Lesenswert #31 – Islam und Christentum

Im Verlauf unseres Themenmonats „Islam und Theologie“ wollen wir Euch in einer Reihe Lesenswerts auf Texte aufmerksam machen, die interessant, herausfordernd und unterhaltsam Aspekte unseres Themenschwerpunkts aufnehmen. Wenn ihr irgendwo einen guten Artikel gelesen habt, schickt den Link an lesenswert@theologiestudierende.de!

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Den Anfang machen wir mit drei (Nach-)Denkschriften, die sich mit dem Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland befassen.

Klarheit und gute Nachbarschaft – EKD-Handreichung, 2006

Die Evangelische Kirche in Deutschland nimmt durch Arbeitsgruppen, Beauftragte, Studieneinrichtungen und Zentralstellen reichlich Stellung zu allen möglichen gesellschaftlichen Fragen. Bereits 2006 stellte sie eine Handreichung zum Zusammenleben von Muslimen und Christen in Deutschland vor.

Mit Bedacht trägt diese Handreichung den Titel „Klarheit und gute Nachbarschaft“. Sie geht vom Respekt für den Glauben und die Überzeugungen von Muslimen aus. Doch Überzeugungen, auch Glaubensüberzeugungen, können es nicht rechtfertigen, dass man anderen den Respekt versagt, grundlegende Menschenrechte in Frage stellt und die Achtung der eigenen Überzeugung durch Einschüchterung, Drohung oder Gewaltanwendung einfordert. Der Respekt vor dem Glauben anderer schließt ein, dass man kritische Rückfragen stellt und auch selbst bereit ist, sich solchen Rückfragen auszusetzen. (aus dem Vorwort von Bischof Wolfgang Huber)

Der Handreichung eigen ist der von vielen Kirchenleuten gering geschätzte „EKD-Sound“. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass zu jedem denkbaren Aspekt des Zusammenlebens Denkanstöße und Orientierungen geboten werden. Kritik hat die Handreichung vor allem aus den Reihen der mit dem interreligiösen Dialog beauftragten Kirchenleute und von Wissenschaftlern erfahren. Über die Kritik an der Handreichung hat der Theologe und Journalist Christoph Fleischmann geschrieben:

Die Kirchenleitungen sollten aber auf unterschiedliche Erfahrungen hören, die sich im weiten Raum der Kirche finden lassen und sie sollten auch die wissenschaftliche Reflexion ihrer eigenen Experten nicht verachten. Wenn sie deren Kompetenzen nicht nötig haben, entweder weil sie selber Professor-Bischof Wolfgang „Super-Huber“ sind, oder weil sie meinen, sie hätten ja ihr Ohr an Volkes Stimme, dann sieht es freilich schlecht aus um die Kirche. Denn dann treiben ihre Funktionäre im Mainstream der Ressentiments gegenüber dem Islam, das sie dann ihrerseits verstärken. Eine Kirche, die auch mal gegen den Strom steht und eigene Akzente in der Gesellschaft setzt, die sieht anders aus.

Dialogratgeber zur Förderung der Begegnung zwischen Christen und Muslimen (EKD, KRM)

Ein weiteres Papier aus dem Hause EKD ist der gemeinsam mit dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland herausgegebene Dialogratgeber. Anders als die umfangreiche Handreichung (s.o.) richtet sich der Dialogratgeber an Menschen, die in der Praxis mit Fragen des Zusammenlebens konfrontiert sind. Leserinnen, die mit der Debatte und durch eigene intensive Praxis mit dem interreligiösen Dialog vertraut sind, werden hier nichts Neues finden.

Gänzlich unverständlich bleibt, warum eine Ko-Produktion mit Muslimen auch in der Sprache noch jedem Klischee evangelischen Denkschriftums entsprechen muss. Formulierungen wie „Der Dialog befähigt dazu, Gemeinsames zu formulieren und Unterschiede zu benennen und auszuhalten.“ sind nicht nur Binsen, sondern intellektuelle Ohrfeigen für denjenigen Leser, der Publikationen der EKD nicht aus Gründen der Selbstkasteiung konsumiert.

Im Kapitel „Mit Bibel und Koran umgehen lernen“ z.B. wird zwar zum gegenseitigen Kennenlernen der je anderen „heiligen“ Schrift aufgefordert, kein einziges Wort aber darüber, dass es wissenschaftlich fundierter und verantwortbarer Exegese bedarf und diese für das friedliche Zusammenleben beider Religionen unerlässlich ist. Stattdessen heißt es:

Es ist für den Dialog hilfreich, wenn Christen und Muslime neben der intensiven Auseinandersetzung mit ihren eigenen Schriften auch die Schriften des jeweils anderen betrachten und kennenlernen. Dialog kann und soll den Raum bieten, über das zu sprechen, was dabei verstanden oder nicht verstanden wurde. Es ist jedoch immer im Blick zu behalten, dass die Gesprächspartner im Einklang mit ihrer Schrift leben, daraus ihren Glauben nähren und Respekt gegenüber ihrer Deutung verdienen.

Der Respekt gegenüber der je persönlichen Deutung des Korans und auch der Bibel kann nicht soweit gehen, dass die Erkenntnisse historisch-kritischer Forschung verschwiegen werden. An diesem Beispiel wird deutlich, woran es dem Dialogratgeber an allen Stellen mangelt: An denkerischer Klarheit und Härte gegenüber den Muslimen und Christen gleichermaßen. Hier soll niemanden zu nahe getreten werden, das aber macht einen ehrlichen Dialog unmöglich.

Im Spiegel der Anderen. Eine religiös-praktische Perspektive auf die Begegnung mit Muslimen

Martin Klose schreibt auf feinschwarz.net darüber, was wir uns ganz praktisch bei den Muslimen abschauen können.

Die eigene Überlieferung und Praxis kann und sollte durch den Spiegel der Praxis des Verwandten, aber eben doch Anderen neu sehen gelernt werden. Selbst in scheinbaren Detailfragen finden sich ähnliche oder praktisch gleiche Elemente, die je unterschiedlich ausgeformt sind und bei denen ein Blick hinüber zur Form der Anderen sehr bereichernd und anregend sein kann.

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