Moment mal: Wollt ihr das Land in Flammen sehen?
Foto: Philipp Greifenstein

Am heutigen Tag der Deutschen Einheit kann man viel über Deutschland sagen, nur bestimmt nicht, dass es sich einig sei. Gastgeberstadt der offiziellen Feierlichkeiten ist meine Heimatstadt Dresden.

Mit Sorge schaue ich heute wie in den letzten Monaten auf diese Stadt und hoffe vor allem, dass der Feiertag zu Ende gehen möge, ohne dass Menschen aus Einwandererfamilien und Flüchtlingen Gewalt angetan wird. Dass jene, die in den Augen einer Minderheit nicht dem Bild eines Deutschen entsprechen, in unseren Nachbarschaften Angst haben müssen, ist kein Grund zur Freude, sondern sich zu schämen – auch an einem Feiertag.

Dass Dresden Gastgeber spielen darf, zeigt eine Menge über den Zustand des Landes an. Die Stadt ist Gastgeber, weil Sachsen den Vorsitz im Bundesrat hat und auf diese – sehr deutsche – Weise festgelegt wird, wer sich um die Ausrichtung der offiziellen Festlichkeiten zu kümmern hat. Dass Dresden auf diesem Wege einmal dazu kommt, ein Beispiel guter Gastgeberschaft für alle Bürger dieses Landes zu geben, kann man getrost als Ironie der Geschichte auffassen.

Was Pegida Dresden zumutet, das mutet die AfD dem ganzen Land zu: Am Grund beider Phänomene liegt die Überzeugung ihrer Anhänger, Deutschland sei dem Untergang geweiht, würde von Muslimen und gendernden Schwulen überrant, ja, stünde in Flammen.

Das kann man so sehen, allerdings nur mit einem gehörigen Knick in der Optik. Ein Beispiel für diese verzerrte Wahrnehmung ist z.B. das ansonsten hervorragende Porträt Frauke Petrys im New Yorker. Mit keiner Silbe kommt der Autor darauf zu sprechen, dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung an der Idee einer offenen Gesellschaft festhält. Dass abertausende Menschen – auch in den Kirchen – ihre Zeit nicht mit der AfD verplempern, sondern stattdessen den Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite springen.

Dass es in diesem Land noch immer eine Mehrheit für „Wir schaffen das!“ gibt, und zwar für die damit ursprünglich gemeinte Politik und nicht deren Pervertierung durch die Bundesregierung, der im anschwellenden Bocksgesang von Rechts wenig anderes einfällt, als in vorauseilendem Gehorsam Humanität und christliche Nächstenliebe dem Ressentiment und falschem Sicherheitsdenken zu opfern.

Dieses Land und seine Menschen sind toll! Gemessen an den Untergangsszenarien, die jeden Tag über uns allen ausgekippt werden, bleiben wir doch erstaunlich vernünftig. Wenn sich diejenigen, die eine prinzipielle Kursänderung weg von der liberalen, sozialen Demokratie herbeischreien, sich mal nicht täuschen.

Denn an jedem der Orte, deren Namen emblematisch für das Deutschland 2016 stehen – Bautzen, Berlin, Clausnitz und Dresden – an jedem dieser Orte kümmern sich mehr Menschen um das Morgenland, als es Hetzer gibt. Wer das liberale, soziale Deutschland verteidigen will, der muss jetzt den Streit aufnehmen und kann sich nicht mehr zurückhalten. In diesem Streit schärfen wir unsere Vorstellung von einem besseren Deutschland.

Ja, wir sind uns in Deutschland nicht mehr einig. Waren wir uns nie, es fällt nur jetzt mehr auf. Aber dieses Land steht nicht in Flammen. Es blüht, wenn auch unter Dornen.

Lesetipp zum Tag der Deutschen Einheit: Unter Heiden (15): Balkanroute

Schlagwörter: , , , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.