Moment mal: Anstrengend, aber geil Wie die Bundeswehr um junge Menschen wirbt
Foto: Jan Dudík (Gemeinfrei)

Es sind die ganz normalen Probleme von Jugendlichen: Es ist so hart, früh aufzustehen! Wie seh‘ ich mit den Klamotten aus? Ich weiß nicht, wo ich hin soll! Jungs, die als Hobby-Angler oder Oldtimer-Schrauber vorgestellt werden, sollen nun Kleiderbügel zählen, jeden Abend ihre Wasserflasche auffüllen oder ihr Bett ordentlich machen.

Seit Anfang November wird aus diesem beinahe ins Triviale abrutschenden Stoff tagtäglich Filmmaterial gewonnen, das einem besonderen Arbeitgeber wieder ein attraktiveres Image verleihen soll: der Bundeswehr.

Neben einer bundesweiten Plakataktion soll vor allem die offizielle Werbeserie „Die Rekruten“  dazu beitragen, dass sich wieder mehr Menschen für eine Karriere beim Militär entscheiden. In kurzen täglichen Sequenzen werden 12 Rekrut*innen bei ihrer dreimonatigen Grundausbildung an der Marinetechnikschule in Stralsund begleitet. Die einzelnen meist mit Handkamera gefilmten Folgen werden auf YouTube eingestellt. Auch sonst wird vor allem in Hinblick auf jugendliche Zielgruppen gearbeitet: mit Selfie-Perspektive, schnellen Schnitten und dramatischem Hintergrundsound.

Was im Film unter „Einberufung“ läuft, erinnert dann in erster Linie an Klassenfahrtsstimmung und die formulierten Erwartungen der Nachwuchssoldat*innen tendieren auch eher in diese Richtung: „Auf die Klamotten freu‘ ich mich am meisten“ und man erhofft sich „Spaß an der Sache“.

Man gerät beim Zuschauen leicht ins Schwanken: wo ist man hier eigentlich? Im Abenteuercamp oder bei einer Militärausbildung? Auf der einen Seite sind der Befehlston, die Waffen, die Uniformen geblieben – aber gleichzeitig wird ein allzu „normaler“ Alltag von jungen Menschen beschrieben, die sich über eine komfortable Badausstattung freuen, fast in Tränen ausbrechen, weil sie ihre Piercings entfernen müssen und nach Dienstschluss „einfach mal die Glotze anmachen“ wollen. Ebenso unklar ist, wo eigentlich die Sympathien der Zuschauer*innen  liegen: Hat man nun Mitgefühl mit den Jugendlichen, die schon von einfacheren Aufgaben überfordert zu sein scheinen oder fragt man sich eher, was das denn für eine lasche Soldat*innenausbildung sein soll?

Sicher lässt sich über den Kampagnenstil streiten – aber in erster Linie zeigt die Serie in einer Art Tagesprotokoll den Ablauf der momentanen Grundwehrausbildung. Und das ist weder besonders cool oder beschönigend, sondern eher öde. Es bleibt vage, was die Serie eigentlich will: den Schrecken nehmen? Das Berufsbild „Soldat*in“ relativieren? Lustig sein? Immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Slapstick und Ernst, zwischen Tanzeinlagen auf dem Hof und Hantieren mit dem Sturmgewehr.

Nur selten klingen Konsequenzen, Befürchtungen oder Verantwortungen an – gehören diese nicht zum Bild der Bundeswehr dazu? Wenn ja, dann kratzen die netten Videos nur an der Oberfläche und wollen sich vor allem den (Seh-) Gewohnheiten der Jugendlichen angleichen. Diese Werbestrategie hat scheinbar in den letzten Jahren schon Erfolg gehabt; so erreichte die Zahl minderjähriger Soldat*innen in diesem Jahr den Höchststand. Laut Anfrage an das Bundesverteidigungsministerium waren zum 1.November diesen Jahres 1576 Rekrut*innen noch keine 18 Jahre alt. Seit dem Ende der Wehrpflicht 2011 steht das seitdem ermöglichte Anwerben Minderjähriger in der Kritik.

