Moment mal: Sehnsucht
Foto: Jenny Marvin (CC0)

Für das Jahr 2016 habe ich einen Kalender, der angefüllt ist mit Texten von Hermann Hesse. Heute las ich in ihm einen Ausschnitt aus „Von der alten Zeit“ von 1907. Darin sehnt sich Hesse nach der Vertrautheit der alten Zeit, in der sicher nicht alles besser gewesen sei, aber die Menschen in größerem Einverständnis mit sich und ihrer Umwelt gelebt hätten.

Es gab früher für Familien und selbst für größere Verbände eine Gemeinsamkeit der intimen Erinnerungen, eine Anhänglichkeit an kleine Dinge der Außenwelt, die mit geheimer Gewalt fortwirkte und ein köstliches Heimgefühl entstehen ließ.

Ich lehne mich ganz sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass der alarmistische Grundton in unseren gesellschaftlichen Debatten bis hin zu seinem fremdenfeindlichen Extrem sich auch aus dem unbestimmten Gefühl der Fremdheit im Eigenen speist.

Hier bei uns im Osten, unter Heiden, wird z.B. gerne beklagt, dass die gelebte Solidarität untereinander, die doch damals – also in der DDR – so allgegenwärtig und geschätzt war, heute nur noch selten gepflegt wird und gerade „den Jungen“ nicht mehr wichtig zu sein scheint.

Irgendjemand wird die Solidarität aufgekündigt haben, darunter viele von denen, die jetzt schimpfen. Worum haben sich denn all die „besorgten Bürger“ die letzten zwanzig Jahre gekümmert? Hesse führt den Mangel an Heimgefühl auf den Drang zur ständigen Veränderung zurück, der jede Beheimatung und Kreativität verunmöglicht.

Phantasie ist die Mutter der Zufriedenheit, des Humors der Lebenskunst. Und Phantasie gedeiht nur auf dem Grunde eines innigen Einverständnisses zwischen dem Menschen und seiner sachlichen Umgebung. Diese Umgebung braucht nicht schön, nicht eigentümlich, nicht reizend zu sein. Wir müssen nur Zeit haben, mit ihr zu verwachsen, und daran fehlt es heute überall.

Hesse meint, die Veränderungslust schädigt die Seelenkraft. Ich würde sagen, es ermangelt des Widerstandes gegen jedweden Veränderungsdruck. Alles muss modern, zeitgemäß, modisch sein. Und wenn es das, wie so vieles was wir in der Kirche sagen, singen und tun, nicht ist, dann schrauben wir daran halt so lange herum, bis es zumindest oberflächlich neu ausschaut.

Es bietet sich uns in der Tat in jeder Bude dar, was besser langsam und mit Hingabe erworben werden sollte. Das gilt im Besonderen für Wissen und Meinung, für das Weisheits-Business. Nochmal Hesse: „Es ist so leicht geworden, Bescheid zu wissen, ohne lernen zu müssen.“

Im Frühjahr habe ich über einen englischen Comedian geschrieben: „Er tritt für eine ernsthafte Kirche ein, die Fragen, Gesten und Gedanken einfach einmal stehen lässt, statt sich in Anbiederung, Ausführungen und Besserwisserei zu ergehen.“ Manches muss eben längere Zeit dastehen, vielleicht im Weg stehen, bis man sich daran so sehr gewöhnt hat, dass man es Heimat nennt.

Was ich damit meine ist viel mehr ein Ausharren als ein Beharren. Keine Sehnsucht nach der alten Zeit und ihren vermeintlichen Vorzügen, sondern geduldige Beheimatung in Gegenwart und Zukunft. Dazu kann die christliche Religion einen bedeutsamen Beitrag leisten, weil sie in ihrer Tradition genug „Material“ mitträgt, dass unvermeidliche Verletzungen und Reibungen auffangen, erklären, einordnen kann.

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