„Hört nur wie lieblich es kracht“ Eine kritische Betrachtung der Adventszeit
Foto: Andrew Neel (CC0)

Über Freuden beim Einkauf

Die Weihnachtszeit wird eingebimmelt, jedes Jahr, durch den Schokoladenikolaus in den Geschäften – kurz nach dem Reformationstag. Und jedes Jahr beschleicht mich das Gefühl, es sei noch viel zu früh dafür. Anfang November ist dann – für das geschäftstüchtige Gewerbe – der letzte Scham-Damm durchbrochen und ungehindert gelangen entsetzliche Liedchen und anderes Ungetüm in die Verkaufshallen. Sie durchströmen nicht nur das Verkaufsgelände, sondern hinterlassen bei den Empfängern dieser kommerzialisierten Frohbotschaft tiefe Narben. Wer kennt sie nicht, die „Pest-Of“ Christmas-Weihnachtsschlager á la „Kling-Glöckchen Klingelingeling„, „So This Is Christmas„, „Feliz Navidad„, „A Bärige Weihnacht“ oder als besonderes Gustostückerl „Silent Night“ von Miley Cyrus. Hinzu kommt der sanfte Wink mit dem Zaunpfahl, dass man dieses Jahr lieber nicht zu wenig Geschenke einkaufen sollte, denn die Handelsbilanz darf den Geschäftstreibenden ja keinen Kummer bereiten.

Eine Sonderstellung räume ich den „Weihnachtsangeboten“ ein. Wer mag sie nicht? Alles ist herabgesetzt, daher billiger und preiswerter. Und zwar wirklich alle Waren. Eigentlich sollte es dem Kunden oder der Kundin – aufgrund von Logik und Verstand – dämmern, dass man das Beste erst am Jahresschluss kaufen sollte. Folgende preisgesenkte Produkte hat sich meine Tante unlängst besorgt (Achtung! Österreichischer Diminutiv): Ein Fernseherl, ein Handtascherl, ein Smartphone-Geräterl samt Handytariferl, ein Aufbewahrungsdoserl für Bürostifterl und ein Sackerl fürs Gackerl fürs Hunderl. Hernach hat sie erst die Weihnachtsgeschenke eingekauft, für mich war’s ein Brotdoserl und ein Stabmixerl – bestens geeignet für das harte Wiener Studentenleben.

Über die Freude am Markt

Wer geht nicht gerne auf den Christkindlmarkt? Ich gehöre dazu. Mir beginnt das ganze Spektakel viel zu früh, denn gefühlt darf man sich bereits ab Ende August auf Weihnachtsmärkte geistig vorbereiten. Sind die Standln Mitte November erstmal aufgebaut, sind diese nicht so leicht wegzubekommen, sie bleiben frühestens bis zum Weihnachtsfest erhalten. Kommt man mit gerade frischgeschundenen Ohren aus dem Supermarkt, bleibt der Weihnachtsschlager nicht nur als Ohrwurm, sondern live erhalten. Ab fünf Uhr nachmittags haben dann die meisten Menschen Büroschluss – kurz darauf füllt sich der Markt mitsamt seinen Gästen (ab). Bis zehn Uhr nachts schlendern tausende Besucher durch die viel zu engen Wege zwischen den Standln durch. Pech gehabt haben diejenigen, deren Weg auf die Uni durch diesen Bazar führt und man hinter sehr langsam trabenden Einkaufsvolk hertraben muss. Überholmanöver sind in solchen Situationen oftmals schwer möglich. Eine „besinnliche Stimmung“ kommt quasi nicht auf.

Über den lieblichen Krach

Durch die hochgesteckten Erwartungen für die Weihnacht selbst hat der Frust jede Menge guter Möglichkeiten, sich in die familiäre Friedensbescherung einzumischen – zumal der gemeinsame Esstisch in mancherlei Fällen wohl eher einem Verhandlungstisch gleichen möge. Oder manche Menschen bleiben alleine zuhaus und die Stille wird zur unhörbar lauten Begleitmusik des Abends – oftmals ungewollt. Lieblich ist überdies der Krach der nächtlichen Discos, denn bereits während der Adventszeit wird auf den Weihnachtsmärkten laut Musik gespielt: der XMAS-Stadl, die XMAS-Disco oder die XMAS-Party. Firmenfeiern, Schulaufführungen, das „kurze“ Treffen am Abend und die vielen anderen Termine reihen sich nahezu nahtlos aneinander. Nicht selten verkommt die Besinnlichkeit in eine Besinnungslosigkeit, obwohl jeder Mensch gerade diese in der Weihnachts- und Adventzeit beschwört. Ein Paradoxon.

