Moment Mal: Alternative Wahrheiten

„Alternative Wahrheiten“. Damit sind doch wohl eher Unwahrheiten gemeint, oder? Donald Trump führt gerade sehr deutlich vor, was Polemik im Klartext bedeutet: Kampf. Kampf entsteht, wenn Populisten – welche aus verschiedensten Gründen in politische Ämter gewählt werden – sich der Wahrheit verweigern und gegen sie ankämpfen. Es gibt lediglich die schmachvolle Alternative, die politischen Gesetzmäßigkeiten zu akzeptieren, womit man allerdings oftmals die geblendete Wählerschaft verliert – wie beispielsweise die Regierung Tsipras in Griechenland oder die Freiheitliche Partei in Österreich (2000 bis 2007).

Rechts- und Linkspopulisten stellen in Wahlkämpfen unerfüllbare Forderungen auf. Man denke an Tsipras, der im Wahlkampf noch vollmundig ein Ende des „deutschen Spardiktats“ verlangte. Man denke an Donald Trump, der eine Mauer an der mexikanischen Grenze baut und sich allen Ernstes immer noch verspricht, dass irgendwann Mexiko die Kosten dafür übernimmt. Man denke an eine FPÖ, die ein ausgeglichenes Budget verspricht samt vollmundiger Sozialausgaben, ohne neue Steuern einführen zu wollen.

Doch die eigentliche Katastrophe unserer Zeit, welche sich schon länger angekündigt hat, sind „alternative Wahrheiten“. Statt vormals von „fake news“ zu sprechen wurde ein neues Wort aus der Taufe gehoben: „alternative facts„. Vor über zehn Jahren kam es in Ungarn zu landesweiten Protesten, als der sozialistische Premier Gyurcsány unfreiwillig öffentlich zugab, Menschen im Wahlkampf belogen zu haben. Dies reichte aus, um sein Land in wochenlangen Aufruhr zu versetzen. Bei Trump kommt man vor lauter alternative facts nicht mehr mit, wo eigentlich der Hund begraben ist – und hier liegt die Stärke des Populismus: so viel Angriffspunkte wie möglich bieten, sodass sich die Gegnerschaft nur mehr auf den Spitzenkandidaten oder die Partei als Ganzes konzentrieren kann. Die Gegner machen leider Gottes diesen Fehler, wie der „women’s march“ gegen Trump zeigte oder der Lichtermarsch in Österreich gegen Jörg Haider 1999, was allerdings die Populisten in eine gewünschte Opferrolle drängt und sie zu Wahlerfolgen führt. Ich denke an Jörg Haiders Wahlspruch in Österreich zurück: „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist„. Es zahlt sich also aus, inhaltliche Kritik konkret zu formulieren, denn Inhaltliches war für den Populismus immer schon eine Schwachstelle gewesen, wie folgendes Interview zwischen Heinz Christian Strache und Armin Wolf beispielsweise zeigt.

Und Ja! Demokratische Entscheidungen müssen akzeptiert werden, sie wurden durch die „Arbeit an der Wahlurne“ verdient gemacht: in einem jeden Land, einem jeden Kontinent, einer jeden Gesellschaft. Akzeptiert eine Gesellschaft gelogene Wahrheiten oder – wie man seit neuestem sagen darf – „alternative facts“, so hat jene Gemeinschaft jeden Glauben an sich selbst verloren.

7 Kommentare anzeigen

  1. Ganz so generell geht es nicht. Im Konzert der Religionen haben wir uns daran gewöhnen müssen, dass es alternative Wahrheiten gibt und keine absoluten.

    • Thomas MüllerThomas Müller

      Dieser Artikel behandelt mehr oder weniger die gesellschaftliche Frage nach „alternative facts“, ich hab es in diesem Fall bewusst nicht theologisch betrachtet. Allerdings weist deine Sichtweise Potential auf, denn alleine das Christentum ist – streng genommen – eine alternative Wahrheit (zur „weltlichen“ Wahrheit).

      Jetzt einmal etwas provokant: Dennoch erachte ich es als nicht unwesentlich, dass das Christentum den Auftrag zur Wahrheitsfindung hat und unterscheiden sollte zwischen der offenbarten Wahrheit (von mir aus Joh 14,6) und alternativen Wahrheiten (im Sinne meines Artikels – nur theologisch betrachtet).
      vgl. z.B.: https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article858819/Die-Web-Wahrheiten-der-strengen-Christen.html

      Bin gespannt auf deine Antwort.

      • ökumene kann es nur geben, wenn wir die ausschließlichkeit der „einzig wahren offenbarung“ aufgeben. at und nt weisen recht unterschiedliche gottesbilder auf. gottes sein ist ohnehin im werden. allah ist zwar festgeschrieben, hat aber viele namen.
        die welt der religionen und weltanschauungen ist vielfältig. sie wird friedlicher, wenn wir die wahrheiten als faszetten ansehen. immerhin gilt sogar für naturgesetze weitestgehend ihre relativität.

        • Thomas MüllerThomas Müller

          Dann gehen wir also gleich in medias res. Ausgezeichnet! Meine Meinung schreibe ich in gehabter Manier – provokant und „shortly“.
          Das Theologiestudium oder die bloße Beschäftigung mit unserem Glauben ganz allgemein sollte auch meiner Meinung nach dazu führen, dass man den eigenen Wahrheitsanspruch relativieren muss und nicht allzusehr vom eigenen Glaubensbild überzeugt sein darf! Allerdings sehe ich es als problematisch an, sich in dieser theologischen Zerpflückung zu gefallen und danach zu vergessen, ein neues Bekenntnis finden zu wollen.

          Ökumene bildet sich meiner Meinung nach also daraus, andere Glaubensvorstellungen zu entdecken und im Gespräch zu bleiben, dennoch aber sehe ich es als wichtig an, den eigenen Wahrheitsanspruch nicht hintanzustellen – dieser ist für eine ehrliche Ökumene aus meiner Sicht unabdingbar.

  2. Ja, volle Unterstützung! Die Weiterentwicklung des Glaubens hat (auch) eine gute Tradition. Ich habe das erst recht spät kapiert und bringe es am Beginn eines Gottesdienstes durch einen Zusatz zum Ausdruck, um bei der zur Formel geronnenen Berufung auf die Trinität die Entwicklung in aller Kürze zu verdeutlichen:
    „Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
    Es gehört zu den grandiosen Leistungen der frühen Christenheit, im Rückblick auf das Wirken und Leiden Jesu von Nazareth und mit Rückgriff auf die Facetten des alttestamentarischen Gottes eine Gottesvorstellung entwickelt zu haben, die mit der Figur des Heiligen Geistes zukunftsoffen ist, zukunftsoffen auch über unsere Endlichkeit hinaus.“

    • Thomas MüllerThomas Müller

      Stark! Wie kommt das in der Gemeinde an?

  3. Gab bisher nur selten Gelegenheit; bin „Sonderpfarrer“ im Ruhestand. Ich vermute, dass die meisten Gottesdienstbesucher daran nichts Anstößiges entdecken. Die dürften eher froh sein, dass mal jemand etwas logisch-theologisches zur ansonsten unlogischen Trinitätslehre sagt. Neulich saß ein Landesbischof unter den Zuhörern und hat nichts reklamiert. Doch es hätte mich auch nicht weiter beeindruckt.

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