(K)ein Kreuz für den Frieden Von Höchsten Vertretern, Symbolen und Statements
Foto: Lukas Hille

18Im Oktober 2016 haben die höchsten Vertreter der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zum Auftakt des Reformationsjubiläums eine gemeinsame Pilgerreise in das Heilige Land unternommen und damit eines der gewichtigsten ökumenischen Zeichen der letzten Jahrzehnte gesetzt. In der deutschen Medienlandschaft wird hingegen nur ein Thema diskutiert: Wie konnte es passieren, dass diese höchsten Vertreter der deutschen Kirchen auf dem Tempelberg ihre Bischofskreuze ablegten? Ein Unterwerfungsakt? Vorauseilender Gehorsam? Das Ende des Stolzes der westlichen Christenheit? Wie immer ist es mit den Zeichenhandlungen nicht so einfach, wie im ersten Moment gedacht. Eine Einordnung aus Jerusalem.

Ein Besuch auf dem Tempelberg

Es ist 12.39 Uhr mittags, und ich stehe am Ende einer langen Schlange, die sich inzwischen bis zum „Dung Gate“ zieht, dem südlichen Tor der Jerusalemer Altstadt, das in Richtung der „City of David“ die gewaltige Stadtmauer durchbricht. Die israelische Sonne brennt unbarmherzig, als sich die Menschenansammlung vor mir zu bewegen beginnt. Endlich.

Ich bin spät dran an der Sicherheitskontrolle gleich neben der Klagemauer, einem der meistbesuchten Orte der Welt. Doch mein Weg führt diesmal nicht durch einen der breiten vier Kontrollbögen auf der linken Seite des Areals, in denen man von Sonntag bis Donnerstag, säuberlich nach Geschlecht aufgeteilt, kontrolliert und dann zur Klagemauer vorgelassen wird. Heute gehe ich rechts daran vorbei, auf einen schmalen, hölzernen Aufgang, der mich weiter nach oben führen soll: Auf den Tempelberg, oder den Haram aš-šarif, das edle Heiligtum, wie die Muslime ihn nennen. Der Berg ist für Touristen an einem Teil des Vormittags und nach dem Mittagsgebet noch einmal für eine Stunde geöffnet. Heute hat es am Nachmittag mal wieder länger gedauert, bis die Tore sich öffneten, wie so oft in der arabischen Welt. Manchmal bleibt der Berg unangekündigt vollkommen geschlossen.

Es geht durch die israelische Sicherheitskontrolle. Alle Gegenstände aus den Taschen entfernen, den Rucksack durch einen Scanner schieben, ich selbst laufe durch einen Metalldetektor. Wie am Flughafen. Oder, hier in Israel, wie an den großen Bushaltestationen, in Malls und großen Kaufhäusern sowie Supermärkten und in Schulen und Museen. Ich bin wie immer unauffällig und ungefährlich. Nach der Kontrolle geht es weiter die Rampe hinauf.

Oben angekommen folgt, was diesseits der Westbankmauer eher untypisch ist: Eine zweite Kontrolle, diesmal von einer Gruppe junger Araber, in zivil. Und diesmal: Ein ideeller Check. Genau werde ich auf religiöse Symbole beäugt, meine Freundin muss –  trotz langärmligem, hochgeschlossenem Shirt – ein Tuch umlegen. Wir werden später noch scharf zurechtgewiesen werden, als es ihr es ihr kurz von den Armen rutscht. Wir dürfen passieren, ich habe mein Olivenholzkreuz – ein Gegenstand, den ich sonst immer bei mir trage und nicht mal beim Schlafen ablege – zu Hause gelassen. Wir sind vorbereitet. Ansonsten wäre ich jetzt wieder unten oder mein Kreuz los.

Ein Ort unter Spannung

So sieht er aus, der Status quo am Tempelberg. Das Areal, das den heiligsten Ort des Judentums und, seit einiger Zeit, auch einen hochheiligen, emotionalen Ort für den Islam markiert, steht 24 Stunden am Tag unter genauster Kontrolle. Das gesamte Gelände gehört seit dem Beschluss des Teilungsplans durch die Vereinten Nationen im Jahr 1948 zu dem Teil des Landes, das der palästinensischen Seite zugerechnet wird. Im Zuge des Sechs-Tage-Krieges im Jahr 1967 wird es, wie die gesamte Altstadt Jerusalems, durch die Israel Defense Force (IDF) von Jordanien eingenommen. Die Klagemauer wird nun wieder zum Gebetsort für Juden. Das Areal auf dem Tempelberg hingegen stellt man umgehend wieder unter die Autorität der Waqf, einer Art frommen islamischen Stiftung, die seitdem die Aufsicht über das Gebiet hält.

