Wie fühle ich mich? Klinische Seelsorge-Ausbildung im Theologiestudium
Skulpturenpark Oslo (Foto von Johanna Liedke)

Viel Gefühl, ein bisschen Drama und eine Achter-WG für sechs Wochen – klingt nach Reality Show? Ist aber viel realer und nennt sich Klinische Seelsorgeausbildung, kurz KSA.

Als ich am Kursort ankam, war mir nicht wirklich klar, was mich bei der KSA erwarten würde. Aber mir war auch nicht so wirklich klar, auf wie viele Stammformen und Verbalstämme ich mich einlasse, als ich mich für Theologie einschrieb. Und trotzdem habe ich die Sprachen geliebt. Als ich jetzt das erste Mal meine Gefühle benennen sollte, bin ich in Tränen ausgebrochen. Und doch habe ich mich in die KSA eingefunden und empfehle sie inzwischen sogar weiter.

Learning by doing

Ich empfehle sie allen, die gern im Ausprobieren lernen oder einfach mal keine Theorien pauken wollen. In der KSA lernt man Seelsorge nicht aus Büchern in Bibliotheksstille. Oder aus Gedanken in Seminardiskussionen. Hier ist das Wasser eher kalt. Es geht einfach los. Ein bisschen so, wie auch das Leben losging, ohne große Vorbesprechung oder Einführung. „Die nächsten 60 Minuten sind eure Zeit für die Selbsterfahrung“, damit lehnten sich die Kursleiter zurück und beobachteten, wie wir langsam in ein Gespräch holperten. In der Selbsterfahrung habe ich nur mich und den Rest der Lerngruppe, um Kommunikation zu üben, meine Wahrnehmung zu schulen und Verhalten (meins und das der anderen) zu beobachten. Am Beispiel der Situation, die gerade entsteht. Denn Seelsorge ist Kontakt im Hier und Jetzt.

„Morgen bekommt ihr eure Ausweise für die Klinik und dann fangt ihr auf euren Stationen an“, hieß es am ersten Tag. Ein Rollenspiel zum üben, wie man sich Mitarbeitern und Patienten vorstellen könnte und dann geht es los. Im Praxisfeld (es muss nicht die Klinik sein, denn das „klinisch“ in KSA meint „erfahrungsbezogen“) habe ich nur mich und die Patienten, um konkrete Seelsorgeerfahrungen zu sammeln. Die werden notiert und besprochen. Denn Seelsorge lernt sich in der Reflexion der eigenen Praxis.

Lernen über mich

Weiterempfehlen kann ich die KSA allen, die sich gern mit sich selbst auseinandersetzen oder es mal versuchen wollen. Einzelsupervision, Coaching in 2er-Teams, Wochenberichte, Selbsterfahrung – nirgends kann ich mir entkommen. Da tauchen Verhaltensmuster, denen ich gerade in der Supervision auf die Spur gekommen bin, plötzlich in der Analyse der eigenen Predigt wieder auf.

Ich habe mein Verhalten schon immer sehr gern und ausgiebig analysiert. Besonders meine Fehler. Aber im Gespräch mit anderen fallen mir doch noch verschiedene Schuppen von den Augen. Wie bin ich eigentlich so? Warum bin ich oft unzufrieden, mit dem was ich tue bzw. tue viele Dinge gar nicht erst? Vielleicht liegt das an dem viel zu hohen Anspruch, den ich an mich habe. Hat der biographische Wurzeln? Es geht darum, sich selbst zu beobachten und verstehen zu lernen. Denn das Werkzeug in der Seelsorge bin ich mit meiner Person.

Sprachfähigkeit lernen

Die KSA eignet sich für alle, die ihre wissenschaftlich durchdachte Theologie mit Lebenserfahrungen ins Gespräch bringen wollen. Mit Fragen von Menschen, die aus ihrem Alltag geworfen wurden. Mit einer Menge Warum-Fragen. Mit Einsamkeit. Schmerzen. Schuld. Hoffnung. Dem Ende des Lebens.

Schritt für Schritt tastet man sich zu einer lebensnahen Theologie. Mit spirituellen Impulsen, die jeden Lerntag einleiten. Mit einer Predigt, die von der Gruppe analysiert wird. Mit biblischen Assoziationen zu Gesprächsprotokollen. Mit dem Betrachten der eigenen Glaubensbiographie. Mit der Wertschätzung der Gruppe für eine gewonnene Selbsterkenntnis – Wertschätzung, die eine Ahnung der unbegrenzten Rechtfertigung ermöglicht [1]. Und mit Sensibilität für die Sprache der Seele.

Die Sprache der Seele, das sind die Gefühle, die ich bei meinem Gegenüber und mir selbst wahrnehme. Diese im Gespräch zu verbalisieren ist die Kunst. Und dem anderen dabei nicht nur einen Spiegel vorzuhalten, sondern sich Mensch zu Mensch begegnen. Der Kontakt wird mit emotionaler Resonanz hergestellt, d.h. auch die Gefühle der Seelsorgerin haben ihren Platz im Gespräch. Das kann man zum Beispiel in der Selbsterfahrung üben. Denn auf Menschen in Trauer, Wut und Sinnkrisen empathisch reagieren kann ich nur, wenn ich über Gefühle bei mir und anderen sprechen kann.

Lernen an der Grenze

Die KSA war hart für mich. Die ersten beiden Wochen fand ich sogar ziemlich furchtbar. Denn das mit den Gefühlsreden, das kannte ich nicht. Zudem verlangen die Arbeitsformen eine andere Präsenz und Aufmerksamkeit als Seminar und Bibliothek, was sich ganz schön erschöpfend auswirkt. Und das, was ich an mir selbst erkenne oder an anderen beobachte, muss nicht immer einfach anzunehmen sein. Aber auch dort, wo es um mich und meine Probleme geht, ist die KSA weder Therapie noch persönlichkeitsverändernde Maßnahme. Es geht darum, sich selbst kennenzulernen und unter den eigenen Voraussetzungen eine individuelle Seelsorge-Person zu werden. Denn das Ziel der KSA ist die Entwicklung einer stimmigen, flexiblen beruflichen Identität.

Kurz und knapp

  • Die Klinische Seelsorgeausbildung ist eine von fünf Sektionen der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V., einem Fachverband für Seelsorge, Beratung und Supervision.
  • Die Grundausbildung in klinischer Seelsorge richtet sich an PfarrerInnen und kirchliche MitarbeiterInnen. Sie umfasst zwei sechswöchige Kurse.
  • Es gibt spezielle Kurse, die sich ausschließlich an Theologiestudierende richten (z.B. in Hannover oder Tübingen).
  • Hier gibt es eine anschauliche Einführung in das KSA-Modell: Klessmann, Michael: Gegenwärtige Herausforderungen an die kirchliche Praxis und die Antwort des Lernmodells KSA, in: KSA- Jubiläumsbericht, 20–29.

[1] Klessmann: Gegenwärtige Herausforderungen, 28

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