„Da gab es ja nicht mal dicke Leute!“ Ein kritischer Rückblick auf „Z2X – Das Festival der neuen Visionäre“
Foto: Lina Neeb

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Am ersten Septemberwochenende war ich mit 500 anderen im Alter von 20 bis 29 zum ersten „Festival der neuen Visionäre“ eingeladen, das ZeitOnline anlässlich ihres 20. Geburtstags in Berlin veranstaltete. Die Idee klang ohrenbetäubend vielversprechend: Zwei Tage und eine Nacht sollten wir Tweenies mit viel Input und noch mehr Freiraum gemeinsam darüber nachdenken, wie wir das Leben und die Welt in Zukunft besser machen können.

Es ging um die Multiplikation neuer Ideen und die Vernetzung der Ideenhabenden. Das große Finale bildete die Abstimmung im Plenum über Projekte, die durch die Crowdfunding-Plattform Startnext unterstützt werden sollten. Es war ein schönes Wochenende! Und doch saß ich Sonntagnacht auf dem Nachhauseweg ein bisschen enttäuscht in meiner Mitfahrgelegenheit.

Das Redaktionsteam von ZeitOnline hat wirklich ordentlich rausgehauen: Umringt von einer Reihe Hipster-Foodtrucks und der Spree wurden wir auf fünf Ebenen des Radialsystems V und einem Boot mit Vorträgen, Workshops und Fragerunden überhäuft. Auf der Hinfahrt hatte ich mir brav einen Stundenplan geschrieben, das war gar nicht so einfach bei rund 70 Auswahlmöglichkeiten. Und doch hat mir dabei etwas gefehlt oder kam zumindest zu kurz.

Hauptthemenfelder waren, so schien es mir, Technischer Fortschritt und das Internet, Unternehmensgründung und Politik, noch einiges zu Nachhaltigkeit, vereinzelt etwas zu Bildung und Antidiskriminerung. Über allem dröhnte dabei die Botschaft: „Act now!“ – Gründe ein Unternehmen, das ist gar nicht so schwer! Engagier dich in der Politik und für die Umwelt, sonst gewinnen die anderen! Nutze die unendlich coolen Möglichkeiten von Technik und „WWW“, einfach weil das jetzt geht!

„Act now!“ kann sehr sinnvoll sein, zum Beispiel im Falle des vorgestellten Projektes „Jugend rettet“. Wenn die da nicht acten, sterben Menschen. Und doch hatte ich bei dieser ständigen Forderung Slavoj Žižeks Aktivismuskritik im Ohr, die er im politischem Kontext äußerte: Für eine soziale Bewegung sei es nicht zwingend notwendig, dass sich die aktivierte Masse sofort auf gemeinsame Ziele und deren Umsetzungsmöglichkeit einige, damit sie politisch ernst genommen wird. Infolge der Finanzkrise war der Philosoph selbst engagierter Aktivist der Occupy-Bewegung, in der es beispielsweise zu einer solchen allgemeinen Äußerung von Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen Zuständen kam. Konkrete Forderungen und Handlungen brauchen eben Zeit.

Das kann quälend sein. Dieser Tage hat der Mangel an Konkretem in politischen Fragen die Menschen in Deutschland tief gespalten. Žižek fordert dennoch an dieser Stelle ein neues Paradigma, das etwa dem Leitsatz „Think first!“ entspricht, und erst darauf das Einleiten gesellschaftlichen Wandels durch gut durchdachte Maßnahmen.

Gerade dieses „Think first!“, auch auf andere Themenfelder als die Politik bezogen, hat mir am Wochenende gefehlt. Das gemeinsame Durchdenken der Grundlagen und Folgen unseres Handelns, sei es aus der theologischen, historischen, philosophischen oder ethischen Perspektive der Generation Y. Eine Prise Geisteswissenschaften. Und eine Messerspitze aus der Kunstwelt.

