Moment mal: Der Anfang
Foto: Philipp Greifenstein

Wo fange ich am besten an? Es begab sich, dass ich die letzten zwei Wochen abgelenkt wurde. Abgelenkt von den Nachrichten über den Trump-Wahlsieg und sein Übergangsteam, von der erneuten Kanzlerinnen-Kandidatur Angela Merkels, von den Auswirkungen des Brexit, ja sogar von der Söderschen Kirchenkritikdebatte. Abgelenkt durch die Geburt unseres Sohnes Adam, der etwas verfrüht am 13. November „das Licht der Welt erblickte.“

Was wirklich wichtig ist

Mit Advent und Weihnachten habe ich es mir in den letzten Jahren immer schwer getan. Ich habe mich darüber ereifert, dass die Christen selbst Weihnachten noch miesepetrig sind, statt sich aus dem Fest einen Heidenspaß zu machen. Ich habe mit den Weihnachtspredigten gehadert und ein Bullshit-Bingo mit den schlimmsten Versatzstücken der weihnachtlichen Verkündigung gebastelt. Ich habe mich selbst an einer Weihnachtspredigt für Männer versucht.

Ich habe den Advent und Weihnachten nach Sinn abgeklopft: Wer bin ich – und wenn ja wieviele? Sind es die Weisen, in denen wir uns als moderne junge Studenten wiederfinden? Ist es Maria, die unverhofft zu einem Kind kommt? Oder ist es Josef, der für sein Kind träumt?

Wenn ich so an Adams Kästchen sitze, dann habe ich eine Ahnung davon, was Paul Gerhard flockig bedeutungsschwanger „Ich steh an deiner Krippen hier“ dichtete. Und ich danke dem Herrn, dass Lukas uns mit der Weihnachtsgeschichte das vielleicht größte Geschenk unseres Glaubens gemacht hat. Ich weiß, Lukas hat älteres Material, auch aus anderen religiösen Traditionen, verarbeitet. Who cares? Mir gefällt der Gedanke, dass er an seinem Tisch sitzend an der Geschichte herumfriemelt, bis sie ganz richtig ist.

Das Kind

Wir sind ein Volk der „vom-Ende-her-Denker“. Was wir studieren wollen, das machen wir daran fest, was man damit mal werden kann. Bevor wir auf Reisen gehen, ist das Rückfahrtticket schon gelöst. Frau Merkel wird bewundert, weil sich die Vermutung hält, dass sie die Sachen „vom Ende her denkt“. Und wenn wir entsetzt und ungläubig die Ergebnisse von Brexit und US-Wahl anschauen, dann fragen wir uns: Wie wird das nur enden? Haben die denn gar nicht an die Konsequenzen ihrer Entscheidung gedacht?

Ein Blick in die Weihnachtsgeschichte des Lukas (oder die ganze Bibel, wenn man so will) genügt, um festzustellen: Da sind keine „vom-Ende-her-Denker“. Da sind Menschen, die sich aufmachen, anfangen, manche unfreiwillig, genötigt, manche aus freien Stücken. Manche gehen guten Gewissens, manche sind auf der Flucht, auch vor sich selbst. Es wird sich permanent auf den Weg gemacht – auch metaphorisch.

Der Anfang soll uns angehen, nicht das Ende. Das Ende ist Gottes Sache. Anfangen ist schwer genug. Nach Enttäuschungen wieder aufzustehen, weiter – oder vielleicht zum ersten Mal – zu kämpfen, das ist Herausforderung genug.

Ich fange bei der Krippe an

Das Symbol für den Anfang ist das Kind. Ein Symbol, das Anteil an der Wirklichkeit hat, weil ich (m)ein Kind nicht anschauen kann, ohne an seine Zukunft, die großartigen Möglichkeiten seines Lebens zu denken. Dann träumen wir wie Josef. Ein Kind ganz handgreiflich, verletzlich, das gepflegt und geliebt werden will. Dann sorgen wir uns wie Maria. Ein Kind, das zum ersten Bild unseres Glaubens geworden ist, Zeichen aller Anfänge auch meines Lebens. Und wie die Weisen stehen wir mit allem was wir haben unzureichend am Beginn der nächsten Reise.

Wir fassen keinen andern Gott als den,
der in jenem Menschen ist,
der vom Himmel kam.
Ich fange bei der Krippe an.

(Martin Luther)

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