Ein ökumenisches Experiment Über die gemeinsame Tagung von SETh und AGT 2016 in München
Das Eröffnungspodium (Foto: Judith Gaebel)

Vom 20. bis zum 22. Mai trafen sich zum ersten Mal katholische, evangelische und orthodoxe Theologiestudierende aus Deutschland und Österreich zu einer gemeinsamen ökumenischen Tagung in München, um sich dort auszutauschen und über die ökumenische Zukunft nachzudenken. Der Ausgang dieses Experimentes war ungewiss. Nur so viel: Es ist niemand in Flammen aufgegangen oder wurde vom Erdboden verschluckt.

Es ist Freitagnachmittag. Der Himmel über München ist mit Wolken bedeckt. Stück für Stück bahnt sich die Sonne einen Weg. Mit ihr treffen nach und nach die Teilnehmenden der Ökumenischen Tagung im Salesianum am St-Wolfgangs-Platz ein.

Nachdem alle ihre Zimmer bezogen haben, wird die Tagung gemeinsam eröffnet. Lucas Dinter und Lina Neeb, die diese Tagung organisiert und in Zusammenarbeit geplant haben, begrüßen die Teilnehmenden gemeinsam mit dem Vorstand der AGT und dem Leitenden Gremium des SETh.

Im Anschluss findet die erste Sitzungsrunde der Bundesfachschaften in getrennten Räumen statt. Viel Sitzungszeit ist für das Wochenende nicht eingeplant, da der Fokus ganz auf dem gegenseitigen Kennenlernen der Studierenden liegen soll. Für jemanden, der die Vollversammlungen des SETh, deren Sitzungstage oft und gern bis tief in die Nacht gehen kennt, mag es sehr seltsam erscheinen, dass die Sitzungszeit für das ganze Wochenende auf wenige Stunden begrenzt ist. Deshalb muss es auch bei den Sitzungen sehr diszipliniert zugehen und nicht alle Punkte können ausführlich diskutiert werden. Über zwei Anträge auf eine Satzungsänderung der geplanten Vereinssatzung des SETh wird erst auf der nächsten Vollversammlung im November in Wuppertal abgestimmt werden.

„Ich hätte mir eine gemeinsame Arbeitssitzung von AGT und SETh gewünscht, um auch Eindrücke von den Aktivitäten, Problemen und positiven Erfahrungen der evangelischen Studierenden zu bekommen“ – Christina aus München

 

Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft

Das Interesse der Studierenden aneinander ist groß. Im Gespräch wird immer wieder der Wunsch nach einer gemeinsamen Sitzung deutlich. Auf beiden Seiten würde man dafür wohl sogar längere Sitzungszeiten in Kauf nehmen. Nach der ersten Sitzung machen alle nochmal einen kleinen Abstecher in ihre Zimmer, um sich in Schale zu schmeißen. Immerhin wird für den ökumenischen Festgottesdienst neben Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke und Weihbischof Dr. Thomas Löhr auch die Presse erwartet.

Ökumenischer Festgottesdienst (Florian Schiffbauer)

Ökumenischer Festgottesdienst (Florian Schiffbauer)

„Der ökumenische Festgottesdienst hat mir besonders gut gefallen. Die Tauferinnerung war ein Zeichen gelebter Ökumene!“ – Annika aus München

Der gemeinsam gefeierte Festgottesdienst steht unter dem Zeichen der Taufe als gemeinsame Mitte, die evangelische, katholische und orthodoxe Studierende miteinander verbindet. Nicht nur der Anblick von außergewöhnlich herausgeputzten Studierenden unterstreicht den festlichen Charakter des Gottesdienstes, auch Weihbischof Löhr betont: „Immer wenn wir in der Ökumene zusammentreffen, dann ist dies ein Fest“. Neben den beiden Bischöfen wirken auch Studierende im Gottesdienst durch musikalische Begleitung, in den Lesungen und Fürbitten mit. Das Evangelium liest übrigens eine katholische Theologiestudentin – aus der Lutherbibel. Und wenn 90 Theologiestudierende Gottesdienst feiern, dann vibrieren beim Singen auch schon mal die Glasscheiben.

