Dialog der Religionen: „Kein banales Gespräch“ Ein Interview über das islamische Theologiestudium
Samet Er, Student der islamischen Theologie

Wie ist es denn eigentlich, islamische Theologie zu studieren? Wir haben nachgefragt bei Samet Er, der in Tübingen und jetzt in Osnabrück islamische Theologie studiert und sich darüber hinaus im interreligiösen Dialog engagiert.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Lieber Samet, Du studierst islamische Theologie an der Uni Osnabrück. Wie kann man sich denn ein „normales“ Semester im islamischen Theologiestudium vorstellen?

Die islamische Theologie ist ein junges Fach. Nicht zu vergleichen mit der katholischen bzw. evangelischen Theologie, welche seit Jahrhunderten in Deutschland gelehrt werden. Ich gehöre zu den ersten Studenten der islamischen Theologie in Deutschland und weiß, wie schwer es ist, von Grund auf einen Studiengang zu errichten.

Es ist also noch alles im Aufbau, ist aber stark bemüht in kürzester Zeit ein beispielhaftes Projekt zu werden. Ich finde, um ehrlich zu sein, den Studiengang nicht schwer, vielleicht weil ich das Fach sehr gerne studiere und auch außerhalb der Studienzeit mich ausschließlich mit der Thematik beschäftige.

Wir lesen viel in klassisch-arabischer Literatur, mit Bezug auf die heutige Zeit und Kontext. Ähnlich wie im Soziologiestudium wird nur gelesen und gelesen, mal auf Deutsch, Türkisch, Arabisch oder Englisch. Neben dem Studium sind zusätzlich die aktuellen Debatten rund um den Islam von Bedeutung, da diese in den Sitzungen aufgenommen und theologisch unter den Studenten ausdiskutiert werden.

Samet Er, Student der islamischen Theologie

Samet Er, Student der islamischen Theologie

Welche Inhalte des Studiums findest Du besonders spannend? Was hättest Du anders erwartet?

Ich finde es besonders spannend, wenn die Dozenten aktuelle Themen aufgreifen und diese mit uns diskutieren. Das kann im Fach Koranwissenschaft oder aber auch im Fach Islamisches Recht sein. Normalerweise war das Fach Islamisches Recht für mich nicht besonders anziehend; da wir aber Themen wie Apostasie, Sterbehilfe, Kalifat, Demokratie und Abtreibung diskutiert haben, habe ich sehr gerne teilgenommen. Vorallem sind es junge Dozenten, die Bezug auf aktuelle heikle Diskussionen in den Unterricht nehmen.

Warum hast Du überhaupt angefangen, Theologie zu studieren?

Nach meinem Abitur wollte ich unbedingt Lehrer werden. So habe ich mich auch dementsprechend für den Lehrerberuf beworben und von zahlreichen Universitäten eine Zusage erhalten. Geschichte, Mathematik und Sport, das war meine geliebte Kombination.

Im Oktober 2011 sollte mein Studium an der PH in Ludwigsburg beginnen, bis ich ganz zufällig auf das Studium der islamischen Theologie an der Universität in Tübingen aufmerksam wurde. Ich bewarb mich sofort und wurde zwei Wochen später immatrikuliert. Ob ich davor an ein Theologie-Studium gedacht habe? Nicht mal einen einzigen Moment. Heute aber bin ich froh über diese Entscheidung, weil ich sehe, wie groß der Bedarf in Deutschland ist.

Dein „Lieblingsfach“ (Teilbereich deines Studiums)?

Meine Lieblingsfächer sind Tafsir (Koranwissenschaft), Sira (Prophetenbiographie), Islamische Geschichte und Religionssoziologie.

In Deutschland wird immer wieder diskutiert, ob der Islam einen Platz an den Universitäten haben soll und wie das dann genau ausgestaltet werden soll. Was ist deine Meinung als Theologiestudent?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Islam an den deutschen Universitäten einen Platz haben muss. Selbst, wenn es etwas spät ist. Wir haben mitverfolgt, wie gefährlich Salafisten für unsere Gesellschaft sein können. Deshalb ist es sehr wichtig, unsere Jugend gegen diese Salafisten immun zu machen. Dies klappt nur, wenn wir unseren Jugendlichen zuhören und sie verstehen. Dafür bedarf es deutschsprachiger Imame, Religionslehrer und Akademiker, die zusätzlich noch diese Gesellschaft bestens kennen.

Mit Import-Imamen und Crashkurs-Lehrern spielen wir nur in die Hände der Salafisten. Wir wissen alle, dass sich die meisten Jugendlichen für Salafisten unter anderem deshalb entscheiden, weil sie deutsch sprechen. Deshalb ist der Islam an den Universitäten und in der Schule obligatorisch.

Bei uns Evangelen unterscheiden sich die Inhalte des Theologiestudiums und die Anforderungen des kirchlichen Pfarramtes schon erheblich. Wie praxisnah ist das islamische Theologiestudium deiner Meinung nach? Gibt es Kontakte zu den Moscheegemeinden vor Ort?

