Von der Gegenwart Gottes
Die Berufung Jesajas (Giovan Battista Tiepolo, 1726)

Eine „Göttinger Predigtmeditation“1 zu Jesaja 6

Die Theophanie, „Gottesschau,“ ist ein vielen Christen fremdes Konzept. Gott sei schließlich unsichtbar. Die meisten Protestanten würden es vermutlich eher mit dem Evangelisten Johannes halten: „Niemand hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18). Doch Neues und Altes Testament fordern diese Vorstellung zugleich heraus in zahlreichen Theophanieerzählungen, die das Gegenteil zu behaupten scheinen. Jes 6 ist eine von diesen Erzählungen.

Es ist ein Text, der tief verwurzelt ist in der Jerusalemer Tempeltheologie. Laut dieser ist JHWH nicht überall in der Welt gleichermaßen präsent, sondern er hat sich den Zion, den Tempel in Jerusalem als seine irdische „Wohnstätte“ erwählt. In Konsequenz ist der Tempel die Verbindungsstelle zwischen Himmel und Erde und damit sowohl vertikale Weltachse als auch Mittelpunkt der Welt.2 Jes 6 zeigt eindrucksvoll, wie praktisch diese göttliche Präsenz im Tempel gedacht wurde. Der Text zerstört auch noch die letzte Möglichkeit, die Anwesenheit JHWHs im Tempel irgendwie „spirituell“ zu denken und lässt Gott als „Sitzenden“ (יֹשֵׁ֥ב) im Tempel erscheinen.

Die nachaufklärerische Gesellschaft hat sich größtenteils abgewandt von der Vorstellung einer so körperlichen Präsenz Gottes (im Bild vom „bärtigen alten Mann auf einer Wolke“ wird ein solches Gottesbild häufig karikiert). Die christliche Gegenwartskultur scheint geprägt von der Vorstellung eines unsichtbar-allgegenwärtigen Gottes, dem man höchstens auf intellektuell-philosophischer oder spirituell-mystischer Ebene begegnen kann.

Die Jerusalemer Tempeltheologie mit ihrer betont körperlich gedachten Anwesenheit Gottes im Tempel ist geradezu ein Affront gegen dieses Gottesbild. Dabei scheint sich der Text der radikalen Einfachheit dieser Vorstellung bewusst zu sein. Mit der umschreibenden Andeutung, dass „der Saum seines Kleides den Tempel erfüllte“, wird mit der Unmöglichkeit eines irdischen Raumes, der Gott fassen könnte, kokettiert. Gott passt – ganz räumlich gedacht – eigentlich überhaupt nicht in den Tempel. Die Füße Gottes passen gerade so hinein und damit ist er „ausgefüllt.“ Dennoch beschreibt Jes 6, dass JHWH sich (als Ganzes) im Tempel befindet.

Ich stelle mir das vor als eine Szene, die des niederländischen Künstlers M. C. Escher würdig wäre. Es wird eine räumliche Unmöglichkeit optisch abgebildet. Längeres Betrachten solcher Bilder führt im wahrsten Sinne des Wortes zu Kopfzerbrechen. Entsprechend ruft es Jesaja aus: „Wehe mir, denn ich muss vergehen […] denn den König JHWH Zebaot haben gesehen meine Augen.“

Im Horizont dieses Textes lässt sich vielleicht annähernd begreifen, warum an mehreren Stellen im AT die Unmöglichkeit einer direkten Gottesschau betont wird. Ein menschlicher Verstand müsste schier überlaufen angesichts der Manifestation dieser Unmöglichkeit, das Ewige und Unendliche in dieser irdischen Welt sichtbar zu machen. Ein Mensch, der solches zu Gesicht bekäme, müsste „vergehen“ oder den Verstand verlieren, wie die Protagonisten des trashigen Sci-Fi-Horrorfilms Cube 2: Hyperqube.3

Jes 6 beschreibt jedoch nicht nur eine Theophanie. Zugleich ist es ein klassischer Prophetenberufungstext. Jesaja wird von JHWH beauftragt (Jes 6,9f), zu seinem Volk zu sprechen. Der Auftrag ist jedoch ein ungewöhnlicher: Jesaja soll nicht etwa eine Segens- oder Gerichtsankündigung JHWHs ausrichten, sondern soll „verfetten das Herz dieses Volkes,“ damit es „nicht umkehrt und nicht Heilung findet.“ JHWH kündigt an, die Menschen aus dem Land entfernen zu wollen und zu „vertilgen“ (Jes 6,13). Hoffnung besteht lediglich darin, dass „ein heiliger Same als Wurzelstock“ (Jes 6,13) übrigbleiben wird.

Das Motiv der Verstockung4 sorgt immer wieder für Schwierigkeiten in der Rezeption biblischer Texte, weil es sich mit dem Bild eines liebevollen Gottes, der um seine Menschheit wirbt, nur schwer vereinbaren lässt. Es ist schwer vorzustellen, dass Jesaja vor Gott Vergebung erfährt, das Volk jedoch eine solche Möglichkeit nicht bekommen sollte. Der Alttestamentler Gerhard von Rad kommt deshalb zu dem Schluss, das Verstockungswort in Jes 6 setze „eine gewisse Erfahrung“5 schon voraus – nämlich die Erfahrung, dass prophetische Rede (und damit Gottes Zugehen auf den Menschen) oft nicht angenommen, sondern abgelehnt wird. Für von Rad ist auch die Verstockung heilsgeschichtliches Handeln JHWHs. Wenn auch auf unangenehme Weise, so wirkt Gott doch noch an seinem Volk. Er hat es nicht verlassen. Die Verstockung kann dann als „die Folie, von der sich Jahwes immer neues Einladen abhebt,“6 verstanden werden. Und diese Einladung gilt auch Heute noch, trotz – oder vielleicht gerade wegen – aller „Fettigkeit“ unserer Herzen.


  1. Vgl. Deeg; Nicol: Auf der Schwelle zur Predigt. Was eine Göttinger Predigtmeditation leisten kann, Göttingen 2007.
  2. Im Ruf der Seraphim (Jes 6,3) wird deutlich, wie das Kabod (כָּבוֹד), die göttliche „Herrlichkeit“ ausstrahlt in כָל־הָאָ֖רֶץ, das „ganze Land,“ oder, wie es sich auch übersetzen ließe, die „ganze Welt.“ Wenngleich der göttliche Kabod auf keinen Fall mit JHWH selbst gleichgesetzt werden kann, ist hier doch schon angelegt, wie die Präsenz JHWHs vom Zion her in andere Länder und auch zu anderen Völkern ausstrahlen kann, also nicht auf Israel begrenzt bleibt.
  3. Die Protagonisten von Cube 2: Hypercube sind gefangen in einer Anordnung von Räumen, in denen die Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum auf verschiedene Art außer Kraft gesetzt werden. Im Laufe des Filmes kommen alle von ihnen ums Leben, entweder in tödlichen Fallen oder durch die Hand einiger Gefangener, die im Laufe des Films dem Wahnsinn verfallen sind.
  4. Mehr zum Thema in Dietrich: Art. „Verstockung“ in WiBiLex, online 2007.
  5. Rad, Gerhard v.: Theologie des Alten Testaments. Band 2, München 1960, S. 162.
  6. Ebd. S. 165.

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