Der Galaabend, der den ersten Tag in München abschließt ist ein voller Erfolg. Bei gutem Essen und reichlich Getränken wird nicht nur viel geredet und eifrig diskutiert. Viele nutzen die Chance einander kennenzulernen und wandern von Tisch zu Tisch und viele erst zu fortgeschrittener Stunde in Richtung Bett.

Wir haben keine Wahl, wir müssen es einfach wagen. Kommst du mit, kommst du mit mit mir?

„Mir haben die gemeinsamen Elemente bei dieser Tagung gefallen: Workshops, Essen, Stadtführung …“ – Rieke aus Tübingen

Ökumenische Andacht (Judith Gaebel)

Ökumenische Andacht (Judith Gaebel)

Der Samstag beginnt mit einer ökumenischen Morgenandacht, die von den Studierenden aus München vorbereitet wurde. Eine in einem kleinen Anspiel umgesetzte Lesung aus 1Kor 12 erinnert daran, dass wir trotz unserer Unterschiede alle Glieder eines Leibes sind. So wird auch der Mitte der Tagung ein Profil gegeben. Der zweite Tag wird insgesamt von drei Workshops dominiert.

Oberkirchenrat Joachim Ochel, Theologischer Referent des Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU, stellt im ersten Workshop heraus, dass erst mit dem Aufbau der Islamischen Theologie in Deutschland ausgehend vom Wissenschaftsrat die Wertschätzung der Politik und Gesellschaft für das Theologiestudium gewachsen ist. „Die Aufgabe der politischen Vertretung einer Kirche ist die Vertretung der Christenmenschen durch Übersetzung der Theologie in eine säkulare Sprache.“ Als Beispiel für die konstruktive Mitarbeit der Kirchen im politischen Bereich nennt Ochel das Beispiel der Sterbehilfe. Denn hier nahm der Bundestag die Argumentation der katholischen und evangelischen Kirche auf. Nach seinem Vortrag interviewte Florian Schiffbauer Herrn Ochel für theologiestudierende.de, das Interview gibt es bald zum Nachlesen.

Das Neue Rathhaus in München (Deborah Kehr)

Das Neue Rathhaus in München
(Deborah Kehr)

Es wäre tatsächlich ein Jammer, München bei strahlendem Sonnenschein nicht auch wenigstens kurz zu erkunden. Deshalb laden die Studierenden der Fachschaften in München in der Mittagspause alle Teilnehmenden zu einer kleinen Stadtführung ein. Wer möchte, bekommt entweder eine Kirchen- oder Universitätsführung. Ein ganz besonderes Schmankerl ist der Einblick in die beiden Büros der katholischen und evangelischen Fachschaften – die ganz ökumenisch – im gleichen Flur der Uni liegen.

Im zweiten Workshop referiert Frau Barbara Reitmeier über Akkreditierungsverfahren für Studiengänge der Theologie. Dabei geht sie insbesondere auf die studentischen Partizipationsmöglichkeiten ein.

Ökumenisches Trio – Podiumsdiskussion zwischen evangelisch, katholisch und orthodox

Den theologischen Höhepunkt der Tagung stellt die Diskussion mit den drei Münchener Dogmatikern Prof. Dr. Bertram Stubenrauch (katholisch), Prof. Dr. Athanasios Vletsis (orthodox) und Prof. Dr. Jörg Lauster im dritten Workshop dar: Der Vorstand des Zentrums für ökumenische Forschung thematisiert die Knackpunkte in der Ökumene.
Prof. Dr. Vletsis ist überzeugt, dass ohne Kirchengeschichte keine Ökumene möglich ist. „Die Vergangenheit kann uns helfen den Einstieg in die Ökumene zu finden.“
Prof. Dr. Lauster spricht von einer „Eiszeit der Ökumene“, in der man sich stetig, aber langsamer als früher annähert. „Kirche ist immer weniger als das Christusereignis. Daher hat für mich jede kirchliche Erscheinungsform einen Wahrheitsmoment.“
Prof. Dr. Stubenrauch stellt sich die Frage:

Wie kann man das Christentum in einer rasant wachsenden Welt verkünden? Eine Einheit der Kirche gehört bei uns Katholiken zur Frömmigkeit dazu. Die Ökumene der Zukunft besteht in der Wahrnehmung unterschiedlicher Mentalitäten und im aufeinander Eingehen.

