Lesenswert #33 – Burka-Debatte
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

Im Verlauf unseres Themenmonats „Islam und Theologie“ wollen wir Euch in einer Reihe Lesenswerts auf Texte aufmerksam machen, die interessant, herausfordernd und unterhaltsam Aspekte unseres Themenschwerpunkts aufnehmen. Wenn ihr irgendwo einen guten Artikel gelesen habt, schickt den Link an lesenswert@theologiestudierende.de!

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Wir machen einen ganzen, vollen Monat lang Islam und Theologie zum Thema, und worüber diskutiert Europa? Dass uns zum Islam allgemein und zur Terrorbekämpfung wenig mehr einfällt, als über die Kleidung von Frauen zu disputieren, ist an sich schon betrüblich genug. Doch genug der Jammerei, hier alles Wissenswerte zur Burka-Debatte.

Zu Beginn ein hübsches Video des ZDF, das einmal die wichtigsten Vokabeln zur Debatte vorstellt:

Ein Burkini ist keine Burka.

Allein für diese klare Feststellung sollte man der taz-Volontärin Dinah Riese dankbar sein. Sie fasst mal kurz zusammen, weshalb das Oberste Verwaltungsgericht in Paris dem Burkini-Bann an einigen französischen Stränden ein Ende setzte:

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn das Recht einer Frau, den Strand zu betreten, von den Quadratzentimetern nackter Haut abhängt, die sie zeigt? Ein Burkini ist keine Burka. […] Es sollte selbstverständlich sein, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, der über den Nacktheitsgrad einer Frau entscheidet: die Frau selbst. Sie muss das Recht haben, im knappen Bikini an den Strand zu gehen, ohne, dass das als „Fass meinen Hintern an“ verstanden wird. Genau so muss sie aber auch das Recht haben, ihren Körper vor den Blicken anderer zu verbergen.

Frauen sind nicht dazu da, ihren Körper wie ein Spanferkel auf einem Silbertablett zu präsentieren. Es ist nicht ihre Pflicht, ein öffentliches Bedürfnis nach Voyeurismus und entblößtem Fleisch zu befriedigen. Frauen zu zwingen, bestimmte Dinge zu tragen, ist ein Eingriff in ihr Recht auf Selbstbestimmung. Ihnen vorzuschreiben, sich auszuziehen, ist um keinen Deut besser.

Nacktheit und Scham

Dass es auch andere Gründe geben kann sich zu verhüllen als den Befehl des Ehemannes, geht mir in der Debatte häufig unter. In der Genesis verhüllen sich Adam und Eva, nachdem sie vom Baum der Erkenntnis genascht haben. Die Scham haben sich die Menschen mit ihrer Freiheit erworben. Was sagt das personifizierte Lehramt der EKD dazu:

Es ist also jetzt auch offziell ok, sich mal nackig zu machen. Solange man es nicht übertreibt. Dass auch die Verhüllung befreiend sein kann, schreibt Alan Posener in der DER WELT. Und meint, dass die Burka sehr wohl mit einer liberalen Gesellschaft zu vereinbaren ist:

Frauen sind – einerseits – immer Objekt und damit Opfer männlicher Erwartungen; andererseits können sie sich auch diesen Erwartungen entziehen, und auf verschiedene Art und Weise.

Eine Frau mit Minirock kann signalisieren, dass sie sich ihrer sexuellen Macht über die Männer bewusst ist und diese Macht auch ausnutzt; eine Frau mit Kopftuch kann signalisieren, dass sie als selbstbewusste Muslimin keine Lust hat, angebaggert zu werden.

Der Erz-Liberale Posener schreibt seine Ablehnung des Burka-Verbots ausgerechnet im Springer-Großblatt DIE WELT auf und überholt damit viele, ganz viele Kommentatoren und „Experten“ links. Auch das sagt eine Menge über die Debatten-Temperatur in Deutschland.

Ich habe versucht, Burka-Trägerinnen in Deutschland zu finden

Für die „Jugendplattform“ BENTO (die so schreiben, wie wir reden sollten) hat sich Fabian Köhler auf die Suche nach Burkas (und Niqabs) in Deutschland begeben. Seine Erkenntnis am Ende einer langen Suche:

Die gute Nachricht dieser Recherche: Es gibt in Deutschland keine Frauen, die die Burka tragen müssen. Die schlechte: Burka-Gegner gibt es leider umso mehr. (Hervorhebung im Original)

Die Politik hat das gute Recht, Probleme lösen zu wollen, die es nicht gibt. Das kann man auch prophetische Gabe nennen, von der wir vielleicht, ohne es zu wissen, schon häufig profitiert haben. Bei Einschränkungen der Grundrechte aus Gründen der „Terrorabwehr“ sollten wir aber genau hinschauen.

Absolute Religionsfreiheit gibt es nicht

Auch das Grundrecht auf Religionsfreiheit hat aber Grenzen. Das meint auch Alexander Grau, Philosoph und Kultur- und Wissenschaftsjournalist, im Cicero.

Nicht jede Handlung ist dadurch legitimiert, dass jemand für sich in Anspruch nimmt, dass sie durch seine Religion geboten ist. Vor so einer sehr großzügigen Auslegung der Religionsfreiheit steht schon das Strafgesetzbuch. Tier- oder gar Menschenopfer zum Beispiel sind unter allen Umständen verboten, was immer irgendeine Religion dazu sagen mag. Auch eine religiöse Lehre, die den Eigentumsbegriff nicht anerkennen würde, käme sehr schnell in Konflikt mit dem Gesetz.

Das mit dem Eigentumsbegriff hat bei mir eine Glocke angeschlagen, die ich vor einigen Monaten schon einmal geläutet habe: Auch das Christentum ist – wenn man es richtig ernst nimmt – nämlich nicht mit dem Grundgesetz vereinbar.

Burka-Verbot ist nur Symbolpolitik

Das meint jedenfalls der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Jörg Radek. Und sagt auch:

„Die Burka interessiert uns als Polizei nur, wenn sie bei einer Identitätsfeststellung hinderlich sein sollte. Und was die doppelte Staatsbürgerschaft angeht, so gilt heute schon: Wer durch Meinungsäußerungen die öffentliche Sicherheit und Ordnung stört, kann aus Deutschland ausgewiesen werden. Wir müssen das Recht, das wir haben, konsequent anwenden. Dafür brauchen wir keine neuen Rechtsgrundlagen.“

Genauso wie auf dem Porträt des Personalausweises müssen sich Muslima in Hiqab auch jetzt schon bei Identitätsfeststellungen enthüllen. Radek fordert in der Berliner Zeitung vor allem mehr Personal. Wohl vor allem, um dem subjektiven Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung abzuhelfen. Was er explizit nicht fordert, sind neue Gesetze. Und das aus dem Mund eines Polizisten. Auch das gibt zu denken.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.