Moment mal: Scheitern

Ich will heute mal übers Scheitern schreiben. Denn mal ehrlich, ein Studium läuft nicht immer flüssig, es gibt Momente und Abschnitte an denen man scheitern kann: Eine Frist nicht eingehalten zu haben, eine Hausarbeit oder Prüfung nicht bestanden zu haben, geschweige denn das Examen nicht bestanden zu haben.

Vor den Trümmern des letzteren sitze ich nun und kämpfe dagegen an nicht an mir zu zweifeln. War ich zu faul? Bin ich zu blöd? Heißt das Nichtbestehen dieser Prüfungen, dass ich eine schlechte Theologin bin, ergo eine grottige Pfarrerin werde und besser meine Finger davon lassen sollte? Dass ich meiner zukünftigen Gemeinde, sollte ich die Wiederholung bestehen, das Leid ersparen sollte, mich als Pfarrerin haben zu müssen?

Meine Familie und Freunde geben mir ungemein Kraft, gerade jetzt eben nicht aufzugeben, sondern den misslungenen Versuch als Chance anzusehen – jetzt weiß ich, wie die Prüfungen ablaufen, was gefragt wird, jetzt kann ich mich noch spezieller auf die Prüfungen vorbereiten. Dennoch taucht immer mal wieder dieses nagende Gefühl, dieser störende Gedanke auf – ich bin gescheitert. Niemand scheitert an dem, was man erreichen will. Wenn man scheitert, dann heißt das soviel wie: man steht nicht vollkommen hinter sich und seinen Zielen.

„Scheitern“ gibt es nicht

Niemand spricht übers Scheitern, Scheitern gibt es nicht. Als ich in der Examensvorbereitung gefragt hatte, was passiert, wenn man eine oder mehrere Prüfungen nicht bestehe (störender Gedanke: da sieht mans, ich hab schon in der Vorbereitung an mir gezweifelt und bin da schon davon ausgegangen, dass ich mind. eine Prüfung nicht bestehe), war die Antwort, dass an diesem Punkt darüber nicht geredet werde, da es überhaupt kein Thema sei, dass wir eine Prüfung nicht bestehen werden.

Habt ihr Scheitern mal gegoogelt? Ich hab das gemacht. Bei Wikipedia wird man weitergeleitet zu „Misserfolg“ und „Versagen“. Interessanterweise wird man, klickt man auf Misserfolg, automatisch zum Erfolg weiter geleitet. Beim Versagen sieht das schon etwas anders aus, ein kleiner Artikel über Technik und Philosophie, der mir immerhin Anregung für Lektüre gibt – aber nicht von Scheitern redet.
Wenn ich dann die Google-Liste so weiter durchklicke erfahre ich im Wiktionary, woher das Wort „scheitern“ überhaupt kommt. Demnach hat es ursprünglich nur die Verben „zuscheitern“ oder „zerscheitern“ gegeben, aus deren Anlehung die Kurzform entstand, die soviel heißt wie ‚in Trümmer zerbrechen‘.

Das gibt mir dann jetzt doch zu denken. Ich bin doch nicht in Trümmer zerbrochen. Immerhin darf ich nochmal wiederholen, und diese Wiederholung hab ich gestern im Ausbildungsreferat zugesagt und angemeldet. Ist es dann nicht doch ein bisschen arg, von Scheitern zu sprechen – also in meinem Fall? Wie muss es dann erst den Kommilitonen gehen, die ihr Examen bestanden haben, und dann nicht ins Vikariat übernommen werden? Oder den Kommilitonen, die auch den zweiten Versuch nicht bestehen? Also den Kommilitonen, deren Traum und Ziel in noch höherem Maße als mir zerplatzt ist? Jammere ich auf hohem Niveau?

