Moment mal: Der Mut der Verzweiflung
Bild: Lukas Cranach (Gemeinfrei)

Es ist Reformationstag und ich traue mich kaum, das hier zum Thema zu machen. Es haben ja schon so viele drüber geschrieben:

Im ach so kirchendistanzierten SPIEGEL versucht sich der Hobby-Kirchenhistoriker und Sproß einer Pfarrersdynastie Georg Diez an einer kritischen Luther-Hagiographie, die man so auch nicht mit dem sicher ehrenwerten Vorhaben, sich dem verstorbenen Vater anzunähern, entschuldigen darf.

Sein Text ist eine einzige Geduldsprobe, in dem er sich durch schmerzhafte Sätze hindurch aneignet, was von und über Luther seit nun also neun (!) Jahren ventiliert wird. Zwischendurch wird Luther die Schuld an allem zugeschoben, was zur Zeit im Argen liegt, als ob es die 500 Jahre seit dem Thesenanschlag nicht gegeben hätte. Die Reihe wird im Spiegel übrigens fortgesetzt, Papier ist nicht teuer genug.

Pünktlich zur 499. Wiederkehr jenes ausschlaggebenden – wenngleich nicht historischen (das muss immer wieder gesagt werden, so scheint es) – Ereignisses zu Wittenberg macht die Wochenzeitung DIE ZEIT mit der Frage auf „Was ist noch christlich?“

Zur Beantwortung schreitet die intellektuelle Deutschland-AG: Eine Reihe erstaunlich frommer ZEIT-Redakteure, die unvermeidlichen modernen Kirchenfürsten, eine Menangerie der Berliner Republik (handfest und punktgenau Ursula von der Leyen, fromm-fröhlich Andrea Nahles), natürlich auch Muslime und Juden und der scheinbar unausweichliche Eckhart von Hirschhausen. Alles in allem also das im eigentlichen Sinne protestantische Bürgertum dieses Landes.

Keine Buße, nirgendwo

Und es ist alles beim Alten! Für diesen Erkenntnisgewinn muss man nicht zwangsläufig Zeitungsseiten volldrucken, aber sei’s drum: Noch immer ist vor allem das christlich, was einem selbst in den Kram passt.

Bei Söder ist christlich, dem Volk nach dem Munde zu reden. Der Multi-Versagens-Minister de Maizière findet im Christentum Halt beim Bestehen des Alltags. Der Bündnis-Grüne Konstantin von Notz wünscht sich ganz christlich einen Luther-Klon, der den Pegidisten und Hatern „die christlichen Grundwerte unseres Abendlandes an die Tür nagelt.“ Waffenbauer-CEO Zetsche schließlich spricht vom Wert christlicher Werte.

DIE ZEIT-Feuilletonistin Elisabeth von Thadden und Ellen Überschär vom Kirchentag haben wenigstens Tröstliches beizusteuern. Und Sahra Wagenknecht bleibt es vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass eine Gesellschaft, die so gar nicht dem Christentum als Religion der Nächstenliebe entspricht, verändert werden muss. Vor dieser Frau muss man sich fürchten!

Was heute christlich ist, entspricht dem eigenen Gusto und reicht von der privaten Beheimatung bis in das Revolutionäre hinein. Das ist mindestens so fürchterlich protestantisch wie die Sprache, der sich da zwischen Redaktion, Bundes- und Kirchentag und Wirtschaftsleben bedient wird. Sollte auch daran der Reformator allein die Schuld tragen?

Wir haben gewonnen!

Der Protestantismus hat gesiegt. Auf ganzer, großer Linie sind wir uns einig: der Mensch soll sich mal nicht so wichtig nehmen („Ein Sünder bin ich …“), christliche Werte sind schon toll und auch gesellschaftsstabilisierend und selbstverständlich wollen wir die Armen (Flüchtlinge!) nicht vergessen!

Über jede der 95 Einlassungen könnte man Seiten füllen. Allein schon, weil man sich fragen darf, ob alle Autorinnen die gleiche Frage zur Beantwortung vorgelegt bekommen haben und/oder ob sie diese verstanden haben. Doch die Vielfalt der Antworten soll über eine eigentümliche Armut der Äußerungen nicht hinwegtäuschen: Ein wirkliches Anliegen, das zweifelsfrei und allgemeingültig christlich ist, das gibt es nicht.

Der Schlemmer und Hetzer, Getriebene und Treiber Luther jedenfalls hatte ein solches Anliegen für sich gefunden. Eines, das er so ernst nahm, dass er es nicht bei feuilletonistischen Spielereien beließ, sondern die Gefahr auf sich nahm, sein Leben und seine Kirche kaputt zu hauen und neu zusammenzusetzen.

Haben wir denn irgendein Anliegen, für das es sich mit dem Mut der Verzweiflung kämpfen lässt? Ein Ziel, für das wir uns zur Verantwortung ziehen lassen? Oder dient unser evangelischer Glauben nurmehr der Bestätigung des Status Quo unseres Landes und unserer Herzen gleichermaßen?

Ein Kommentar

  1. Sebastian Schumacher

    Ich kann den Lutherhype jetzt schon nicht mehr sehen. Eine historisch sicher unendlich wichtige Person, aber kein Vorbild für heute. Dass Luther den menschlichen Verstand verachtet hat und wirklichen Geistesgrößen und Vorkämpfer der Neuzeit wie Erasmus von Rotterdam aufs widerlichste beleidigt hatte, kann ich Luther nicht verzeihen. (Über seine sonstigen Auslassungen zu Juden, Frauen, die alte Kirche oder Bauern ist ja schon genug gesagt worden).

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