Apologie der Pluralität Hannah Arendt und Sokrates innerer Dialog
Foto: Johanna Tannen

Ohne Individualität keine Pluralität
Pluralität und Vielfalt sind Wörter, die unser aktuelles Zeitgeschehen prägen und automatisch im Zusammenhang mit dem postmodernen Wert der Individualität stehen. 1954 schrieb Hannah Arendt in ihrem Denktagebuch:

„Das Mit-sich-selbst-Sprechen ist nicht bereits Denken, aber es ist die politische Seite alles Denkens: dass sich selbst im Denken Pluralität bekunden.“[1]

Für Hannah Arendt ist Pluralität nicht nur die Existenz von einer Vielfalt von Menschen (Sokrates), sondern bereits jeder Mensch trägt die Pluralität in sich selbst. Arendt, die vor dem totalitären NS-Regime floh, bemerkte dazu, dass dieses Regime die Chance der Einsamkeit, das mit sich Alleinsein abschaffen wollte. In diesem Abschaffen sieht sie einen Hauptgrund für die massenhafte Gewissenlosigkeit und das apathische Verhalten:

„(…) in dem Augenblick da ein Minimum des Mit-sich-selbst-Alleinsein nicht mehr garantiert ist, nicht nur das säkulare Gewissen, sondern jegliche Gewissensform verschwinden wird.“[2]

Anthropologische Grundkonstante – Selbsterkenntnis
Das Gespräch mit mir selbst, die Selbsterkenntnis ist somit Voraussetzung für die gehaltvolle Vielfalt der Menschen. Im Sprechen mit dem Anderen und noch von wichtigerer Bedeutung mit mir selbst, lebe ich selbst mit meiner eigenen Pluralität zusammen. Dabei gilt Toleranz als wichtige Tugend im Umgang für die Verschiedenheit der Menschen.

Γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst!
Tugendhaft im Selbstgespräch proklamiert Arendt den sokratischen Ethos, d.h. mit sich selbst identisch zu leben.

Der KathKK 440 bezeichnet dies als christliche Grundhaltung der Wahrhaftigkeit. Wahr sein, wahr reden, wahr denken und wahr handeln sind als Referenzformen von Wahrheit zu definieren. Wahr sein, im Sinne einer ganzheitlichen Haltung, wahr (über sich selbst) denken, wahr handeln heißt authentisch handeln und wahr reden bedeutet, eine Übereinstimmung zwischen dem eigenen Wort und der inneren Überzeugung zu haben.
Sokrates beschreibt diesen Gedankengang, mit dem weniger bekannten Satz in Gorgias: „Lieber möge die ganze Welt mir widersprechen, als dass ich selber nicht mit mir zusammenstimme.“ Mit sich selbst nicht im Widerspruch zu leben, „wahr-zu-sein, zu-reden, zu-denken und zu-handeln“ ist für Arendt eine anthropologische Grundkonstante griechischer Philosophie.

Daraus entsteht eine „Gesinnungsethik“, bzw. die innere Widersprucherfahrung. Arendt bringt in diesem Zusammenhang ein Beispiel:

„Auch wenn dich niemand sieht, sollst du schon deshalb nicht töten, weil du dir unmöglich wünschen kannst, ständig mit einem Mörder zusammenzuleben. Durch einen Mord würde man sich auf Lebenszeit zum zusammenleben mit einem Mörder verurteilen.“ [3]

Diese Radikalität erinnert stark an Jesus Wort in der Bergpredigt zum Ehebrechen. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 20,14): »Du sollst nicht ehebrechen.« Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ (Mt 5,27).[4]

Auch Jesus macht auf die innere Übereinstimmung aufmerksam. Die Pluralität, die der Mensch im Leben unter den Menschen entdecken kann, findet sich auch als Signatur in uns selbst. Folgen wir Sokrates, der den Markt liebt, aber auch zuerst nach Hause gehen muss und alleine sein muss, um nachher den anderen Gesellen zu treffen.

Wie anspruchsvoll das innere Zwiegespräch ist, verdeutlicht Shakespeare in seinem Drama Richard III.:

„Was führt`ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand.

Richard liebt Richard: das heißt, ich bin ich.

Ist hier ein Mörder? Nein. – Ja, ich bin hier.

So flieh`! – Wie? Vor dir selbst? Mit gutem Grund:

Ich möchte rächen. Wie? Mich an mir selbst?

Ich liebe ja mich selbst. Wofür? Für Gutes,

Das je ich selbst hätt`an mir selbst getan?

O leider, nein! Vielmehr hass`ich mich selbst,

Verhaßter Taten halb, durch mich verübt.

Ich bin ein Schurke, – doch ich lüg`, ich bin`s nicht.

Tor, rede gut von dir! – Tor, schmeichle nicht.“

(Shakespeare)

 

 

[1] Matthias Bormuth, Jerome Kohn: Hannah Arendt Sokrates Apologie der Pluralität, Berlin32016, 7.

[2] Matthias Bormuth, Jerome Kohn: Hannah Arendt Sokrates Apologie der Pluralität, Berlin32016, 15.

[3] Matthias Bormuth, Jerome Kohn: Hannah Arendt Sokrates Apologie der Pluralität, Berlin32016, 27.

[4]  Luther, M.: Die Bibel. Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, Evangel. Kirche in Deutschland (Hrsg.), Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1999.

 

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