Von der hat man am Wochenende gar nichts gehört. Vielleicht sollte man erstmal einen Schritt zurücktreten und sich den ganzen Schlamassel aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen, bevor man noch etwas dazu beiträgt. Das macht natürlich nur Sinn, wenn man dabei auf ein paar neue Gedanken kommt. Und da liegt auch schon meine zweite Bauchweh-Quelle.

Die Stimmung unter der Teilnehmenden war berauschend offen und herzlich, an jeder Ecke wurden neue Freundschaften geschlossen und Pläne geschmiedet, das Backsteingebäude platzte fast vor Lebensfreude und Leistungsbereitschaft. Doch ein wirklich bunter Haufen waren wir nicht. „Und was studierst du so?“ – Die wohl meistgestellte Kennenlernfrage des Wochenendes und das leider zurecht.

Mit verschwindend wenig Ausnahmen trafen sich an diesem Wochenende nur Studierende und Studierte, so schien es mir. Sooft auch kapitalismuskritische Themen fielen, wer sonst hat schon 100 Tacken zur (elterlichen) Hand für Anreise, Unterkunft und Verpflegung, die nicht gestellt wurden, dazu ein freies Wochenende für so ein Bildungsabenteuer?

Das wurde bereits bei den Eingangsvorträgen klar, als Autorin Anna Moll ihre „Selber-geil-Schranke“ präsentierte, ihren Vorsatz, nur noch Projekte zu verfolgen, die sie selber geil findet, oder als Bloggerin Ronja von Rönne uns nahelegte, unsere Träume auch mal aufzugeben und stattdessen auszuschlafen. Muss ich unbedingt meiner Freundin aus dem Kindergarten empfehlen, wenn sie gerade mal keine Schicht als Altenpflegerin schiebt.

Kaum Teilnehmende, die einen der vielen anderen Bildungswege eingeschlagen haben und vielleicht schon ein Jahrzehnt Berufserfahrung mitbringen könnten. Nur vereinzelt Tweenies mit Migrationshintergrund oder Behinderung. „Da gab es ja nicht mal dicke Leute“, bemerkte meine Mitfahrgelegenheit auf der Heimfahrt dazu im Scherz. Nur Studis, die sich in ihren Erfahrungen und Ansichten sehr ähnlich schienen: Wir können den Unterschied zwischen „sex“ und „gender“ erklären, haben ein schlechtes Gewissen wegen des Coltans in unseren smarten Geräten und reden nicht, streiten höchstens mit AfD-Wählenden.

Was ich meine ist: Die große, große Mehrheit von uns wäre wohl bei den Sinus-Milieus irgendwo oben mittig bis rechts zu finden. Das muss auf einer Veranstaltung von ZeitOnline nicht allzu sehr verwundern, schließlich sollten sich die Lesenden dafür selbst bewerben. Aber war bei über 5000 Bewerbenden denn wirklich nicht mehr Abwechslung drin?

Wer dazu anregen möchte, die Zukunft besser zu gestalten, sollte sich darum bemühen, dass daran ein Querschnitt der Gesellschaft beteiligt ist, die das betrifft, oder wenigstens um eine Ahnung dessen. Vielleicht kommen die wirklich spannenden neuen Gedanken erst, wenn man sich nicht gleich so einig ist, wie wir es am Wochenende waren.


Das alles klang jetzt womöglich etwas undankbar. Schließlich war es eine großartige Chance, dabeisein zu dürfen. Geniale Projekte sind neu entstanden oder haben zum ersten Mal ordentlich Plattform und Unterstützung bekommen. Ich hatte – wie wahrscheinlich alle auf dem Z2X-Fesival – eine super Zeit, habe viel gelernt und tolle Leute getroffen. Und Conchita war da!! Zum Schluss überraschte uns Chefredakteur Jochen Wegner mit der frohen Botschaft, dass es sowas nun öfter geben soll. Für’s geistige Innehalten und den bunten Haufen besteht also noch Hoffnung.

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