Vicky Beeching – Kämpferin aus Leidenschaft Portrait einer Frau, die schon viel erleben musste
By Greg on the Run via Wikimedia Commons CC0

Vicky Beeching ist in Deutschland vielen eher unbekannt. Der Song „Above all else“ findet sich zwar in manchem Liederbuch, aber ansonsten hat es die Britin hierzulande kaum zu Ruhm und Ehre geschafft. Dabei hätte sie es verdient.

Vicky Beeching wurde 1979 in Canterbury geboren. Die Stadt im Südosten der britischen Insel beherbergt mit dem Archbishop of Canterbury das Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Beeching ist eher freikirchlich orientiert. Zuerst ist sie in einer Pfingstgemeinde, später dann in einer freikirchlichen Strömung der Church of England. Die Kirche spielt eine große Rolle in ihrem Leben. Aber für Beeching ergibt sich bald ein Problem: Sie merkt nämlich, dass sie lesbisch ist. Das ist aber in ihrer Kirche und in ihrer Familie verpönt. Hier ist klar: Homosexualität ist Sünde. Beeching ringt mit sich und ihrem Glauben. Im Interview gibt sie zu, dass sie sich geschämt habe. Mit 16 bittet sie auf einem Jugendcamp bei einem Exorzismus öffentlich um Heilung. Der „Erfolg“ bleibt aus.

Es ist erstaunlich, dass Beeching sich trotzdem nicht von diesem Glauben lossagt. Ganz im Gegenteil. 1997 zieht sie nach Oxford, um an der renommierten University of Oxford einen BA in Theologie zu machen, dem 2001 ein Master folgt. Gleichzeitig besucht sie die Oxford Vineyard Church, wo sie schnell zur Worshipleaderin wird. Sie kommt u.a. in Kontakt mit Brian Doerksen und Brenton Brown, beides Größen der internationalen Worship-Szene. Nach dem Studium zieht es die damals 23-jährige in die USA, genauer nach Nashville. Dort entwickelt sie sich mehr und mehr zur professionellen Sängerin. Zwischen 2002 und 2010 erscheinen fünf Alben, dazu tauchen ihre Songs auch auf christlichen Mix-CDs auf. Sie tourt herum, unter anderem mit der Gruppe der Spring Harvest Church. Eigentlich stand einer großen Karriere nicht viel im Weg.

Eine Krankheit als Chance

Doch es kommt anders. 2009 wird Beeching krank. Eine Auto-Immunkrankheit. Vermutlich hervorgerufen durch ein zu hohes Stresslevel, wie ihr der Arzt sagt. Für Beeching ist klar: Das ist ihre unterdrückte Sexualität. Sie kehrt nach England zurück, wo sie sich einer Chemotherapie unterzieht. Dort fasst sie einen Entschluss: Schluss mit dem Versteckspiel, bis 35 habe ich mein Coming-Out.  Die Therapie dauert ganze 18 Monate. Beeching darf nicht arbeiten, sie bekommt Zeit, über alles nachzudenken. Sie schließt erste Kontakte in der Gay-Community und outet sich vor ihren Eltern, die zwar nach wie vor kritisch der Homosexualität gegenüberstehen, ihre Tochter aber akzeptieren und nicht – wie befürchtet – verstoßen.

Dann kommt der große Schritt, der ihr Leben für immer verändert. Am 14.August 2014 erschient in der britischen Zeitung „The Independent“ ein Interview, in dem sie sich öffentlich zu ihrer Sexualität bekennt. Die Nachricht wird weltweit veröffentlicht und verbreitet. Was folgt sind Lob und Anerkennung, aber auch ein Shitstorm sondergleichen, der bis heute anhält. Ihre Musikkarriere ist endgültig dahin, im Bible Belt in den USA werden ihre Songs nicht mehr gerne gesungen und gehört.

Doch Beeching tritt an zum Kampf. Sie will die Kirche verändern. Seit ihrem Coming-Out setzt sie sich für die Rechte der Gay-Community in der Kirche ein. Sie will Gleichheit für alle. Dafür nutzt sie auch ihre Stellung und Kontakte. Mittlerweile arbeitet sie bei der BBC, wird immer wieder in Sachen Ethik und zu anderen religiösen Themen befragt. Sie schreibt eine Dissertation an der University of Durham. Mit anderen Worten: Sie ist eine umtriebige Frau, die – so scheint es – mit beiden Beinen im Leben steht. Das hätte auch anders sein können.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Die Geschichte von Vicky Beeching zeigt viele Dinge auf. Zunächst: Der Weg zu einer Homosexualität anerkennenden Kirche (und Gesellschaft) ist noch weit. Das zeigt auch das jüngste Beispiel eines Pfarrers in Vlotho, der für seine Homosexualität von der Nachbargemeinde angefeindet wurde. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema – in allen seinen Licht- und Schattenseiten – darf nicht einschlafen, sondern muss weiter offensiv in der Kirche geführt werden. Wir brauchen diese Diskussion und wir brauchen Menschen wie Beeching, die sich aktiv in diese Diskussion einbringen. Immerhin: Auch die Church of England diskutiert nun das Thema breit und es gibt eine große Fraktion, die gerne auch die Ehe für Homosexuelle einführen würde. Ganz durchgesetzt haben sie sich aber noch nicht.

Viel wichtiger aber scheint mir etwas anderes. Egal, welche theologische Meinung man zu diesem Thema haben mag, es muss eine andere Form der Kommunikation her. Verleumdungen, Diffamierungen, Beschimpfungen und „Brandmarkungen als Sünder_in“ helfen keinem weiter. Jesus ist auch nicht zur Ehebrecherin gegangen und hat sie niedergestreckt. Wir sollten in dieser Hinsicht in der Lage sein, seinem Beispiel zu folgen und uns auf Augenhöhe als Menschen begegnen: In Anerkennung des anderen und in ernst gemeinter Nächstenliebe.

Wer das ganze Interview mit Beeching lesen will (was sich wirklich lohnt), findet es hier:

http://www.independent.co.uk/news/people/news/vicky-beeching-star-of-the-christian-rock-scene-im-gay-god-loves-me-just-the-way-i-am-9667566.html

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.