Moment mal: Nicht sofort lospoltern (Eph 4,26–32) 7 Wochen ohne sofort!

Das „7-Wochen-Ohne“-Motto dieser Woche möchte uns zu anständigem Umgang miteinander aufrufen, online wie offline. Es tut es diesmal mit Versen des Tugendkatalogs aus Epheser 4:

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören […]

Es stimmt natürlich: Dank des Internets und der Sozialen Medien ist so viel „faules Geschwätz“ im Umlauf wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Dafür verantwortlich sind wir irgendwie alle zusammen: So ziemlich jeder hat schon mal in einer Twitter-Konversation über die Stränge geschlagen oder sich auf Facebook über Unglück oder Dummheit eines unliebsamen Politikers oder irgendeiner Celebrity lustig gemacht.

Trotzdem ist dieses Bild, das Epheser 4 von Gemeinschaft zeichnet, natürlich attraktiv: Ein kommunikativer Safe Space, ohne „Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung“, wo Menschen „untereinander freundlich und herzlich“ sind. So etwas wünscht sich doch irgendwie jeder.

„Edel sei der Mensch …?“

Warum also scheinen wir dieser Utopie nicht wenigstens langsam näher zu kommen? Themen wie Hatespeech und Cyber-Mobbing sind doch längst im Mainstream angekommen, sie werden in unseren Talkshows diskutiert. Wir widmen anscheinend ganze Fastenwochen dem Thema! Das ist nämlich der Punkt, an dem ich mit der Theologie des linken Mainstreams nur wenig anfangen kann: Die verbreitete Vorstellung, dass der Mensch an sich „gut“ sei, dass er zum Guten fähig sei, wenn er nur motiviert oder gebildet genug ist, scheitert an der Wirklichkeit. Die Menschheit ist eben trotz allem kulturellen und sozialen Fortschritt nie „besser“ geworden.

Deshalb versteht auch das Neue Testament einen tugendhaften Lebenswandel nie als Selbstzweck. Es ist immer Christus’ Erlösungswerk, auf das die christliche Tugend verweist. Wer Epheser 4 als aufklärerischen Appell zu einem moralischen Lebenswandel liest, hat nicht bis zum Ende gelesen:

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Christen keine hohen moralischen Standards haben sollten. Und schon gar nicht, dass Anstand – online wie offline – irrelevant oder zwecklos wäre. Aber christliche Verkündigung darf nicht einfach beim Appell enden, wenn sie wirklich Evangelium für die Welt sein will.

Aber genug gepoltert für heute.

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