Mensch oder Energie? Wirtschaftsethischer Umgang mit der Bioenergie
Foto: Luise (CC0)

Ich freue mich immer wenn ich im Bereich der Wirtschaftsethik sowohl wirtschaftswissenschaftlichen wie auch theologischen Sachverstand antreffe. Beides ist in der Person von Prof. Dr. Joachim Wiemeyer aus Bochum vereint. Aus der Volkswirtschaftslehre kommend mündete sein Berufsweg in der Habilitation im Fach Christliche Sozialwissenschaften (katholische Theologie). Seit Oktober 1998 ist Wiemeyer Professor für Christliche Gesellschaftslehre in Bochum.

In seinem Aufsatz „Tank oder Teller? Lebensmittel als Energielieferant für Industrieländer“1 nimmt er sich dem Problem der Bioenergie an, die vor allem aus Nahrungsmittelpflanzen gewonnen wird. Ich möchte in der Form eines Exzerpts den Argumentationsgang eines Teils des Aufsatzes nachzeichnen. Eine kritische und vollumfängliche Betrachtung würde den hiesigen Rahmen sprengen und wäre eher für eine Proseminararbeit angemessen.

Für mich sind solche Texte der Beweis dafür, wie problemlos die Theologie anschlussfähig an andere Wissenschaften ist. Zugleich kann exemplarisch formuliert werden, dass die Theologie gesellschaftlich relevant ist. Und das ist der Grund warum dieser Artikel hier zu finden ist und nicht auf dem Portal agrarheute.com.

Problemlage

In der ersten Generation der Bioenergie werden Pflanzen, die auch Nahrungsmittelpflanzen für den Menschen sein können, verwendet. Dadurch kann es zu Nahrungsmittelkonkurrenz gegenüber dem Menschen kommen. Kann, denn wie Wiemeyer richtig darstellt, besteht kein unmittelbarer Zusammenhang. Wenn in Brasilien mehr Bioenergie produziert wird, entsteht daraus nicht unmittelbar die Folge, dass in Afrika Menschen hungern. Aber über den Weltmarkt und die dort gehandelten Preise schlagen sich die Auswirkungen dann doch indirekt in Entwicklungsländern nieder. Besonders dann, wenn ein Entwicklungsland Agrarimporteur ist und ein strukturelles Defizit in der Nahrungsmittelproduktion aufweist.

Um aus diesem Schlamassel zu gelangen, entstand die Idee der zweiten Generation der Bioenergie, in der nur Pflanzenreste oder Pflanzen genutzt werden sollten, die sich nicht für die Nahrungsmittelproduktion eignen. Diese Idee hapert aber vor allem daran, dass Pflanzenreste auch als Dünger und damit auch für die Nahrungsmittelproduktion genutzt werden können. Daher hält Wiemeyer die zweite Generation nur auf lokaler Ebene (Dörfer) für relevant.

Um Bioenergie mit weniger Nutzungskonflikten zu verwenden, sucht die Forschung aktuell nach einer dritten Generation. Es besteht bspw. die Idee, Algen aus dem Meer, die keine Böden beanspruchen, zu verwenden. Preislich sind aber solche Ideen noch nicht wettbewerbsfähig.

Argumentationsweise – Gerechtigkeitskriterien

Wiemeyer formuliert ein System von mehreren sozialethischen Kriterien aus, anhand derer die Bioenergie beurteilt werden kann. Ausgehend vom Schöpfungsbericht der Bibel, der die Menschheit auf ein Paar zurückführt, wird die Idee einer menschheitsweiten Familie formuliert. Dadurch stellen sich zwei Gerechtigkeitsfragen, nämlich die Gerechtigkeit innerhalb der jetzt lebenden Generation sowie Gerechtigkeitsfragen im intergenerationellen Bereich bzw. der Generationengerechtigkeit.

Ausgehend von Rawls und der Vertragstheorie spielt der Gedanke, dass das gerecht ist, dem alle zugestimmt haben, eine große Rolle. Die Beteiligungsgerechtigkeit ist daher erste und zentrale Gerechtigkeitsnorm. Bei Rawls ist die Einwilligung in den Gesellschaftsvertrag eine fiktive Einwilligung, also ein Gedanke. Daher ist es auch möglich zukünftige Generationen in die Überlegungen einzubeziehen.

