Geiger Kolleg, das ein An-Institut der Universität Potsdam ist. Ihr Chef, Rabbiner Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Walter Homolka saß gleich neben ihr.
Extra aus den USA eingeflogen kam Michael J. Cook, Rabbiner und akademisches Schwergewicht, was jüdisch-christliche Beziehungen angeht: Professor of Judaeo-Christian Studies & Professor of Intertestamental & Early Christian Literatures am Hebrew Union College in Cincinnati, Ohio. Er berichtete u.a. davon, wie die Beschäftigung mit der Überlieferung von Jesus aus Nazareth für viele amerikanische Juden zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.
Außerdem auf der Bühne: Prof. Dr. Christoph Schwöbel, Systematischer Theologe aus Tübingen und Dr. Eske Wollrad vom „Evangelischen Zentrum Frauen und Männer“ in Hannover, sowie als resümierender Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Christoph Markschies, der sich an der Diskussion nicht beteiligte, sondern ein zusammenfassendes und kommentierendes Schlusswort sprach.

Die Veranstaltung vermittelte einen guten Eindruck von der langen, leidvollen und schwierigen Beziehung zwischen Juden und Christen. Ein Christentum, das Jesus als den Retter ALLER Menschen bekennt, lebt immer in einer Spannung zu den Menschen, die diesen Glauben nicht teilen. Auch die Beziehung zu Muslimen und nicht-religiösen Menschen wurde angesprochen, und das Bemühen um ein Erzählen vom eigenen Glauben, das nicht gleichzeitig andere Menschen herabsetzt, wurde spürbar.

Die Veranstaltung war leider etwas Männer-lastig. Mehr Frauen wären gut gewesen. Dies wurde besonders durch die Beiträge von Eske Wollrad deutlich, die engagiert darauf hinwies, dass Theologie nicht interessenlos ist und Glaube und Erzählen vom Glauben immer in einem Kontext stattfinden. Ob man Mann oder Frau, Weißer oder Schwarzer, Europäer oder Orientale, ein moderner oder ein antiker Mensch ist, spielt eine Rolle.

Ähnlich war der Hinweis von Michael J. Cook auf den historischen Kontext der Überlieferung von Jesus. Was wir über die Zeit wissen, in der die neutestamentlichen Texte entstanden sind, lässt erahnen, welche Interessen die Entstehung und die Gestalt dieser Texte beeinflusst haben könnten. Auch wenn solche Überlegungen notwendigerweise einen spekulativen Charakter haben, so können sie dennoch unsere Wahrnehmung für den gegenwärtigen religiösen Dialog schärfen.

Teil des Programms waren auch vier musikalische Einlagen bestehend aus Gesang mit Klavierbegleitung von Nikola David (München-Augsburg), Daniel Seroussi (Berlin) und Aviv Weinberg (Berlin), welche die Intensität der gesprochenen Beiträge etwas auflockerten. Ein tolles Konzept und eine dreistündige Veranstaltung, die mich begeistert hat – mehr davon!

Beim Umfang des gewählten Themas musste das Meiste natürlich ungesagt bleiben. Dennoch machte die Kompetenz der Diskutierenden und die Qualität des Austauschs Hoffnung für den jüdisch-christlichen Dialog, und es entstand in mir Vorfreude auf die Früchte, die man von diesem Dialog für die Zukunft noch erwarten kann.

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