Moment Mal: Aschenputtel-Theologie Zum Verhältnis von Diakonie und Theologie
Foto: Zdeněk Chalupský (CC0)

Im letzten Seminar vor der großen, langen Vorlesungspause sprach der Dozent einen schönen Satz: „Die Praktische Theologie ist das Aschenputtel der Theologie“. Er hat ja nicht Unrecht; die praktische Theologie wird belächelt von den großen ExegetInnen, gemieden von Alt- und NeutestamentlerInnen, immerhin die Dogmatiker nehmen sich ihrer an – verschämt am Rand.

Nun studiere ich nicht Theologie (und bin trotzdem Redakteur hier!), sondern Diakoniewissenschaft. „Wenn Praktische Theologie schon das Aschenputtel ist, ist die Diakoniewissenschaft höchstens seine kleine Schwester“, führt der Professor weiter aus. Damit tut er dem Märchen zwar Gewalt an – Aschenputtels Schwestern waren gemeine Gänse – aber bleiben wir im Bild: Diakonie spielt in der wissenschaftlichen Theologie (und im Studium) eine kleine, unscheinbare Rolle.

Schade! Den TheologInnen entgeht damit ein Prüfstein, wie alltagstauglich ihre eigene Rede von Gott ist. Spricht die eigene Theologie alle an – oder grenzt sie Menschen aus, die mit Behinderungen leben, oder am Existenzminimum? Machen wir das am Beispiel von Krankheiten fest: Sage ich einem kranken Menschen, dass Gott mitleidet, und sein Leid nicht sein soll? Klingt seelsorgerlich praktikabel, der Theodizee auch angemessen – aber sage ich Eltern, deren Kind mit Behinderung zur Welt kommt, dass Gott ihr Kind so nicht wollte? Sicher nicht!1

Vielleicht spielen praktische Fragen im wissenschaftlichen Betrieb eine kleine Rolle; aber Theologiestudierende auf dem Weg ins Pfarramt können damit rechnen, mit solchen Fragen konfrontiert zu werden. Darum interessiert mich, der ich an einer kleinen, unbedeutenden Hochschule studiere, welche Bedeutung die praktische Theologie – und mit ihr die Diakonie – im Theologiestudium einnimmt. Teilt euch mal mit, bitte! Gibt es ausreichend Raum, solche Fragen zu diskutieren, Antworten zu suchen?

Andererseits verliert die diakonische Praxis, die nicht auf festem theologischen Boden steht, schnell das rechte Maß. Die Geschichte zeigt eindrücklich, dass das „christliche Menschenbild“ der Diakoninnen und Diakone keineswegs davor schützt, schlimmste Verbrechen an den anvertrauten KlientInnen zu begehen. Die kritische Reflexion des eigenen Glaubens und der Ethik, die das eigene Handeln leiten, ist unverzichtbar für die Praxis.

Diakonie braucht mehr Theologie, und Theologie braucht mehr Diakonie. Oder wie sehen das die richtigen Theologiestudierenden?


1: Zu diesem Thema äußert sich U.Bach hervorragend im Aufsatz: „Der behinderte Mensch als Thema der Theologie“ in Moltmanns „Diakonie im Horizont des Reiches Gottes“ (1984).

Schlagwörter: , , , , ,

9 Kommentare anzeigen

  1. Theologie, Praktische Theologie, Diakonie

    Seit langem befasse ich mich mit den früheren Zuständen in kirchlichen Erziehungs- und Behindertenanstalten. [https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/10/18/offener-brief-an-den-prasidenten-des-diakonischen-werkes/ http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=2812 ]
    Waren sie evangelisch, dann von der Diakonie betrieben, (so übrigens auch die Karlshöhe https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/21/leserbrief-an-die-faz/ ).
    Ich spreche nicht vom sexuellen Missbrauch, sondern von den ständigen Demütigungen und Misshandlungen, denn Missbrauch war nie theologisch gedeckt, dafür aber die ausbeutende „Arbeitstherapie“ und die strenge Zucht. Das „heute ist doch alles anders“ reicht mir nicht. Der theologische Überbau der „Rettungshäuser“ ist noch nicht aufgearbeitet. Vielleicht, weil dann noch mehr preisgegeben werden müsste, was einen massiven Rückschnitt theologischer Grundannahmen erfordern könnte. Bisher gibt es nur – wissenschaftlich ordentliche – Studien anläßlich von Einrichtungsjubiläen. Diese lobenswerten Studien werden regelmäßig in den Vorworten der derzeitigen Vorstände relativiert und entschärft. [https://dierkschaefer.wordpress.com/2017/01/27/willkommen-arbeit-macht-frei/
    https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2017/01/freistatt_kappeler.pdf ]

    Ob der Archivar der Diakonie wohl helfen kann? https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/09/jubilate/ Er ist aber auch kein Theologe.

