Tritt frisch auf, tu’s Maul auf! Ein Aufruf an meine Kirche zu mehr Präsenz im Netz
Foto: Thomas Müller

Ende Jänner feierte die katholische Nachrichtenagentur kathpress ihr 70-jähriges Bestehen in Österreich. Zahlreiche römisch-katholische Bischöfe waren dabei anwesend und lobten die gute journalistische Arbeit der kirchennahen und (manchmal auch zum Missfallen mancher Bischöfe) kritischen Presseagentur. Laut Eigendefinition arbeitet kathpress …

… nach journalistischen Richtlinien, die durch ein Redaktionsstatut garantiert sind. Dazu zählt die Verpflichtung zu wahrer, objektiver und umfassender Berichterstattung. [1]

Vergleichbar ist dieses journalistische Gebilde mit der deutschen KNA oder der schweizerischen kath.ch. Dass kathpress den selbstauferlegten journalistischen Ethos gerecht wird, bestätigen hochrangige österreichische Medienvertreterinnen und Vertreter.

Situation der evangelischen Nachrichtenagenturen in Österreich

Schwenkt man den Blickt von dieser großartigen römisch-katholischen Agentur in Richtung evangelische Kirche in Österreich, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Generell ist die Situation hierzulande – im Gegensatz zum großen Nachbarn Deutschland – kleiner.  Das vermutlich kleinste Nachrichtenonlineportal wird von der evangelisch-methodistischen Kirche in Blogformat betrieben, welcher sich aus Informationen der Partnerkirchen und anderen methodistischen Kirchen Deutschlands speist.

Das Presseamt der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich ist hinlänglich mit kathpress vergleichbar. Allerdings steht dieses Presseamt im Social-Media-Bereich noch stark auf der Bremse, denn über einen Facebook-Account hinaus hat man es bisher noch nicht geschafft. Dass mittlerweile Youtube, Facebook, Twitter und Co. zu den „Basics“ gehören ist nur vereinzelten Gemeinden bekannt, wie beispielsweise der Pfarrgemeinde Wien-Ottakring [2, 3, 4]. Dass eine zentrale und medienübergreifende Pressestelle nach modernem Geschmack sich noch nicht etabliert hat, musste ich am 18. Juni schmerzlich erfahren. kathpress veröffentlichte einige Stunden früher als das evangelische Presseamt und prompt nach Beendigung des Wahlgangs und der damit einhergehenden Ergebnisverkündung – einen Artikel zur Wahl des neuen niederösterreichischen Superintendenten samt Tweet.

Dass ein römisch-katholisches Nachrichtenmagazin über das Wahlergebnis berichtet ist sehr erfreulich, in Anbetracht der „hauseigenen“ und deutlich langsameren Pressestelle aber vielleicht etwas beunruhigend. Der Pressedienst war bei der Wahl anwesend, die Herausforderungen sind für den Dienst sehr hoch – bekommt er zu wenig finanzielle Mittel?

Erschüttert war ich über die Berichterstattung über eine „Erschütterung“ des Kärntner Superintendenten. Das Bundesland Kärnten gibt sich momentan eine neue Landesverfassung und es stellte sich die Frage, inwieweit die slowenischsprachige Minderheit darin erwähnt werden sollte. Der Kärntner Superintendent schärfte der Landesregierung ein, die slowenische Minderheit in der Verfassung zu berücksichtigen. Über diese Mahnung berichteten die großen österreichischen Medien [5, 6] teilweise durchaus ausführlich, aber es war keine Aussendung oder Erwähnung seitens der eigenen Superintendentur [7] oder des evangelischen Pressedienstes [8] auffindbar. Ein Superintendent ist erschüttert und das evangelische Österreich bemerkt es kaum? Die Erschütterung hat sich auf mich übertragen.

Ähnlich erging es mir, als kathpress groß von der Romreise einer ökumenischen Delegation aus Kärnten berichtete [9, 10]. Die Delegation bestand aus Vertretern der lutherischen und der römisch-katholischen Diözese Kärntens und dauerte ganze fünf Tage, vom 13. bis zum 18. Februar. Zwar hatte der evangelische Pressedienst über dieses Ereignis auf seiner Homepage einmal berichtet, nicht aber auf Facebook. Bildmaterial findet sich außerdem lediglich auf der Homepage der Kärntner Superintendentur, eher knapp fiel die Pressemitteilung der r.-kath. Diözese Gurk aus. Anhand dieses Beispiels zeigt sich, dass das kleine protestantische Leben selbst medial innerhalb Österreichs etwas unkoordiniert vonstatten geht. Als Interessent ist es tatsächlich nicht leicht, online an Informationen über das evangelische Leben zu geraten, man muss tatsächlich „ein Kenner der Szene“ sein. Darüber hinaus zeigen diese drei Beispiele, dass das Presseamt deutlich unterfinanziert ist.