Bis zum Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 waren der Tempelberg, die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom noch für alle Besucher zur Besichtigung freigegeben. Seit dem Ende derselben im Jahr 2005 ist zumindest der Tempelberg selbst wieder geöffnet, die Moschee und der Dom bleiben aber verschlossen.

Diese geschichtlichen Entwicklungen begründeten die aktuelle Handhabung und die scharfen Kontrollen. Man befindet sich – das muss einem bewusst sein, wenn man versucht, den Besuch unserer Bischöfe zu bewerten – an einem Ort, an dem jeder Millimeter umkämpft und beobachtet ist. Das gilt für die ganze Stadt – legendär sind hier inzwischen die Schlägereien der verschiedenen Konfessionen in der Grabeskirche – und insbesondere für das Tempelberg-Areal. Man befindet sich an einem Ort, an dem gerade erst die Konfliktlinien innerhalb des Judentums wieder aufgebrochen sind, da orthodoxe und liberale Strömungen sich nicht über die richtige Art der Frömmigkeit an der Klagemauer einigen können. Der Konflikt eskalierte gewaltsam. Man befindet sich an einem Ort, an dem Juden von Soldaten begleitet den Tempelberg besichtigen müssen, begleitet von aggressiven Schreien der gläubigen Muslime. Und nicht zuletzt befindet man sich an einem Ort, an dem man sich vollkommen bewusst ist, dass jeder Schritt von Augen, Linsen und Gewehrläufen überwacht wird. Ein Ort, an dem Kräfte, die ihren Willen bisher nicht bekommen haben, sehnsüchtig auf die nächste Eskalation warten.

Ein labiler Frieden

Vor diesem Hintergrund ist der beschriebene Status quo bemerkenswert. Nicht nur, dass der Tempelberg von den jüdischen Truppen freiwillig an die Waqf abgegeben wurde, obwohl nicht nur leise Stimmen im Judentum eine vollkommen jüdische Nutzung forderten, bis hin zur Sprengung von Moschee und Dom. Nicht nur, dass die israelische Führung alles daran setzt, eine weiträumige Religionsfreiheit für die beiden größten Gruppen des Landes zu gewährleisten. Ich werde bei meinem Besuch von zwei Gruppen kontrolliert, die wie selbstverständlich zusammenarbeiten, obwohl man sich sonst nur als Feind kennt. Es ist ein schwacher, ein labiler Frieden, der hier am Tempelberg herrscht. Und er wird mit viel Fingerspitzengefühl und vielen Kompromissen gewahrt.

In diese Situation kamen unsere Bischöfe, als sie Mitte Oktober den Tempelberg besuchten. Und als sowohl der katholische Kardinal Marx als auch der evangelische Bischof Bedford-Strohm ihre Entscheidung trafen, das Bischofskreuz zu Hause zu lassen, wo auch mein Olivenholzkreuz nun liegt. Eine Entscheidung, die seitdem durch die sozialen Netzwerke, Kolumnen und Zeitungen geistert und die Jan Fleischhauer jüngst mit „Die Unterwerfung“ betitelte.

Seitdem werden massenweise Fragen als entscheidend betitelt: Wurde man um das Ablegen gebeten? Wenn ja, von wem? Geschah es aus Respekt? Oder aus Angst? Traut sich die christliche Kirche im Jahr 2016 nicht mehr, zu zeigen, wer sie ist? Ich möchte eine etwas offenere Frage stellen: Welche Perspektive hat man bei diesem Besuch eingenommen?

Zwischen zwei Perspektiven

Das Bischofskreuz ist, so die Ansicht der Kritiker, das Zeichen der Kirche, die diese beiden Amtsträger repräsentieren. „Wir“ sind die Christen, die in Jerusalem zu Besuch sind bei „denen“, den Juden und Muslimen. Und die sich – und hier kommt der springende Punkt – zwischen diesen beiden anderen monotheistischen Weltreligionen als gleichwertig, als mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht gar überlegen zu präsentieren haben. Man begibt sich dann, das ist die versteckte Forderung, hinein in einen Machtdiskurs und postuliert Ansprüche. Mindestens darauf, als Würdenträger anerkannt zu werden. Vielleicht aber auch darauf, auch ein Interesse an diesem umkämpften Ort zu haben. Man soll dabei sein, mitreden. Sich zeigen. Es geht um Zeichen und Statements.