Also ich bin noch ein Student und kann nur aus meinem Beobachtungen sprechen. Ich weiß, dass die Institute einen sehr engen Kontant zu den Moscheegemeinden haben und viele Studentinnen und Studenten sich in den Moscheegemeinden engagieren. Viele in meinem Studiengang arbeiten bereits als Imame in Moscheen. Auch ich habe zwei bis drei Jahre in meiner Tübingerzeit als Vertretungsprediger an Freitagen in unterschiedlichen Moscheen gearbeitet.

Es gibt in Osnabrück das Imamweiterbildungsprojekt, welches seit dem Wintersemester 2010 als erstes bundesweites universitäres Weiterbildungsprogramm für Imame und SeelsorgerInnen gestartet ist. In diesem Projekt geht es um die Qualifizierung der Imame und des religionspädagogischen und seelsorgerischen Betreuungspersonals in Moscheegemeinden, in Bezug auf Sprach- und Dialogkompetenz, die in der Jugend- und Gemeindearbeit stets benötigt werden.

Wir Theologiestudierende werden immer wieder gefragt: „Und was macht man damit?“. Jetzt bist Du dran: Was willst Du mit deinem Uniabschluss denn werden?

Noch habe ich Lust auf das Studieren. Für viele schwer zu glauben, aber ich studiere sehr gerne. Ich würde also sehr gerne mein Studium fortsetzen bzw. meinen wissenschaftlichen Beitrag als Akademiker leisten. Es interessieren mich sehr viele Themen, sodass ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit einen guten Beitrag für unsere Gesellschaft leisten kann.

Ich bin neben meinem Studium auch sehr oft mit Jugendlichen aus der islamistischen Szene zusammen. Ich rede mit ihnen sehr oft, versuche sie kennenzulernen und ihren Gedankengang zu verstehen. Vielleicht kann ich in Zukunft auch in dieser Richtung beruflich tätig sein.

Du engagierst dich in Niedersachsen auch im Forum Dialog Niedersachsen. Warum ist der Austausch zwischen den Religionen so wichtig?

Ich glaube fest daran, dass die Religion es sein wird, die den Frieden auf die Erde bringen wird. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung sind Anhänger der Religionen, Tendenz steigend. Wenn diese sich mit der gleichen Absicht zusammensetzen, nämlich Gott zu dienen und mit dieser Motivation der Menschheit einen Dienst zu leisten, werden alle Gefahren der Welt, wie Krieg, Wasser- und Luftverschmutzung, weltweite Hungersnöte, Verlust der moralischen Werte ein Ende finden.

Ich sehe im interreligiösen Dialog kein banales Gespräch, wo die Gesprächspartner sich treffen, einander bloß respektieren, sich wechselseitig mit Informationen überfluten oder intellektuell vermitteln und sich wieder trennen, sondern viel mehr: Ein gemeinsames Essen, Reisen, Lachen, Feiern, Trauern und Empathie. Durch den interreligiösen Dialog, den ich seit fünf Jahren betreibe und stark unterstütze, werden diese gemeinsamen Schnittmengen gefunden.

Wie offen sind deiner Meinung nach die Muslime hinsichtlich des interreligiösen Dialogs?

Noch in den 90er-Jahren wurden Muslime, die den interreligiösen Dialog betrieben haben, als ungläubige Ketzer diskreditiert. Heute sind es genau diese Kritiker, die selbst den interreligiösen Dialog verfechten. Ein gutes Zeichen! Immer mehr Muslime werden sich langsam bewusst, wie wichtig der interreligiöse Dialog für die friedliche Existenz in Deutschland ist.

Tübingen ist ja eine Universitätsstadt mit riesiger Tradition und starken evangelischen und katholischen Fakultäten der Theologie. Wie bewegst Du dich als islamischer Theologiestudent in diesem Umfeld?

Ich war in meiner Zeit als Student in Tübingen sehr stark mit katholischen und evangelischen Theologiestudenten vernetzt. Wir trafen uns regelmäßig zu interreligiösen Gesprächskreisen und gingen immer wieder zusammen essen. Es gab eine sehr angenehme Atmosphäre, die mir in Osnabrück leider noch fehlt. Ich habe viele Seminare zur Bibel und katholischen Theologie besucht und habe bis heute noch einen engen Kontakt zu den Professoren.

Was wünschst Du dir von den christlichen Theologiestudierenden?

Mir haben die Diskussionen mit den christlichen Theologen in den Seminaren sehr gefallen. Sowohl ich, als auch meine christlichen Kommilitonen haben Neues von der jeweils anderen Religion gelernt. Es ist eine große Bereicherung, diese Diskussionen respektvoll fortzuführen, dies sollten wir gut ausnutzen.

(Die Fragen stellte Philipp Greifenstein.)

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