„So help me God“ Die Einführung von Donald Trump in einer kritischen Reflexion
Foto: Michael Browning (CC0)

Es ist soweit, 20. Januar 2017, kurz nach 18:00 Uhr deutscher Zeit. Donald J. Trump ist der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Einer, der im Wahlkampf auffiel mit patriotischen Parolen, aber auch jeder Menge Skandalen. Er, der zwar nicht zahlenmäßig die meisten Stimmen geholt hatte, aber insgesamt mehr Staaten gewann als seine Herausforderin Clinton, trat anschließend vor das Mikrofon zu seiner ersten Rede. Und die war, wie die gesamte Einführung, nicht nur, aber auch, theologisch interessant.

Während der ganzen Zeremonie wirkte Trump eher distanziert. Während Neu-Vize Mike Pence oder Barack Obama mit geschlossenen Augen bei den Gebeten standen, blickte Trump eher in der Gegend herum. Nun sind geschlossene Augen nicht unbedingt ein Zeichen für intensives Gebet, aber man hatte doch das Gefühl, dass Trump mit all dem religiösen Gehabe eher nicht so viel anfangen konnte.

Das Bild von Trump und seiner Religion ist ohnehin nur schwer zu entschlüsseln. Während seiner Wahlkampfauftritte betete Trump sowohl zu Beginn als auch am Ende. Seine Positionen zu Abtreibung und Verhütung fanden sowohl Katholiken als auch Evangelikale gut, anders sah es mit seiner Flüchtlingspolitik aus. Hier wollte ihn seine presbyterianische Heimatgemeinde schon ausschließen, Trump war aber bereits vorher ausgetreten.

Auch deswegen haben viele die Wahl von Mike Pence als Vize als Zeichen an die christlichen Wähler gesehen. Was Trump selbst nicht sein konnte oder wollte, sollte dann Pence bieten. Der ehemalige Gouverneur von Indiana war als Evangelikaler bekannt und galt auch in anderer Hinsicht als perfekte Ergänzung von Trump.

Doch offensichtlich hat Trump nun entscheiden, dass zu einem guten amerikanischen Patrioten eben auch ein starker Glaube gehört. Trump lud gleich sechs Geistliche zu seiner Einführung ein, darunter auch die umstrittene Predigerin Paula White, die eine Verfechterin der Erfolgstheologie prosperity gospel ist, nach der Gott Glauben mit irdischem Wohlstand vergütet. Sie las dann auch gleich ihr Gebet vom iPad ab, was doch im Ganzen recht fehl am Platz wirkte. Neben White waren auch Timothy Dolan, katholischer Erzbischof aus New York, Rabbiner Marvin Hier, Bishop Wayne T. Jackson, Reverend Franklin Graham und Reverend Samuel Rodriguez anwesend, allen fiel eine unterschiedliche Rolle zu. Dass Dolan bei seinem Gebet im Anschluss an Rabbiner Hier aus dem 1.Timotheus zitierte, dass nur Christus als Mittler zu Gott selig machte, zeugt im Übrigen auch nicht von religiösem Feingefühl.

Und dann kam Trump selbst. Neben all der Selbstbeweihräucherung, die man von ihm erwartet hatte, fällt vor allem eines auf: Trump betont immer wieder einen starken Gottesbezug. Zum Beispiel bei der Frage nach der Sicherheit: Die USA werde gegen ihre Feinde nicht nur von der wunderbaren Armee geschützt, sondern von Gott höchstpersönlich.

Das ist ein Duktus, den man spätestens seit dem Ende der Amtszeit von George W. Bush nicht mehr gehört hat und der einiges zum Nachdenken gibt. Denn eine solche Argumentation ist nicht nur nationalistisch, sie wirkt christlich-fundamentalistisch aggressiv. Und das soll sie auch. Trump geht, so glaube ich, bewusst auf Konfrontation mit allem Liberalen, inklusive des liberalen Christentums. Das Ergebnis aber ist gefährlich: Trump sagt nicht nur dem radikal-muslimischen Terror den Kampf an, er benutzt selbst eine Sprache, die nicht mehr weit von der der Terroristen entfernt ist. Zwar benutzt er keine Worte wie „Ungläubige“  und „Sünder“ (zumindest noch nicht), aber die Aussage, alle Kinder hätten den gleichen, allmächtigen Schöpfer ist auch ein deutliches Signal.

Die Frage ist nun: Was heißt das für Amerika und was heißt das für uns in Europa. Die Frage ist nur schwer zu beantworten. Trump jetzt von vornherein als christlichen Terroristen zu stigmatisieren wäre ebenso falsch wie sinnlos. Seine Politik wird zeigen, wie er sein religiöses Verständnis umsetzen wird. Möglich ist, dass Abtreibungen wieder erschwert werden und auch andere Gesetze, die der evangelikal-fundamentalen Szene nicht passen, nun auf den Prüfstand gestellt werden. Möglich ist aber auch, dass von all den starken Worten (und meiner Interpretation davon) nicht mehr viel übrig bleibt und alle sagen: „So schlimm war es gar nicht.“

Eines aber, so glaube ich, können Theologinnen und Theologen wieder neu lernen (auch von Trumps Rede). Achtet auf eure Worte! In Zeiten, in denen der rechte Flügel immer häufiger mit Begriffen wie „christliches Abendland“ und dessen Schutz argumentiert, muss die Theologie dazu auch klare Worte finden. Glauben wir, dass Gott unser Land oder uns vor dem bösen Terror beschützen wird (von mir aus in Kooperation mit der Bundeswehr)? Warum oder warum nicht? Wie können wir zum einen für christliche Werte und ihren Erhalt und zum anderen für eine offene Gesellschaft, in der auch andere akzeptiert sind, eintreten? Wie können wir umgehen mit denen, die Extrempositionen vertreten, nicht nur politisch, sondern auch theologisch.

Um es gleich zu sagen, ich habe keine Antwort und ich glaube, es gibt auch keine einfache Antwort. Sie kann nur im Prozess entstehen. Aber dafür muss man zumindest in diesen Prozess eintreten. Es reicht nicht, gut gemeinte Phrasen in die Welt zu posaunen, die am Ende im luftleeren Raum verhallen. Klare Konzepte, die dann auch eine Umsetzung finden, sind von Nöten. Man wird sich darüber streiten müssen und vielleicht nicht immer eine Position haben, die allen in der Gesellschaft gefällt. Aber die Frage ist, ob das das Ziel wäre.

Trumps Einführung und seine Rede hat mir in jedem Fall noch einmal verdeutlicht, dass auch in unserem Christentum jede Menge Leute rumlaufen, deren Ansichten ich theologisch in keiner Weise teilen kann. Manche dieser Ansichten finde ich gefährlich und frage mich, was passiert, wenn diese Meinungen Mehrheitsmeinungen werden. Mir fällt aber auch auf: Richtig reflektiert und diskutiert habe ich solche Meinungen selten, egal ob privat oder in der Universität. Dabei wäre es wichtig.

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