Luther und die Türken
Pieter Snayers, Die Belagerung von Wien, 1529 (gemeinfrei)

September 1529: Die Türken belagern Wien!

Das Abendland steht vor einer ungeahnten Herausforderung: wie mit dieser Großmacht umgehen, die sich nicht nur äußerlich unterscheidet, sondern auch eine ganz andere Religion im Gepäck hat? Während auf politischer Ebene die europäischen Herrscher auf diese prekäre Lage reagieren müssen, setzt sich Martin Luther an seinen Schreibtisch und schreibt.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Seine erste von drei Schriften, die sich den Türken widmet, entsteht Ende April 1529: Vom Kriege wider die Türken (WA 30,2; 107-148). Vielerorts in Deutschland und den Nachbarstaaten ist die herannahende Kriegsmacht aus dem Morgenland ein Thema, das Furcht und Sorge bis hin zu panischer Zukunftsangst auslöst.

Luther ist ebenfalls besorgt, deutet die Situation jedoch konsequent heilsgeschichtlich. So spricht er davon, dass die Türken nichts anderes seien als Diener des Teufels (WA 30,2; 107-148). Zwar ist Luther kein ausgewiesener Pazifist, aber er ist der Ansicht, dass der Türke zu Unrecht anderen Ländern Krieg bringt. Den Türken entgegentreten sollen zwei Männer: „Einer heißt Christianus, der ander Keyser Karolus“ (WA 30,2; 116,23f).

„Christianus“ führt den Glaubenskampf, der in seiner Bedeutung über allem steht. Hier treten Christus und der Teufel gegeneinander an, die Waffen der Christen sind Gebet und Buße (WA 30,2; 117,21-118,23). Für Luther kann man an verschiedenen Merkmalen deutlich erkennen, dass es der Teufel sei, der hinter den Türken und ihren Machenschaften stehe: die bewusste Ignoranz, dass Christus der Welten Heiland sei (WA 30,2; 122,2-11) und die daraus resultierende Leugnung Christi sind der erste und schwerwiegendste Grund für Luther.

Daraus ergibt sich dann auch der zweite, nämlich die weltliche Herrschaft des Islam. Die Türken seien durch Raub und Mord an die Macht gekommen, diese Form der Unterwerfung entspreche nicht der weltlichen Obrigkeit, die von Gott vorgesehen sei (WA 30,2;123,31-35). In den polygamen Ehevollzügen, von denen Luther gehört hat, sei dann zu erkennen, dass auch hier keine Übereinstimmung mit den göttlichen Ordnungen herrsche.

„Keyser Karol (odder wer der Keyser sei)“ (WA 30,2; 129,17f) ist der zweite Recke, der von Luther explizit nicht zum Verteidiger des Glaubens stilisiert wird (WA 30,2; 130,22-25. 131,8f), also nicht im Sinne der Kreuzzugsideologien einen Heiligen Krieg führen soll. Der Kaiser als ausführende weltliche Macht soll für die Sicherheit, Ruhe und Stabilität in seinem Reich sorgen und daher gegen die Eindringlinge vorgehen.

Bald nach der Belagerung Wiens durch die Türken erscheint Heerpredigt wider den Türken (WA 30,2; 160-197). Ihr Inhalt ähnelt der ersten Schrift, allein die Schwerpunktsetzung ist anders gewichtet: Die Bedrohung durch die Türken ist nichts anderes als eine der beiden antichristlichen Mächte, die das Christentum bedrängen und die Endzeit beherrschen. Die andere Macht ist, wenig überraschend für den, der Luther kennt, das Papsttum in Rom.

Wer aufmerksam das Buch Daniel liest und das Zeitgeschehen verfolgt, wird leicht erkennen können, dass die Bedrohung durch die Türken sich einreiht in die Ereignisse und teuflischen Akteure der Endzeit, die an allen Enden und Ecken lauern und den aufrechten Christen die gottesfürchtige Existenz erschweren (WA 30,2; 162,30-164,3).

Die Gefahren antichristlicher Mächte bestehen, so Luther, aber auch darin, dass sie mit Verlockungen und Faszination daherkommen: hüten solle man sich vor ihren Priestern und Mönchen, die so ein frommes und züchtiges Leben führen, dass die Papisten dagegen lächerlich erscheinen (WA 30,2; 186,1-14).