Printbereich

Kommen wir nun kurz zum Print-Bereich. Ausschließlich in der Print-Variante zu lesen ist die „evangelische Zeitung“ Saat. Das bildlastige Kirchenblatt ist online nicht vorhanden, man weiß aber folgendes online darüber zu berichten:

Auf 20 Seiten bietet sie zwölfmal im Jahr einen bunten Strauß interessanter Geschichten aus den evangelischen Pfarrgemeinden Österreichs und den weltweiten Kirchen. Ein großes Thema je Heft liefert umfangreiche Hintergründe und Wissenswertes. [11]

Wie man auch immer dazu stehen mag – mich persönlich spricht der „bunte Strauß“ nicht sonderlich an. Immerhin aber fand sich in der letzten Ausgabe ein Artikel über die ökumenische Romreise samt Bildmaterial [Saat, März 2017. Nr. 3. 64 Jahrgang]. Bedeutend und durchaus qualitativ erwähnenswert ist das „Reformierte Kirchenblatt„, worin kein selbstgefälliger „Hurra-Protestantismus“ verkündet wird, sondern es bemüht sich um informative und diskussionsanregende Berichterstattung und ist immerhin online erhältlich.[12]

Aufruf

Die Diagnose kann kurz und knapp formuliert werden: die evangelische Öffentlichkeitsarbeit in Österreich leidet unter Aufholbedarf und besonders im Social-Media-Bereich brennt der Hut, denn Nachrichten werden im Internetzeitalter nicht mehr zuerst über Print verbreitet, sondern ausschließlich über soziale Netzwerke. Die Frage mag anfangs legitim erscheinen, weshalb eine evangelische Minderheit in Österreich überhaupt groß im Netz präsent sein sollte. Meine Antwort darauf würde lauten, dass gerade die kleine evangelische Kirche im Netz Präsenz zeigen muss! Zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit ist keine Klientelarbeit für’s eigene Grätzl, sondern eine elementare Form der Informationsweitergabe.

Ein Hauptproblem sehe ich vor allem darin, dass viele Parallelstrukturen innerhalb der evangelischen Kirche bestehen. Die lutherische Diözese Wien etwa betreibt eine durchaus vorzeigbare Homepage und betreibt einen Youtube-Kanal. Wäre es in Österreich – bei gut 300.000 evangelischen Christen – nicht durchaus sinnvoll, eine zentrale und diözesenübergreifende Medienstelle zu etablieren? Es ist an der Zeit eine solche Pressestelle einzurichten, die sowohl Print- als auch Onlinebereiche professionell betreibt und betreut, denn Eigenbrötlerei sollte in unserer Generation der Vergangenheit angehören! Ich habe es langsam satt, dass bei jeder Lutherausstellung, jeder Feier zur Reformation oder jeder Erwähnung des Buchdrucks die großartige mediale Leistung des Reformators in den Himmel gelobt wird, aber die Lebensrealität der heutigen Kirche in Bezug auf neue Medien tunlichst verschwiegen wird. Es ist an der Zeit, das mediale Zepter endlich wieder selbst und professionell in die Hand zu nehmen!

 

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Ein Kommentar

  1. Unsere Kirchen sind – nicht nur bei der Präsenz im Netz – eher ein Trauerspiel. Sie sind eine Welt für sich. Allein der Kirchenjargon und die vielfach enge Vorstellungswelt!
    Doch bleiben wir beim Thema Netz. Ich habe 15 Jahre als „Studienleiter“ an einer Evangelischen Akademie gearbeitet. Von Studien in der Regel keine Spur. Tagungsleiter waren wir. Bei uns wurde auch nicht „wissenschaftlich“ gearbeitet, wie einer der Direktoren wähnte. Wie denn auch! Wer die Differenziertheit von Wissenschaften auch nur ahnungsweise kennt, weiß, dass eine Akademie dazu weder die Manpower noch die Sachausstattung hat, auch nicht haben kann. Ein „Thinktank“ sollten wir sein. Pustekuchen! Jeder hatte sein Gärtlein für sich und verteidigte es.
    Angetreten waren die kirchlichen Akademien mit der anspruchsvollen Aufgabe, öffentliche Themen „ins Licht des Evangeliums“ zu rücken und ein Podium für kontroverse gesellschaftliche Positionen zu bieten. Das hat punktuell auch gut geklappt. Doch die Zeiten, in denen die Politiker und sonstige gesellschaftliche Akteure einen Platz auf dem Podium einer Akademie zu schätzen wussten oder gar ein Referat hielten, sind – mit Ausnahmen – vorbei. Schließlich gibt es Talkshows zum Einnicken und die sozialen Medien. Mit Twitter erreicht man mehr Leute als über ein Referat in einer Akademie, für das die Teilnehmer viel Zeit und Geld mitbringen müssen.
    Als es dann vornehmlich darum ging, den Hotelbetrieb der Akademie auszulasten, schlug ich meinem Akademiedirektor vor, eine Internetakademie zu gründen. Das hätte nicht nur die verpflichtende Koordination der Tagungsleiter erfordert (illusorisch), sondern auch die Aufteilung der gesellschaftsrelevanten Themenbereiche unter den Akademien bundesweit – also auch kirchenweit – noch illusorischer: „Schaue die Zertrennung an, / der sonst niemand wehren kann; / sammle, großer Menschenhirt, / alles, was sich hat verirrt. / Erbarm dich, Herr“.
    Aber dermaßen gebündelt wären wir Kirchen auf Dauer ein kompetenter, aktueller Gesprächspartner und anerkannter Meinungsfaktor in der gesellschaftlichen Diskussion geworden. Mein Direktor hat müde abgewinkt. Ja, klar, aussichtslos. Und so dämmern wir unserer Bedeutungslosigkeit entgegen. Bald wird uns nicht einmal mehr der Wind ins Gesicht wehen – warum sollte er auch.

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