Moment mal: Sprechen und Angreifen

Letzte Woche habe ich auf Medium einen kurzen Text veröffentlicht, in dem ich von einem meiner „Irritationsmomente“ im Theologiestudium erzählen wollte. Es ging mir um einen generellen Mangel an Sensibilität für Sprache unter Theologiestudent_innen. Beispielhaft wollte ich aus einem Seminar erzählen, um auf das aufmerksam zu machen, was mich irritiert.

Und wie das so ist mit Dingen, die man im Internet veröffentlicht, irgendjemand reagiert meistens drauf. Und bereits die erste Reaktion auf Twitter bestand aus einer – für meinen Geschmack fast schon hysterischen – Antwort, die den Kerninhalt des Artikels, nämlich meine Irritation in Hinblick auf die Vergessenheit gegenüber Sprache (nicht nur dann, wenn es um geschlechtergerechte Formulierungen geht) völlig übergangen hatte und sich (zuerst) nur auf das geschlechtergerechte Sprechen/Schreiben bezog. Und dann? Ermüdende Online-Diskussion über zwei Tage hinweg mit viel aneinander Vorbeireden und noch mehr von der gleichen Frustration auf meiner Seite.

Meine Frage ist die gleiche geblieben: Warum gehen viele Theologiestudent_innen so unreflektiert mit der Sprache, die sie gebrauchen, um und halten sie für so statisch? Warum sehen sie keine Notwendigkeit, sich ihr und damit auch dem, was sie eigentlich aussagen kann, kritisch zu nähern?

Viel schlimmer als diese Form der „Sprachvergessenheit“ an sich finde ich aber die Haltung, mit der Sprachkritik und der sie äußernden Person oft begegnet wird: Angriff. Egal ob auf persönlicher oder fachlicher Ebene, die Angriffshaltung ist schnell eingenommen, wenn der erste Unterstrich, das erste Sternchen oder das erste „Innen“ auftaucht. An der bestehenden Sprech- und Schreibweise scheint so einiges zu hängen, schützenswertes wie explosives. Die Ebene des Zuhörens und Anliegen wahrnehmen wird meistens reflexartig verlassen, denn was „die da schon wieder will“ ist ja bereits bekannt.

Der Modus, in dem die meisten dieser Diskussionen (online wie offline) ablaufen, ermüdet mich, die ständigen persönlichen Angriffe gepaart mit Faktenresistenz noch viel mehr. Besonders dann, wenn er von Menschen kommt, die darauf hinstudieren, Seelsorger_in oder Lehrer_in zu werden, von Menschen, die an Gott, die/den Gerechten glauben. Meint ihr wirklich, dass es „so schon passt“ mit der Sprache und dass es keiner Veränderung bedarf? Warum sprecht ihr überhaupt Gebete und Glaubensbekenntnisse, wenn ihr der Sprache so wenig an realitätsstiftender Kraft zutraut? Sollte es nicht gerade unter Christen anders sein?

4 Kommentare anzeigen

  1. Lukas

    Eine sehr interessante und gerade aktuell wichtige Frage. Ohne zu versuchen, sie an sich zu beantworten, vielleicht eine kleine „Rückgabe“: Eine Sprachkritik, die modernistisch daher kommt und – ob implizit oder explizit – selbst ein Angriff ist, insofern sie ja letztendlich, wie auch du in deinem Text hier, sagt, dass alle Menschen, die nicht eine bestimmte FORM der Sprachkritik folgen, unreflektiert oder gar ungläubig bezüglich der Macht von Sprache und Worten nennt, erzeugt natürlich Reaktionen. Auch wenn man Angriffe in eine ausgeglichene, akademische Sprache kleidet, bleiben sie Angriffe, die Menschen wahrnehmen. Und sie reagieren, nicht immer unreflektiert, in ihrer Weise darauf. (Was ja auch erstmal nicht schlecht ist, eine Debatte in der Form „Angriff und Apologie“ ist eine sehr anstrengende, aber auch eine der fruchtbarsten Diskursformen…)

    Man kann nicht, um es mal explizit zu machen, eine Debatte über die Form von Sprache führen wollen, und das Ergebnis der Debatte schon in sie hereinlegen, indem man die Regeln für den Diskurs so definiert, wie man am Ende das Ergebnis haben möchte ;)

    Und zum letzten Absatz: Vielleicht braucht unser Fakten-Begriff auch mal wieder einen begriffskritische Untersuchung…

    • Lieber Lukas, Danke für Deinen „Einwurf“ und ja, im Diskurs ist es immer ein Ringen mit Worten und um Worte, sobald verschiedene Wahrnehmungen/Wahrnehmungsrealitäten miteinander kollidieren redet es sich schneller aneinander vorbei, als einem/einer meistens lieb ist.
      Meine momentane Erfahrung beruht vor allem darauf, dass ich erlebe, in scheinbaren Diskussionen über Sprache (on- wie offline), selbst wenn ich nur damit anfange, nachzufragen, wie mein Gegenüber bestimmte Begriffe meint. Doch wird bereits darauf mit abwehrendem Angriff reagiert, der unterhalb der persönlichen Gürtellinie treffen will. Aber das ist nur meine subjektive Erfahrung, aus der ich da heraus schreibe.
      Und ja, klar werde auch ich in meinen Forderungen (inzwischen) nachdrücklicher/aggressiver – aus meiner Erfahrung als Frau in der katholischen Kirch konkret heraus und generell als jemand, der in ca. 70% der Texte übergangen wird. Das tut irgendwo auch weh, aber ich versuche zumindest, mich von der eigenen Verletzheit auch zu lösen und sie nicht blind zur Leitlinie meiner Argumentation zu machen. Dass ich mir ein bestimmtes Ende wünsche kommt nicht nur aus dieser Betroffenheit, sondern (im akademischen Bereich) aus dem Vergleich mit der Politikwissenschaft und der Soziologie, fächerübergreifend mit den „Standards“ wissenschaftlichen Arbeitens, wo eine geschlechtergerechre Sprache ein Basic ist.

      Was den Faktenbegriff betrifft, ja über den kann man sich im Großen und Ganzen wirklich Gedanken machen, gerade in Hinblick auf die Wirkmacht des Postfaktischen. Faktenresistenz meine ich aber hier primär auf die psychologischen Studien bezogen, die sich mit der Wahrnehmung (besser nicht-Wahrnehmung) von Frauen in Sprache/Text, die im generischen Maskulinum gehalten ist, beschäftigt.

      Danke auf jeden Fall für Deinen konstruktiven Input :)

  2. dierk schäfer

    “ Seelsorger_in oder Lehrer_in zu werden, von Menschen, die an Gott, die/den Gerechten glauben“ — Wer so spricht, wie er hier schreibt, kann kaum Sensibilität für Sprache haben. Schließlich hat Sprache etwas mit sprechen zu tun. Mir graut vor solchen Predigern.

    • Lieber Dierk, wie du das meinst verstehe ich leider nicht ganz – Magst Du mir da auf die Sprünge helfen?

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