Die erste Kategorie der intragenerationellen Gerechtigkeit ist die Leistungsgerechtigkeit. Im wirtschaftlichen Austausch sind Leistung und Gegenleistung fair austariert. Die zweite Kategorie ist die Chancengerechtigkeit, die darauf abzielt, dass alle am Marktgeschehen teilnehmen können. Dies  gilt auch in den Dimensionen Bildung, Raum und Infrastruktur. Die dritte Kategorie ist die Bedarfsgerechtigkeit. Hierbei soll im Verhältnis zu der Gesellschaft ein relatives Existenzminimum gewährleistet sein, das über das Recht auf Nahrung hinausgeht (z.B. sauberes Wasser, Energie, Bekleidung, Wohnung). Die vierte Gerechtigkeitskategorie ist die Finanzierungsgerechtigkeit. Der Staat oder überstaatliche Institutionen sollen Maßnahmen zur Förderung der Chancengerechtigkeit (Bildung, Existenzminimum) gewährleisten.

Über die eigene Generation hinausgehend, nimmt Wiemeyer an, dass die nachfolgenden Generationen das Recht haben, dass sie bessere Lebensbedingungen als ihre Vorgängergeneration vorfinden. Dies wird biblisch mit dem Kulturauftrag zur Entfaltung der Menschheit begründet (Gen 1,28). Wenn die heutige Generation das Vorfinden eines Kapitalstocks begrüßt, der aus Konsumverzicht früherer Generationen stammt, dann ist es für Wischmeyer nicht legitim aus dem Bemühen der Kulturentwicklung auszusteigen. Kapital ist hier aber nicht nur als Geld zu verstehen, sondern weiter zu fassen (z.B. Natur).

Anordnung der Gerechtigkeitskategorien

Damit die verschiedenen Gerechtigkeitskategorien sich nicht widersprechen, sind Vorrangregeln festzuhalten. Sollen Gerechtigkeitsprobleme der Gegenwart nicht auf Kosten zukünftiger Generationen gelöst werden, hat die Generationengerechtigkeit Vorrang. Im intragenerationellen Bereich ist zwischen systematischer und kurzfristiger Überlegungen zu unterscheiden. Systematisch hat die Leistungsgerechtigkeit Vorrang vor der Chancengerechtigkeit und der Bedarfsgerechtigkeit. Dies ergibt sich dadurch, dass Arme, die wegen fehlender Leistungsfähigkeit arm sind, nicht mit Maßnahmen der Bedarfsgerechtigkeit abgespeist werden dürfen, sondern sich die Existenzsicherung durch eigene Anstrengungen unter Bedingungen der Leistungsgerechtigkeit erarbeiten sollen. Kurzfristig betrachtet hat die Bedarfsgerechtigkeit Vorrang. Dies sieht Wischmeyer im Hinblick auf hunderte Millionen Hungernde für geboten.

Beurteilung der Bioenergie mit den Gerechtigkeitskriterien

  1. Beteiligungsgerechtigkeit: Auf nationaler Ebene der Entwicklungsländer wurde bspw. die Öffnung für ausländische Investoren für Landbesitz nicht unter Beteiligung der Gesamtbevölkerung diskutiert.
  2. Bedarfsgerechtigkeit: ca. 795 Millionen Menschen hungern auf der Welt. Bioenergiestrategien wurden ohne Berücksichtigung der Folgen auf die Welternährung erstellt.
  3. Chancengerechtigkeit: Bioenergiestrategien verknüpfen nicht die Produktion von Nahrungsmitteln mit der Herstellung von Energie. Sie stehen häufig in Konkurrenz zueinander.
  4. Leistungsgerechtigkeit: Die Marktmacht von Agrarkonzernen ermöglicht keinen fairen Wettbewerb. Entweder aufgrund fehlender Expertise oder Korruption ermöglichen Entwicklungsländer dennoch Zugang zu Böden.
  5. Intergenerationelle Gerechtigkeit: Die Produktion von Biomasse greift auf natürliche und endliche Ressourcen zurück (Folgen sind z.B. Bodenerosion, ausgelaugte Böden, Versalzung von Böden).

Anhand der Gerechtigkeitskategorien Wiemeyers ist die heutige Bioenergie in Verbindung mit der Nahrungsmittelproduktion sehr kritisch zu beurteilen und auch einer nachhaltigen Bewertung über die jetzige Generation hinaus kann sie nicht standhalten. Für die Zukunft muss es im Bereich der zweiten und dritten Generation mehr Bemühungen geben. Zugleich müssen von Anfang an neben dem technologischen Fortschritt auch die Folgen im Hinblick auf die Gerechtigkeit berücksichtigt werden.

Quellen

  1. Wiemeyer, Joachim: Tank oder Teller? Lebensmittel als Energielieferant für Industrieländer, 209-235, in: Aufderheide, Detlef/Dabrowski, Martin (Hrsg.), Markt und Verantwortung. Wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven, Volskwirtschaftliche Schriften, Band 597, Berlin 2015.
  2. Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für Weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Den Hunger bekämpfen: unsere gemeinsame Verantwortung für das Menschenrecht auf Nahrung; eine Studie der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“, Bonn 2012.
  3. The State of Food Insecurity in the World
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