Die UN-Kinderrechtskonvention empfiehlt, Soldat*innen erst mit Volljährigkeit zu rekrutieren – für Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linken, ein Anlass, um von „Kindersoldaten“ in Deutschland zu sprechen. Auch die mangelnde Reife, Entscheidungen wie die einer militärischen Ausbildung zu überblicken, die entwicklungsbedingt höhere Risikobereitschaft und Traumatisierungstendenz sprechen gegen die Rekrutierung Minderjähriger. Dem entsprechend stark ist auch das Unbehagen, das Jugend- und Ausbildungsoffiziere teilweise begleitet. Sehr hohe Abbrecherquoten sprechen dafür, dass das funktionierende Anwerben allein nicht zur Nachwuchssicherung beitragen kann.

Es ist zu fragen, inwiefern man überhaupt „gute“ Werbung für die deutsche Bundeswehr gestalten könnte. Geht es hier um einen normalen Arbeitgeber und ist „Soldat*in“ einfach ein Beruf neben anderen? Was würde passieren, wenn man statt mit auftrumpfenden Sprüchen wie „Mach, was wirklich zählt“ oder „Wir suchen Helden in Grün“ die realen Berufschancen und vor allem -risiken benennt?

Momentan bleibt es bei Plakathinguckern wie demjenigen, wo man auf einen (seltsam ordentlich inszenierten) Zockerschreibtisch blickt mit dem Untertitel: „Ab November wird draußen gespielt!“. Wo bitte „draußen“? Auf dem Spielplatz oder doch demnächst in einer der Krisenregionen der Welt?

Solang die Bundeswehr auf derart banalisierende Art und Weise junge Menschen zu ködern versucht, sollte sie sich selbst wohl kaum weiterhin als „sinnstiftenden Arbeitgeber“ bezeichnen dürfen.

Schlagwörter: , , , ,

Ein Kommentar

  1. Die Kehrseite davon, daß man die Wehrpflicht abgeschafft hat: Jetzt muß man zu den Mitteln des Marktes greifen, um sich Nachwuchs zu beschaffen.
    Früher konnte man – zumindest als junger Mann – sich erst ein paar Monate ein Bild davon machen, was es heißt, Soldat zu sein: Antreten um 7, geputzte Schuhe, Umgang mit schwerem Gerät und vor allem jede Menge öde Zeit, in der man darauf wartet, daß doch kein Feind kommt.
    Die Entscheidung pro oder contra Militärlaufbahn war damit zumindest begründet – man wußte, worauf man sich einläßt.
    Jetzt ist die Wehrpflicht abgeschafft und ich beobachte, wie die Bundeswehr immer mehr zu einem Buch mit sieben Siegeln (inklusive entsprechender Katastrophen?) wird.
    Was dort passiert, wie der Alltag ist? Ich weiß es nicht mehr. Meine Zeit ist 16 Jahre her und jüngere Verwandte und Bekannte mußten nicht mehr hin und können daher nichts erzählen.
    Offenbar hat man Probleme mit Nachwuchs. Die gab es damals in den 90ern schon, trotz extremer Reduzierung der Truppenstärke nach der Wiedervereinigung (und trotz Wehrpflicht). Abbrecher hatte man wohl weniger, weil das mit dem Abbrechen für die Wehrpflichtigen nicht so leicht war und in höheren Rängen einiges kosten konnte.
    Ehrlich fände ich, den Beruf (mich schaudert es, die Bezeichnung zu verwenden, aber mir fällt kein besserer Begriff ein) so darzustellen, wie er ist, inklusive Rückflug aus Afghanistan in einer Kiste. Aber das wird die Bewerberzahlen nicht in die Höhe schnellen lassen.
    Am Ende stellt sich die Frage, ob es das überhaupt noch bringt. Wozu Streitkräfte, wenn sich keiner mehr findet, der den Job machen will? Wieso nicht nach Alternativen suchen. Der Ruhrstreit zeigte, daß man auch ohne militärische Gewalt Mittel gegen militärische Besatzung finden kann. Und bei der Friedenssicherung ist der zivile Teil eh viel wichtiger als der militärische. Wieso nicht da aufrüsten? Wär doch mal was. Ich habe die Vermutung, daß es auf dem Gebiet auch etliche Freiwillige gäbe, daß bei entsprechenden Laufbahnen durchaus genügend Leute vorhanden wären, die Stellen zu besetzen.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.