Pietismus auf Urdu
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

„Dann mach ich halt noch ein Referat – wenns unbedingt sein muss. Ist der 11. September noch zu haben? Nein, dann vielleicht die Hamas? Auch nicht! Aber sonst kenn ich doch nix zu fundamentalistischen Strömungen im Islam.“ – dachte ich und bereitete dann widerwillig ein Referat zur Missionsbewegung Dawat-e Islami aus Pakistan vor. Wenigstens haben die einen vernünftigen Internetauftritt, auf dem man sich gut informieren kann.

Also: 195 Länder, enormer Literaturauswurf mit Heftchen nach dem Schema „Verheerende Konsequenzen der Musik, Laienprediger, Frömmigkeitspraxis. Sozialklima positiv beeinflusst …

Moment – was heißt hier Sozialklima positiv beeinflusst? Die Organisation findet wohl Gefallen beim ganzen Volk (und den Volksvertretern). Und das mit Laienpredigern ist mir aus dem Methodismus im England des 18. Jh. doch auch vertraut. Das Schema scheint der Erweckungsbewegung recht nahe. Mein Referatsthema wird nun interessant.

Health & Wealth-Religion

Die Dawat-e Islami wird als Health & Wealth-Religion charakterisiert, in der die Verschwendung an Alkohol, Drogen, Liebhaber in eine gesunde Disziplin, Sportbegeisterung und Arbeitseifer umgemünzt wird. Den Menschen soll zu einem guten Leben verholfen werden. Die schlechten Gewohnheiten, der innere Schweinehund wird mit Schützenhilfe der Religion überwunden.

Das Ideal gewinnt man aus der Nachahmung des Propheten Muhammad. Die Sammlung von Erzählungen über seine Lebensweise – Hadithe und die Sunna – werden in einer bestimmten Auslegungstradition zum Maßstab für das eigene Leben. Das klingt vernünftig, an wem könnte man sich besser orientieren, als am Religionsstifter. Also schnell ins weiße Gewand geschlüpft und den grünen Turban um den Kopf gelegt, Mizwak und Kamm in die Tasche gesteckt.

Auf zur Missionstour der Laienbrüder!

In Kleingruppen schwärmen die frommen Anhänger der Bewegung aus, um ihre sunnitischen Landsleute zu den wöchentlichen Treffen am Donnerstagabend einzuladen. Diese Volksmission soll die Gesellschaft aus ihrem religiösen Winterschlaf erwecken und sie für die Segnungen der Sunna begeistern. Das Brennen für den Islam und die Liebe zum Propheten soll neu entflammt werden, also werden Koranübersetzungen verteilt und es wird gemeinsam gebetet.

Sunna für den ganzen Tag

Im Katalog kann jeder genau nachsehen, was prophetengemäßes Leben heißt und dann nachmachen. Das beginnt bei der Körperpflege (Rasieren wie der Prophet), geht über allgemeine Wohltätigkeit, tägliche Rituale und Gebete bis hin zum religiös motivierten Verzicht auf Musik.

Als Zeichen der Demut soll der Blick gesenkt und unnötiges Lachen vermieden werden. Eine strenge Disziplin und Auslegung ist das freilich, und treibt so manche seltsamen Früchte (vgl. oben genanntes Heft zur Musik), ist aber nichts grundsätzlich Verwerfliches. In jedem Orden unterwirft man sich selbst strengen Regeln.

Dawat-e Islami beschränkt ihre Aktivitäten auf Pakistani und fischt im selben Wasser wie gefährliche – weil politische – djihadistische Bewegungen: Zielgruppe sind junge Menschen, die Identität suchen. Als apolitische Bewegung bietet sie hier eine gute Alternative: fromm (und ein wenig verrückt) zwar, aber harmlos.

Priestertum aller Gläubigen

Die Normierung auf die Sunna, eine Interpretation der Lebenshaltung der Propheten, erlaubt es der Bewegung, ihren Mitgliedern ganz leicht verständlich zu machen, worauf es ankommt. So kann jeder selber ganz leicht abwägen, überprüfen und entscheiden, was religionsgemäß ist und kann sich auch recht schnell als Virtuose auf dem Gebiet der Religion erweisen.