Über das „Trotzdem“

Man möchte es ja eigentlich nicht glauben, was man sich in der Adventszeit so alles antut, denn unausgeführt bleiben in diesem Artikel etwa der Dekorationswahn, das Schizeugkaufen, das mühsame Geschenkverpacken oder das aufwändige Keksebacken. Mag mich die kommerzialisierte Adventszeit eher an eine altgermanische Vorfreudenzeit zur nahenden Wintersonnenwendfeier als an ein christliches Fest – in welchem der kleine, dreckige Kuhstall in Palästina innewohnt – erinnern, die Freude in mir lässt sich trotz alledem kaum verhindern. Gut eine Woche vor Weihnachten stört mich die Musik nicht mehr allzu sehr, vermutlich aus Gewohnheit der Dauerbeschallung heraus und selbst das Dekorieren und die Geschenkseinkäufe werden mithilfe von Glühwein und Keksen erträglicher. Und dann darf er kommen, der Heiligabend.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Spassheide

    „Mag mich die kommerzialisierte Adventszeit eher an eine altgermanische Vorfreudenzeit zur nahenden Wintersonnenwendfeier als an ein christliches Fest – in welchem der kleine, dreckige Kuhstall in Palästina innewohnt – erinnern…“

    Was ist schlecht an einer altgermanischen Vorfreudenzeit zur Wintersonnenwendfeier , wenn es diese Vorfreudenzeit wirklich gab? Haben die Germanen in der Wintersonnenwendzeit wirklich so intensiv dem Kommerz gefrönt? Ist eine christliche Vorfreudenzeit besser? Ist man durch Unwissenheit oder Nichtglaube an den Heiland aus dem Stall automatisch nur zum rein weltlichen verdammt?
    Das ist mal wieder diese typische Denkweise, die andere Glaubenswelten als minderwertig einstuft.
    Römische Geschichtsschreiber haben die Germanen eher als tiefreligiös eingestuft, was nicht verwunderlich ist, da sie aufgrund der Geografie und des Klimas in Mittel-/Nordeuropa sich wahrscheinlich mehr dem Unbill und der Willkür der Götter und Geister ausgesetzt sahen als so mancher Römer, Jude und anderer Mittelmeeranrainer.

    Und wenn ich mir so manche Kirche anschaue wurde hier das ganze Jahr über schamlos dem Blingbling gehuldigt.

    • Florian Meier

      Man kann sich ja mit der voradventlichen und adventlichen Liturgie etwas ablenken. Der liturgisch strahlende Ewigkeitssonntag „Wachet auf“ bei realpräsenter Verlesung der Verstorbenen und dann das auf und ab aus tiefer Düsternis (die Nacht ist vorgedrungen) und tiefer Hoffnung (oh Heiland reiß die Himmel auf) in dieser dunkel naßkalten Zeit. Bei soviel Existenzialismus ist dann das Geblödel auf der Betriebsweihnachtsfeier oder am Glühweinstanderl, das kitschige Gedudel die reinste Erholung. Und irgendwann
      ist der Tag dann wie immer – schneller als gedacht – da. Man sitzt wie als kleiner Junge wieder in der plötzlich vollen Kirche in der alten Heimat. Sie ist voller sehnsüchtiger Menschen – viele gealtert manche mit neuen Kindern, die sich alle trotz aller Rationalität und Abgebrühtheit etwas verzaubern lassen wollen zusammen mit Millionen in anderen Kirchenräumen von mächtigen Kathedralen, bis ärmlichen Buden oder diesem 60er Jahre Betonbunker. Doch das ist am Ende ganz egal. Welche Chance noch einmal neu anzufangen.

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