Moment mal: Ein Gespenst geht um
Foto: Nick Leonard (CC BY-NC-SA 2.0)

Glaubt man den selbsternannten Verteidigern des Abendlandes, dann geht ein Gespenst um in Europa. Das Gespenst des radikalen Islam. „Verteidiger des Abendlandes“, dieser Narrativ funktioniert nur mit dem Morgenland als Gegenüber.

Unsere Vorstellungen von diesem Morgenland sind gespeist aus vielerlei alten und modernen Mythen über die Menschen, die auf der arabischen Halbinsel, im Heiligen Land, in Nordafrika leben. Sich einen Reim zu machen auf die komplexen Lebensrealitäten der Menschen, die dort in unserer unmittelbaren Nachbarschaft leben, gelingt nur durch den Blick auf ihre Religion: den Islam.

Insofern haben diejenigen Unrecht, die behaupten, das vielfältige Unglück – Krieg, Völkermord, Zerstörung uralten Kulturguts und politische Unterdrückung – in diesen islamisch geprägten Ländern, habe nichts mit der Religion zu tun. Gleichwohl sollten wir uns hüten, z.B. aus einer unkritischen Koranlektüre, sofort handfeste Gründe für Missstände der Gegenwart abzuleiten. Wir würden dann genau das tun, was an anderer Stelle den Muslimen gerade auch von „aufgeklärten“ Christen vorgeworfen wird: eine radikale, fundamentalistische Lesart der Religion.

Religiöse Politik, politische Religion?

Der Islam ist eine Religion. Wenn er zur Staatsform degradiert wird, erscheint er als Form des Faschismus. Die Frage, wie der Westen mit islamischen Diktaturen umzugehen hat, macht sich nur in der Theorie und im Feuilleton an Definitionen von radikal, extremistisch und an den vielfältigen politischen -ismen fest. In der Realität ist dem Westen jener Partner recht, der den eigenen Interessen am meisten dient.

So unterstützte der Westen über Jahrzehnte die ägyptische Militärdiktatur, positionierte sich skeptisch gegenüber der demokratisch an die Macht gelangten Muslimbruderschaft und stützt heute wieder einen Militärdiktator, der gerade die Jugend des Landes zu Tausenden verhaften, verschleppen und foltern lässt. Die Maßstäbe unseres Handels sind ganz und gar nicht „aufgeklärt“.

Ein Teil der Angst vor der „Islamisierung des Abendlandes“ rührt daher, dass uns der politische Islam so fremd ist. Diese Fremdheit gründet darin, dass wir die politischen Implikationen, die gesellschaftlichen Imperative unserer eigenen religiösen Tradition lange mutwillig verdrängt haben. Meistens geschah das aus politischem Opportunismus heraus. Das gilt von den vielen Christen, die sich aktiv an den faschistischen Diktaturen Europas beteiligt haben, statt im Namen ihres Glaubens Widerstand zu leisten. Das gilt noch heute von den Christen, die sich angesichts eines Papstes, der sich im katholischen Polen für die Aufnahme von Flüchtlingen stark macht, über die Einmischung der Religion echauffieren. Die Angst vor dem politischen Islam rührt von unserer Scham gegenüber dem politisch wirksamen Evangelium her.

Die Christen müssen wieder politischer werden. Sie müssen die Maßstäbe ihrer eigenen religiösen Tradition in konkrete politische Sprache und Aktionen überführen. Gerade so, wie es viele Christen hierzulande mit ihrer praktischen Flüchtlingshilfe noch immer vorleben. Dann braucht uns nicht bange werden vor Menschen anderen Glaubens, die ihre weltanschauliche Orientierung aus ihrer Religion beziehen.

Freiheit, die ich meine

Dabei muss die weltanschauliche Neutralität unseres Staatswesens unbedingt erhalten, ja verteidigt werden. Sie ist eine Frucht der europäischen Aufklärung und die durch sie begründete Freiheit des Individuums noch immer der stärkste Grund für die Attraktivität Europas, gerade für die unterdrückten Muslime aus dem Morgenland. Diese weltanschauliche Neutralität greifen die selbsternannten „Patriotischen Europäer“ an.

Was jetzt gebraucht wird, ist ein aufgeklärter Protestantismus, ein aufgeklärter Patriotismus und auch ein aufgeklärter politischer Islam. Aufklärung beginnt mit Bildung, soviel war den Aufklärern aller Zeiten schon immer klar. Aufklärung beginnt mit freiem Zugang zu Wissen und mit offenen Grenzen. Aufklärung beginnt mit Zuhören.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

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