Logische Konsequenz ist die Stärkung der Laien, der Klerus wird weniger wichtig. Der einzelne Gläubige mit seiner Frömmigkeitspraxis wird zur Entscheidung befähigt, was ihm Religion bedeutet. Der künstliche Unterschied von hoher Theologie und niederer Volksfrömmigkeit wird aufgehoben, jeder wird zum Experten.

Modell für Uns? (Vorsicht, jetzt verlasse ich mein Referatsthema)

Die positiven Auswirkungen dieses Religionsmodells sind mit Händen zu fassen: Die Disziplin hilft den Menschen weg von Alkoholmissbrauch, die Ethisierung des Alltags fordert auf zu Gefangenenbesuchen, Achtung der Mitmenschen und Liebenswürdigkeit. Das sind die gesunden und spürbaren Nebenwirkungen einer auf individuelle Frömmigkeit angelegten Religion. Das sind Nebenwirkungen eines gesunden Pietismus, beispielsweise der Erweckungsbewegung im England des 18. Jahrhundert.

Wo eine Frömmigkeitsbewegung die Hinwendung zu den Mitmenschen ernst nimmt und sich nicht als frommer Zirkel bloß abkapselt, muss das auch in der Gesellschaft spürbar sein, weil sie sich eben genau den Bedürfnissen der Gesellschaft zuwendet. Siehe etwa die Franziskaner.

Religion stellt nunmal gute Mittel bereit, unseren Alltag zu verbessern und Diakonie ist nach wie vor etwas, das die Menschen mit Kirche assoziieren, was aber aus dem heutigen Religionsalltag vollkommen ausgeklammert und professionalisiert ist. Erfolgreiche Kirche widmet sich dieser Aufgabe und sollte diese Impulse nicht nur in monastische Einrichtungen ausgliedern. Stattdessen hat Ethik, Diakonie, Frömmigkeitspraxis für alle Christen etwas zu bieten.

Relevanz für den Alltag

Die Kraft zu einer solchen Weltzugewandtheit, einer Relevanz für die Gesellschaft ziehen solche Frömmigkeitsbewegungen aber aus einem fundamentalistischen Bekenntnis. Hier die Sunna des Propheten, in der Erweckungsbewegung das ausschließliche Bekenntnis: Jesus ist der Herr.

Natürlich ist das ein konservatives Konzept. Aber es ist dialektisch verbunden mit dem Lessing’schen Vorbild-Jesus, einer radikalen Weltoffenheit. Glaube und unsere Erfahrungswelt sind philosophisch schwer in Einklang zu bringen – hier schließt man einfach kurz und freut sich an den Früchten.

Unverfügbarer Glaube verbindet sich ganz automatisch mit rationaler Ethik. Denn der Glaube erweist seine Relevanz im Alltag dadurch, dass er zur echten Lebenshilfe wird. Ein gesundes Modell. Wo wir Theologie und Alltag zusammenbringen, ganz automatisch und ungezwungen, weil wir Glauben als Kraftquelle für unser Leben erfahren, da passiert etwas Magisches.

Für uns theoretisierende, durch sechs Jahre Vollstudium entrückte Theologinnen und Theologen bleibt die Alltagswelt der Gemeinde wohl die größte Hürde. In dem Maß, wie wir Glauben und Leben teilen, werden wir in der Gemeinde Religion erleben.


Zur Dawat-e Islami:

Der Autor streicht vor allem die Kontrollmechanismen und den Gruppenzwang der Bewegung heraus und nimmt insgesamt eine sehr skeptische Haltung ein. Vermutlich wird es innerhalb der Bewegung auch liberale und fundamentalistischere Flügel geben, eine endgültige abschließende Bewertung kann ich mit meiner groben Übersicht nicht vornehmen. Aber mich interessieren die positiven Seiten des dahinterstehenden Modells.

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