    • Lieber Dierk Schäfer,

      die Aufklärung innerhalb der Karlshöhe über die Zustände in den Heimen erlebe ich als engagiert. Es gibt einen Kreis, in dem sich ehemalige Heimkinder und ErzieherInnen austauschen. Ein pensionierter Diakon, der während seiner Ausbildung auf der Karlshöhe als „Hilfserzieher“ eingesetzt wurde und diesem Kreis angehört, hielt mehrmals Vorträge vor den Studierenden.

      M.E. zeigt sich doch, wie wichtig ein gefestigtes Fundament – pädagogisch, theologisch, reflektiert – ist, um im Arbeitsalltag entsprechend handeln zu können. Deshalb halte ich es für wichtig, im Studium beides eng zu verbinden: Theorie und Praxis, Theologie und diakonisches Handeln.

  2. Ich studiere Theologie an der Evangelisch- reformierten Fakultät in Bern und obwohl ich schon gute 3 Semester hier bin, ist Diakonie eigentlich noch nicht zum Thema geworden…. wenn man nicht aus eigener Motivation in einer Kirche oder einem Diakonischen Projekt engagiert ist, dann kommt man wenig in Kontakt mit solchen Fragen. Schade eigentlich.
    Im 5. Semester aber sollte sich das hoffentlich ändern! Wir haben dann ein Prakisches Semester wo man 2 Tage hauptsächlich Praktisch-Theologische Veranstaltungen hat und 3 Tage in einer Kirche mitarbeitet. Dort hat man einen Rahmen Praxis und
    Theorie ein bisschen mehr zu verbinden.
    Spannend ist auch, dass bei uns Diakoniewissenschaft nicht bei der Praktischen Theologie angesiedelt ist, sondern zu der Systematischen Theologie gehört.

    • Oliver

      Die konfessionelle Ausrichtung hat durchaus auch etwas damit zu tun, ob die Diakonie überhaupt vorkommt, betont oder überbetont wird. Reformierte Kirchen innerhalb des Kirchenbundes sek feps sind tendziell mit den reformierten (Landes-)Kirchen der EKD zu vergleichen, obwohl da auch einiges nicht vergleichbar ist. Aus der theologischen Perspektive hat die Praktische Theologie kaum etwas mit Diakonie zu tun, sondern mehr mit Liturgie und Seelsorge. Sofern man nun die Seelsorge als Dienst am Menschen sehen möchte, weil man so die Nächstenliebe für sich selber interpretriert, so ist dies mehr politisch-ethisch zu sehen als theolgisch. Die reformierte Theologie macht durchaus einen Unterschied zwischen Ethik und Theologie und sieht somit die Ethik eher als ein Unterfall der Dogmatik bzw. der Systematischen Theologie an. Dies beschreibst Du ja auch so, dass die Diakoniewissenschaft nicht zur Praktischen Theologie gehört. Die Globalisierung bedarf zwar in der Theologie der Betrachtung, was so andere Konfessionen und Weltanschauungen anbieten, muss sich aber dennoch gefallen lassen, dass die eigene und heimische Theologie mehr gilt als die der herangetragenen Theologie. Theologie braucht Überzeugungen zu etwas und darf das andere aber nicht herabsetzen, nur weil es nicht die eigene Theologie ist. Wer sich der Diakonie zugetan hat, bestreitet keine Theologie und umgekehrt, d.h. wer sich der Theologie zugewandt hat, bestreitet keine Diakonie.
      Als Konterpart gilt diesbezüglich der Ehepartner, der die Lücken des anderen schließt. Auschließlich nur Theologie oder nur Diakonie alleine zu betreiben , ist durchaus gängige Praxis.

      • Lieber Oliver,

        dir stimme ich nicht zu. Dein Bild von der Ehe aufgreifend: Wenn die Ehepartner sich nicht füreinander interessieren, kein Austausch stattfindet und es keine gemeinsamen Berührungspunkte (haha!) gibt, wird die Ehe scheitern. DiakonInnen, die ihr Handeln nicht theologisch fundieren können, sind in Gefahr, sich in der Praxis zu verlieren. Theologiestudierende, die ihr Studium als Vorbereitung auf den Pfarrberuf sehen und dabei nie in Kontakt kamen mit „klassischen“ diakonischen Arbeitsfeldern kamen und die dort aufkommenden Fragen (an Theologie und Glauben) durchdacht haben, werden m.E. den Anforderungen ihres späteren Berufes nicht gerecht.
        Damit setzt sich fort, was im Studium angelegt ist: Von der Diakonie gepflegte, betreute oder beratene „gehören“ zur Diakonie – Hartz4-Empfänger, Menschen mit Behinderung, MigrantInnen haben Sozialarbeitende oder DiakonInnen als Ansprechpartner. Der Pfarrer oder die Pfarrerin kümmert sich allerdings eher um Kirchgänger, Ehrenamtliche oder Senioren.
        Die Trennung von Theologie und Diakonie in der Ausbildung hat eine Spaltung in der Praxis zur Folge, die aus meiner Sicht nicht haltbar ist: Diakonie und Theologie gehören zusammen.