Dahinter stecke nichts als eine tückische Spielart des Teufels, der Wunder wirke und Augenwischerei betreibe, wo er nur steht und geht: „Denn der teuffel kann auch ernst sein, saur sehen, viel fasten, falsche wunder thun und die seinen entzuͤcken“ (WA 30,2, 186,10f). Die Türken wirken fromm und gottesfürchtig, ihre Lebensweise und ihr Familiensinn mögen vorbildlich und achtenswert sein, (WA 30,2; 189,27-190,14) aber was ist ein Glaube ohne Christus? Darin offenbart sich erneut, nach Luther, ihr teuflischer Ursprung.

Die Türken können Wien nicht einnehmen, aber ihr Vordringen hat bewirkt, dass sich europäische Herrscher zum Handeln aufgefordert sahen: Um sich politisch und militärisch solide aufzustellen, drängt Kaiser Karl V. zu einem Religionsfrieden zwischen Protestanten und Altgläubigen, um die Reichsstände im Kampf gegen die Türken für sich zu gewinnen.

Die Türken sind unter Sultan Süleiman II. mittlerweile in Teilen Ungarns und Österreichs unterwegs und derart erfolgreich mit ihren Eroberungen, dass es 1533 zu einem Friedensvertrag zwischen Erzherzog Ferdinand von Österreich, König von Ungarn, mit dem Sultan kommt, bei dem Ostungarn an die Osmanen geht und ab 1541 als Provinz eingegliedert wird. In diesem Jahr wird Luthers dritte und letzte Schrift veröffentlicht. Vermahnung zum Gebet wider die Türken (WA 51, 585-625), die inhaltlich auf den ersten beiden aufbaut.

Luther ist keine einzelne Stimme, die in der militärischen Bedrohung durch das vorrückende Osmanische Reich erklingt und die Ereignisse vor einem endzeitlichen Hintergrund versteht und deutet.

Geistige und politische Konfrontationen zwischen Christentum und Islam gibt es seit dem 7. Jahrhundert. Es beginnt mit polemischer Literatur zur Diffamierung des jeweiligen Gegners, bei dem sämtliche Register der Übertreibung, Verzerrung und Degradierung gezogen werden. Angst einflößende Flugschriften handeln von kriegerischer Grausamkeit der Türken und ihrem angeblich unmenschlichem Verhalten.

Dann werden arabische Texte und der Koran in das Lateinische übersetzt, damit man sich in gelehrten Kreisen damit auseinandersetzen kann. Thomas von Aquin, Raimundus Lullus und Nikolaus von Kues sind nur einige von vielen Theologen des Abendlandes, die den Blick über den Tellerrand wagen und das Morgenland und seinen Glauben gedanklich erforschen wollen.

Und doch werden Eroberungserfolge und das Vordringen der Osmanen als Strafe Gottes verstanden, die über das Christentum hereinbricht. Die Stimmung ist und bleibt lange Zeit so aufgeheizt, dass diverse Päpste und Kaiser Kreuzzeuge gegen die Glaubensfeinde anführen und Unzählige ihnen folgen.

Luther argumentiert nicht völlig aus dem hohlen Bauch heraus, er hat den lateinischen Koran vorliegen und ausführlich studiert, sich zudem mit verschiedenen Schriften über den Islam befasst, darunter Improbatio Alcorani von Ricoldus de Monte Crucis und Cribratio Alcorani von Nikolaus von Kues.

Und  innerhalb lutherischer Lehre ist sein Umgang mit dem Islam völlig kohärent und stringent: Geschichte ist für Luther nur im Hinblick auf Gericht und Gnade zu verstehen. Mag der Türke zwar bemerkenswerte Tugenden in seiner Lebensführung und ernsthaften Frömmigkeit aufweisen, so dient dies nie zur Ehre Gottes, da der Dreh- und Angelpunkt des Glaubens verleugnet wird, nämlich Christus und sein Erlösungstod.

Luthers Auseinandersetzung mit dem Islam dreht sich darum im Kern um die Christozentrik. Wo aber die Antriebskraft nicht Christus ist, so schlussfolgert Luther, stehen teuflische Kräfte dahinter, die im Rahmen der heilsgeschichtlichen Ereignisse agieren und als Antagonisten den Christen gegenüber das Leben schwer machen. Und da erscheinen dann Türken wie das Papstamt für Luther als Handpuppen des gleichen Spielers, nämlich des Teufels.


Mehr zum Thema:

  • MAU, R., Luthers Stellung zu den Türken, in: Junghans, H. [Hg], Leben und Werk Martin Luthers von 1526 bis 1546, 2Bde., 1983, 647-662. 956-966.
  • RAEDER, S. Der Islam und das Christentum. Eine historische und theologische Einführung, 22003.
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