Diese Kritik würde ich sonst häufig teilen. Viel zu selten, finde ich, zeigt die Kirche wer sie ist. Viel zu selten beanspruchen wir für uns als Christen noch etwas dazu beizutragen zu haben, wie diese Welt funktionieren, ja, gestaltet werden sollte. Viel zu selten kommen wir heraus aus dem gemütlichen Alltagstrott. Viel zu oft bestimmen die anderen Glaubensrichtungen die Berichterstattung. Viel zu leise klingt unsere Botschaft von den Kanzeln, von den Kirchtürmen, aus den Büchern.

Doch wenn man heute auf dem Tempelberg steht, wenn man auf die Klagemauer blickt, wenn man diese Stadt betrachtet, dann beginnt einem mit der Zeit zu dämmern, dass gerade diese Machtperspektive, die nun gefordert wird, an diesem Ort bislang selten funktioniert hat. Man beobachtet einen labilen Frieden, der gesichert wird von Kräften, die im Gegenteil Ansprüche an Orten abgetreten haben, um die Freiheit und Sicherheit derer zu schützen, die dort dem nachgehen, was dem Ort überhaupt seine Heiligkeit gibt: Dem Gebet.

Unsere Bischöfe befanden sich also auf einer Gratwanderung zwischen zwei Perspektiven, zwei möglichen Statements, zwei möglichen Zeichen: Der beschriebenen Machtperspektive, oder einem anerkennenden, respektvollen und auch partizipierenden Zeichen zugunsten des labilen Friedens, der an diesem Ort gewahrt wird. Sie haben sich für die zweite Variante entschieden. Und gerade im Ablegen des Kreuzes, ob nun erbeten oder nicht, haben sie eine Perspektive eingenommen, die man als ein Bekenntnis zu diesem Frieden bezeichnen kann. Gerade durch das Ablegen des Kreuzes haben die Bischöfe etwas genuin Christliches bekannt.

Und doch ein Bekenntnis zum Friedensfürsten

Nun war der Besuch auf dem Tempelberg nicht der einzige Programmpunkt der Reise. Liest man die Berichte über die Positionierungen der Bischöfe für christliche Belange – zum Beispiel die Thematisierung des Anschlags jüdischer Extremisten auf das katholische Kloster Tabgha am See Genezareth beim israelischen Präsidenten Rivlin – so kann man eine „Unterwerfung“ nicht mehr behaupten.

Weiterhin: Einen Anspruch zu postulieren hätte an diesem Ort keinen Sinn gemacht. Denn ein theologisches Interesse am Tempelberg hat das Christentum höchstens mit Blick auf seine jüdischen Wurzeln. Darüber hinaus ist der Berg nur ein Ort, an dem Christus gebetet hat – eine Station unter vielen. Seine Kernbedeutung gibt der Berg in den Evangelien ab – nach Galiläa, nach Rom, an die Person Jesus Christus oder ersatzlos.

Man kann die Perspektive kritisieren, die die deutschen Bischöfe bei ihrem Besuch eingenommen haben, und man kann die sicher notwendige Profilierung des Christentums an diesem Punkt festmachen. Doch es ist geboten, die getroffene Entscheidung davor in ihrem Kontext und ihrer Tragweite zu verstehen und wertzuschätzen.

Ich stehe nun auf dem Tempelberg und beobachte Araber, denen es wichtiger ist, die von israelischen Soldaten beschützten Juden mit Schimpftiraden zu überziehen, als an ihren heiligen Stätten zu beten. Und ich beobachte Juden, die so von Wut erfüllt auf den Berg hinaufblicken, dass sie die Klagemauer, ihren heiligsten Ort, fast schon nicht mehr wertschätzen können. Und je länger ich diese Situation beobachte – in dieser Stadt, die oft gerade dadurch besticht, dass freitags Juden aus dem Shabbat-Gottesdienst kommen, während von den Minaretten muslimische Gebete schallen und die Kirchenglocken zur Vesper rufen – desto richtiger kommt mir das Zeichen vor, das unsere Bischöfe gesetzt haben. Ein unverwechselbares Zeichen christlichen Glaubens.

 

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