        • Oliver

          Lieber Daniel,

          danke, dass Du mich missverstehst ;-)

          Es kommt häufig vor, dass der Ehepartner am Beruf des Ehegatten partizipiert. Genauso oft kommt es vor, dass die Ehefrauen von Pfarrern nicht in der Kirche tätig werden. Zu unterscheiden ist hier Glaube und Beruf. Sofern der eine Ehepartner in der Kirche theologisch arbeitet, so kommt es auch häufig vor, dass der andere Ehegatte diakonisch in der Kirche tätig ist.

          Die Soziaberatung in der Diakonie kommt daher, dass die Gesetzgebung nach dem 2. Weltkrieg den ständigen Wohlfahrtsverbänden in der Jugendhilfe besondere Rechte eingeräumt hat. Daraus uferte sich ein begehrtes System der kirchlichen Bereicherung an staatlichen Zuwendungsgeldern aus, neben der Kirchensteuer weitere Einnahmen zu generieren. Der so genannte Dritte Sektor des Arbeitsmarktes hat daher kaum etwas mit dem Pfarrberuf zu tun, auch wenn es sich gut anhört, Menschen zu helfen. Theologie und Diakonie waren schon immer getrennt und haben mit der Praxis nichts gemeinsam – abgesehen vom Papierkram und der wachsenden Aufgabenzuweisung – Tätigkeiten außerhalb des Pfarrberufes dem Theolgen aufzubürden. Der Pfarrberuf ist kein sozialer Beruf. Sollte man dies aber anders sehen, so versteht man nicht, was die eigentliche Arbeit eines Pfarrers ist. Dagegen spreche ich ja nicht, dass ein Pfarrer auch gute Dinge für Menschen tun kann – nur dies ist dann nicht diakonisch, sondern aus reiner Menschenfreundlichkeit.

          • Lieber Oliver,

            liebend gern verstehe ich dich falsch. Auch, weil es nicht stimmt: „Theologie und Diakonie waren schon immer getrennt“. Die Begründer der Inneren Mission – Vorläuferin der Diakonie – waren allesamt Pfarrer. Zum Beispiel Wichern, Fliedner, Werner.

            Der diakonische Auftrag ist elementarer Bestandteil des Christentums. Die Organisationsform innerhalb Deutschlands hängt natürlich mit der besonderen Situation nach dem 2. Weltkrieg zusammen und der Ausgestaltung des Sozialssystems nach dem Subsidiaritätsprinzip.

            Ich verstehe nicht ganz, worauf du hinaus willst: Dass Diakonie und Kirche strikt getrennt sein soll?

            • Oliver

              Lieber Daniel,
              ich bin vielleicht ebenso zu verstehen, wie Du selber schreibst – es gibt eine innere Mission und einer äüßere Mission. Du beschreibst eher vom Standpunkt der äußeren Mission und ich eher vom Standpunkt der inneren Mission. Allerdings ist dies für Dich ein Einheitsbrei. Für mich dagegen nicht. Entsprechend der Bibel bzw. auch der Biblischen Theologie ist die Diakonie die Verschaffung der Ausgleichung gegenüber einem bestimmten Ungleichgewicht. Das soziale Element betrifft jedoch die äußere Mission. Demnach meine ich, dass Theologie und Diakonie hinsichtlich der äußeren Mission getrennt sind. Vom Kirchenbegriff habe ich doch gar nicht geschrieben – eher wohl von unterschiedlicher Herangehensweise der verschiedenen Konfessionen.

    • Liebe Lea,

      danke für dein Kommentar. Interessant, dass Diakoniewissenschaft zur Systematischen Theologie zugeordnet ist bei euch – zwar spielt diese innerhalb der Diakoniewissenschaft eine Rolle, allerdings schließt die Diakoniewissenschaft auch Felder an, die mit Systematischer Theologie keine Überschneidungen haben, Geschichte, Recht, Psychologie… Deshalb verwundert mich das. Vermutlich gilt dann Diakoniewissenschaft nicht als eigenes Fach, sondern lediglich als Unterdisziplin.

      Wäre spannend zu erfahren, inwieweit du im Praxissemester Einblick bekommst in diakonische Praxis bekommst. Mein Eindruck ist leider, dass Kirchengemeinde und Diakonie so stark getrennt sind, dass selbst VikarInnen ihre Zeit durchlaufen können, ohne je in Kontakt mit diakonischen Arbeitsfeldern gekommen zu sein.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.