Kirche mit Jazz Eine Musikrichtung sucht Anschluss in den Kirchen
Bildrechte bei Edgar Navarro (2007)

Die meisten Kommilitonen, die ich kenne, hören Rock und Pop, einige beschäftigen sich mit den Perlen vergangener Musik-Zeitalter. Ich selbst beginne mich erst jetzt mit Klassikern der Zeiten vor 1990 auseinanderzusetzen und höre auf meiner Schallplatte Sting, Peter Gabriel oder die Beatles rauf und runter. Benötige ich nach einem Streit mal kurz Ruhe, lege ich dann eine alte Platte namens „Die Moldau“ von Smetana auf. Jazz kenne ich jedoch kaum. Vielleicht ist Louis Armstrong noch ein Künstler, welcher einer breiten Masse bekannt ist. Deutsche Jazzmusiker? Ja, die gibt es tatsächlich. Till Brönner zum Beispiel, dessen Namen ich irgendwo schon ein mal aufgeschnappt habe, oder aber Sarah Kaiser.

Betrachten wir in einem Gottesdienst die Ausgestaltung der Kirchenmusik, so sind es im Grundlegenden vier große Musikgruppen, die diesen Bereich ausüben. Dazu zählen Kirchen- als auch Posaunenchöre, Organisten und vermehrt Bands. Ab und zu organisieren diese Gruppen spezielle Konzerte, meistens zur Abendzeit, welche von schwierigeren Orgelarrangements bis hin zu einem reinen Lobpreisabend reichen. Auch Jazzkonzerte werden durchaus vorgetragen und mit großem Aufwand betrieben. Jazz an sich mag zwar bei vielen Personengruppen beliebt sein, dennoch ergibt sich oftmals ein gemischtes Meinungsbild bei solch aufgeführten Konzerten. Es bleibt also oft bei diesen „Experimenten“, da schlicht und ergreifend die Unterstützung, Beteiligung und Mittel fehlen, diese Konzerte in kürzeren Intervallen durchzuführen. Dennoch stellt sich die Frage: Kann sich Jazz in der Kirchenmusik, speziell bei der langfristigen musikalischen Mitgestaltung von Gottesdiensten etablieren?

Um dieser Frage nachzugehen, habe ich ein kurzes Interview mit M. Fröhlich, Leiter eines Studios für Rock- und Popgesang, aber auch des integrierten Gospelchores und einer Jazzband durchgeführt. Sein Fazit dazu lautet: „Dass sich ein Jazz-Gottesdienst etablieren kann, sehe ich eher skeptisch.“

Sicherlich sei es interessant, eine neue Klangfarbe in den Gottesdienst hereinzubringen, jedoch ist es schwerer, Songs zu finden, die gemeinsam mit der Gemeinde gesungen werden können. Zudem fühlt sich nicht jede Person von Jazz angetan. Des Weiteren würden „Kirchen-ferne-Jazz-interessierte Menschen nicht zwangsläufig dauerhaft in den Gottesdienst gehen, weil dort Jazz gespielt wird.“ Und nicht zu verachten: Viele Personen und Laienmusiker hören Jazz, diese Musikrichtung zu spielen erfordert jedoch eine deutlich höhere musikalische Ausbildung. Demnach könnte sich die Suche nach geeigneten Kirchenmusikern schwer gestalten.

Dies soll sich in Zukunft jedoch ändern. Vom 2. bis 5. März 2017 lud das Liturgiewissenschaftliche Institut der Universität Leipzig zu einem Fachgespräch über Improvisationen und Klangfarben des Evangelischen Gottesdienstes ein. Zahlreiche Musiker aus aller Welt waren anwesend und führten dabei Konzerte in den Kirchen der Stadt auf. Etwas im Hintergrund aber traf sich die sogenannte „Blue Church“, Initiator der Idee, Jazz in den Gottesdienst zu integrieren.

Das Netzwerk ist noch relativ jung, ausgehend von der Reformierten Kirche aus dem Kanton Zürich. Allerdings sitzen nicht nur Schweizer in dieser Gruppe, sondern auch engagierte Leute aus dem weiteren deutschsprachigen Raum. Als junges Netzwerk gibt es noch enorm viel Arbeit zu erledigen. Man benötigt engagierte Personen, finanzielle Hilfen und natürlich auch Unterstützung der Kirchlichen Verbände, welche sich bei Jazzmusik noch zurückhalten. An heute grundlegenden Sachen muss man auch noch arbeiten, u.a. an einer eigenen Internetpräsenz. Ohne persönliche Kontakte wird für viele potenziell interessierte Personen dieses Projekt ein unbeschriebenes Blatt sein.

Die Blue Church möchte nun jährlich ein Vernetzungstreffen organisieren, immer in abwechselnden Städten. Wächst das Netzwerk gut, so sollen in späteren Verläufen sogar Preise und Kompositionsaufträge für Jazzmusik vergeben werden. Das ehrgeizigste Ziel aber ist ohne Zweifel, sogenannte Jazzkirchen zu gründen. Diese sollen in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern entstehen, wo ausschließlich „Jazz Ministry“ geschehen soll. Eine bestehende Gemeinde soll dabei Partner der Blue Church werden und die Idee eines Jazzgottesdienstes in die Praxis umsetzen. Ausgehend von dieser Jazzkirche sollen die umliegenden Gemeinden die Möglichkeit erhalten, eigene Gottesdienste mit Jazzmusik abzuhalten. Zudem soll eine Plattform zum Austausch unter den jazzinteressierten Kirchenmusikern entstehen.

Die Ziele des Netzwerks sind ziemlich hoch gesteckt, ohne Frage. Was für ein Meinungsbild hätten die Gemeinden wohl? Nicht jeder Pfarrer wird von der Idee, Choräle gegen Jazz-Kompositionen auszutauschen, begeistert sein. Ebenfalls werden viele Gottesdienstbesucher, welche die altbekannten Lieder mitsingen möchten und keine (teilweise) verwirrende Musikbegleitung benötigen, diese Gemeinde fortan meiden. Sicher kann man einige interessierte Personen in den Gottesdienst locken, aber es ist fraglich, ob man mit diesem Konzept dauerhaft Erfolg haben wird. Das liegt aber eben auch daran, dass sich noch keine Kirchgemeinde als Jazz-Kirche ausprobiert hat, und sicherlich gibt es relativ zeitnah eben diese Gemeinde, die sich an Jazzgottesdiensten versucht. Vielleicht sollte also das alte Sprichwort gelten: „Probieren geht über Studieren.“

Solange sich Jazzgottesdienste noch nicht in der Praxis bewährt haben, sind nur Spekulationen und Mutmaßungen möglich, die Realität kann meistens völlig anders aussehen. Die Blue Church wird in den kommenden Jahren einiges erreichen können, sofern die Strukturen dafür entstehen. Betrachtet man neue Studiengänge, die von den Landeskirchlichen Musikhochschulen aufgebaut werden, so könnte auch dort eine langsame Umstrukturierung stattfinden. Allen Ideen jedoch sollte letztlich zu Grunde liegen, dass es auf die Verkündigung des Evangeliums im Gottesdienst ankommt. Nur Jazz allein kann dazu nicht beitragen, sondern unzählige weitere Faktoren.

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