Ich habe versagt, ich habe einen Teil der Abschlussprüfungen nicht bestanden, aber ich liege nicht in Trümmern, geschweige denn mein Traum und Ziel. Ich bin nicht gescheitert. Ich werde mir zur Vorbereitung auf die Wiederholung Hilfe suchen, um meine störenden Gedanken zu bewältigen und mich von meiner Angst nicht erdrücken und lähmen zu lassen. Das ist der erste Schritt weg vom Versagen hin zum Erfolg, sich einzugestehen, dass man Angst hat, die man alleine nicht bewältigen kann.

Und an alle, die mal eine Prüfung nicht bestehen und auf die Idee kommen ‚Scheitern‘ zu googlen: lasst euch nicht von den Ja-ihr-seid-gescheitert-und-das-ist-schlimm-Sagern runterziehen, sondern von den Nein-Versagen-ist-nicht-schlimm-wir-müssen-nur-richtig-damit-umgehen-Sagern neue Kraft geben.

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3 Kommentare anzeigen

  1. Danke für die ehrlichen Worte. Ich glaube, mit der Feststellung, das wir als Gesellschaft (und als Kirche!) nicht gern übers Scheitern reden, hast du ins Schwarze getroffen.

    Es gibt aber natürlich den Gegentrend, wie zum Beispiel die „Fuckup Night“ (http://fuckups.de). Ich habe aber gehört, dass dort am Ende häufig doch der Erfolg (der sich „schlussendlich“ dann doch noch einstellen soll) zelebriert wird … ist halt alles nicht so einfach.

  2. Oliver

    Vielen Dank für Deine ehrlichen Worte !
    Und da ich in meinem Leben oftmals gescheitert bin, so kann ich Dich durchaus verstehen. Allerdings möchte ich Dir Mut machen, nicht auf die anderen zu schauen. Du bist Du und das ist gut so. Dagegen stehen die Begriffe von Erfolg und Misserfolg in Konkurrenz zu anderen Menschen oder zu Normen, die Menschen gemacht haben. Beschäftige Dich mit Dir selber, ob Du nicht Dein eigener Feind bist, zu viel und zu schnell etwas von Dir zu erwarten – nämlich den Erfolg aus eigener Hand. Damit meine ich nicht, dass Du vollkommen hinter stehen solltest, sondern nach dem Motto „Eile mit Weile“ Du Dir vielleicht angewöhnen solltest, dass Du eben von Deinen Prüfern im Vorfeld helfen lassen solltest, sofern jene Dich nicht kennen sollten. Persönliche Integrität zu sich selber bedeutet auch, für sich zu kämpfen und zwar auf Schlachtfeldern, die man nie besiegen kann, sondern eben nur durch Kooperation. Jedoch nur dann, wenn man kooperativ sein möchte. Produktive Bedrängnis gegenüber Deinen Prof., Prüfern und Co., damit sie sehen, dass Du bestehen möchtest. In diesem Sinne brauchst Du aber einen Vermittler – eben Jesus für Dich. Lass doch Dein Gemeindepfarrer oder Dein Gemeindeleiter für Dich arbeiten, damit er die erwarteten Stolpersteine Deines möglichen Versagens auffängt und beseitigt. Einen Fürsprecher braucht jeder Mensch. Oftmals arbeiten jene Geister aber verdeckt im Hintergrund. Warum aber nicht einfach mal die betreffenden Personen im Vorfeld fragen, dass sie bereits im Vordergrund für Dich arbeiten mögen wollen.

  3. Danke für deinen Artikel und deine Offenheit. Ich glaube auch, dass wir als Gesellschaft ein Problem mit dem Scheitern haben. Zum Teil ist das, denke ich, auch typisch deutsch. Manche Menschen aus andern Kulturen sind da viel risikofreudiger und stecken Misserfolge leichter weg.

    Wenn wir uns die biblischen Erzählungen anschauen, sind die ja voll von Geschichten des Scheiterns. Wenn man dann, wie die biblischen Erzähler, eigenes Scheitern als Teil eines übergeordneten, sinnvollen Handeln Gottes mit seinen Menschen erkennen kann, bekommt es vielleicht auch irgendwie Sinn. :-)

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