Lesenswert #32 – Islamische Reformation?
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

Im Verlauf unseres Themenmonats „Islam und Theologie“ wollen wir Euch in einer Reihe Lesenswerts auf Texte aufmerksam machen, die interessant, herausfordernd und unterhaltsam Aspekte unseres Themenschwerpunkts aufnehmen. Wenn ihr irgendwo einen guten Artikel gelesen habt, schickt den Link an lesenswert@theologiestudierende.de!

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Wer kennt nicht die Forderung, der Islam müsste sich jetzt eindlich mal reformieren, sich ein Beispiel an der Reformation oder besser noch der europäischen Aufklärung nehmen? In diesem Lesenswert soll es um Reformbewegungen im Islam gehen.

Dabei ist die Frage gar nicht mal geklärt, ob der Islam eine „Reformation“ überhaupt nötig hat und ob das Beharren – „Reformiert Euch mal!“ – hilfreich für den interreligiösen Dialog oder die Sicherheit deutscher Staatsbürger ist. So forderte Hilal Sezgin in der taz nicht ohne Hand und Fuß:

Alle fordern, „es müsste endlich einen muslimischen Luther geben“, aber niemanden interessieren seine Bücher. Viele Leute können aus dem Stand ein paar „blutrünstige“ Hadithe herbeigoogeln – aber Ausführungen dazu, warum der Prophet Mohammed (auch) in den Krieg zog und warum der Islam dennoch eine Religion des Friedens und der Liebe ist, will keiner lesen.

Ein Stück islamische Theologie

Wer von Euch mal in Theologisches über den Islam aus Deutschland reinlesen möchte, der braucht nicht lange in Bibliotheken zu kramen. Er kann auch in diese Ausgabe der Frankfurter Zeitschrift für islamisch-theologische Studien reinschnuppern. Statt eines Vorworts gibt es darin einen Aufsatz über „Islamische Theologie in Deutschland: Herausforderungen im Spannungsfeld divergierender Erwartungen“, der von jedem christlichen Theologiestudierenden gelesen werden sollte.

Die islamisch-theologischen Studien an deutschen Universitäten bewegen sich in einem Spannungsfeld, in dem verschiedene Faktoren wirksam werden. Rollenerwartungen seitens verschiedener gesellschaftlicher Akteure – der muslimischen Gemeinschaften, der Politik, des Staates, der Studierenden und nicht zuletzt der nichtmuslimischen Öffentlichkeit – treffen hier auf strukturelle Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, etwa universitätspolitischer oder religionsrechtlicher Natur, sowie auf wissenschaftstheoretische und wissenschaftshistorische Debatten um die Wissenschaftlichkeit und die Existenzberechtigung von Universitätstheologien im Allgemeinen.

Eine Reformation im Islam ist sinnlos

Frank Griffel, Professor für Islamwissenschaften an der Yale-Universität und derzeit Gastprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schreibt in der Süddeutschen Zeitung über die Unsinnigkeit der Reformationsforderung gegenüber dem Islam:

Wenn im kommenden Jahr Luthers Reformation gefeiert wird, denken viele auch an den Islam. Die Probleme moderner islamischer Gesellschaften werden häufig damit erklärt, dass es im Islam keine Reformation und keine Aufklärung gab. Die Aufklärung gilt dabei als Zurückdrängung der Religion und Stärkung einer davon unabhängigen philosophischen Tradition.

Nach dem Untergang der arabischen Philosophie im Mittelalter fehle dem Islam ein Gegenpol zur Macht des Religiösen, wird oft beklagt. Neue Ansätze in der Islamwissenschaft aber versuchen zu zeigen, dass dem nicht so war, ja, dass es im Islam vor der Konfrontation mit dem Kolonialismus nie eine Situation gab, in der – wie in Europa – Reformation und Aufklärung nötig waren.

Forum für Dialog

Der aufmerksamen Leserin ist bestimmt aufgefallen, dass diese Woche auf theologiestudierende.de zwei Mal die Rede vom Forum für Dialog war. Einem Verein, der der Gülen-Bewegung zugehört. Dieser Verein beteiligt sich am Aufbau des „House of One“ in Berlin, wie Anne Luise uns berichtet. Und auch Samet Er, der Student islamischer Theologie, den wir für Euch befragt haben, ist im Forum engagiert, u.a. für die Zeitschrift Die Fontäne.

Augenscheinlich setzt sich die Gülen-Bewegung für Toleranz und den interreligiösen Dialog ein, was vor allem in ihrer Bildungsliebe begründet scheint. Die Gülen-Bewegung setzt sich mit ihrem Engagement für die (natur-)wissenschaftliche Bildung ihrer Anhänger von anderen muslimischen Bewegungen ab. In der F.A.Z. wurde die Bewegung, die vor allem wegen der Situation in der Türkei derzeit im Gespräch ist, hart kritisiert. So wird vermutet, in den Studenten-WGs der Bewegung würde eine islamistische Elite herangezogen und die vorgeschobene Dialogbereitschaft wäre nur ein Feigenblatt für die konservativ-islamistischen Überzeugungen der Bewegung.

Es sei eine Illusion, so Lasotta, zu glauben, dass die Gülen-Bewegung ein liberaleres Islamverständnis habe als die AKP: „Erdogan islamisiert über Gesetze und Macht, Gülen geht den schleichenden Weg über die Institutionen.“ Auch im Ausland würden unter dem „Tarnmantel von Bildung und Dialog“ Kader herangezogen, um öffentliche Positionen zu besetzen.

„Das eigentliche Netzwerk sind die strukturkonservativen islamischen Familien, die Unternehmer und akademischen Führungskräfte, die Lesekreise und die Wohngemeinschaften.“ Die Kader sollten dann in Staat, Verwaltung, Parteien und Gesellschaft künftig wichtige Positionen besetzen.

Diesen Artikel wollen wir Euch zum Ende der Woche nicht vorenthalten. Jetzt ist natürlich nicht klar, ob die Gülen-Bewegung eine reformatorische Kraft im Islam ist, wenn auch ihr Bildungspathos und Selbstverständnis eindeutig in diese – für Protestanten vertraute – Richtung tendieren.

Mir stellen sich zum Schluss dieser Woche ein paar Fragen: Wie kritisch gehen wir mit den vielgeforderten „Reformationen“ im Islam um, besonders wenn sie uns nicht vollumfänglich in den Kram passen? Und was können wir für diesen Prozess aus der eigenen Reformationsgeschichte lernen? Gab und gibt es nicht auch in unserer reformatorischen Tradition Aspekte, die verurteilenswert und abzulehnen sind? War nicht auch die Reformation eine Bewegung ad fontes mit „fundamentalistischen“ Zügen? Schütten wir da nicht das Kind mit dem Bade aus?

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