Konsens besteht bei allen drei Dogmatikern, dass die konfessionelle Differenzierung in der Wissenschaft ein Gewinn ist. In der Diskussion mit den Studierenden lassen sich die Professoren auch mal aus der Reserve locken. Provokant formuliert Prof. Dr. Lauster: „Man kann christlich sein außerhalb der Kirche. Dies ist kein evangelischer Satz.“ Auf die Frage nach dem angestrebten Verhalten der Konfessionen innerhalb der einen Kirche Jesu Christi antwortet Prof. Dr. Stubenrauch:

Ich plädiere für eine koexistente Haltung zu der Kirche. Je katholischer ich bin, desto besser für die Gesamtkirche, je evangelischer ich bin, desto besser für die Gesamtkirche, je orthodoxer ich bin, desto besser für die Gesamtkirche.

Und auch von orthodoxer Seite wird der Ton etwas schärfer als Prof. Dr. Vletsis beanstandet:

Noch hat die evangelische Kirche es nicht überwunden nach 500 Jahren Reformation 2017 den Papst einzuladen. Meines Erachtens brauchen wir ein Zeichen der Versöhnung.

Die in dieser Diskussion angestoßenen ekklesiologischen und ökumenischen Fragen beschäftigen viele Studierende noch in den Gesprächen des Abends.

„Ich fand es gut, über konfessionelle Besonderheiten mit „Fachleuten“ zu sprechen. Die anderen Konfessionen erlebe ich hier als interessant, offen, aufgeschlossen, interessiert, faszinierend und freundlich.“ – Johann aus Tübingen

Das orthodoxe Abendgebet am Samstag ist wohl für viele eine ganz neue und besondere Erfahrung. Die Liturgie wird größtenteils von den orthodoxen Theologiestudenten und Prof. Dr. Vletsis gesungen, während der Priester Weihrauch schwenkt und zwischen Gebeten und Predigt den katholischen und evangelischen KommillitonInnen die einzelnen Elemente des Gottesdienstes erklärt. Gefeiert wird übrigens eine Pfingstandacht. Für Katholiken und Protestanten liegt dieses Fest zwar schon eine Woche zurück, in der orthodoxen Kirche wird es vier Wochen später begangen.

Ökumenischer Frühling statt „Eiszeit der Ökumene“

45 Studierende bei der Vollversammlung des SETh (Deborah Kehr)

45 Studierende bei der Vollversammlung des SETh (Deborah Kehr)

Am Sonntag, dem dritten und letzten Tag der ökumenischen Tagung stehen für die Vollversammlung des SETh noch wichtige Entscheidungen an. Das Leitende Gremium, das die Vollversammlungen leitet und vorbereitet, steht zur Wahl. Florian Schiffbauer aus München und Magdalena Mannsperger aus Tübingen werden neu ins Amt gewählt. Ihren Vorgängern im Amt, Fiona Lauber und Maximilian Bode, wird für ihre Arbeit und das Engagement für den SETh gedankt. Fiona und Max leiteten drei Vollversammlungen und bereiteten in ihrer Amtsperiode vor allem die Vereinsgründung des SETh vor.

Die Tagung endet am Sonntagnachmittag mit einer Andacht und einem Reisesegen. Lucas Dinter, der die Tagung von katholischer Seite hauptverantwortlich organisierte und die Idee der Tagung überhaupt erst ins Leben rief, vergleicht in seiner Abschiedsansprache die Teilnehmenden mit Tropfen, die nicht dort verharren, wo sie sind, sondern dadurch, dass sie auf ihrem Weg (zurück zu ihren Fachschaften, Konventen und Versammlungen), andere Tropfen mitreißen, für Ökumene begeistern und gemeinsam mit den anderen Tropfen einen Fluss bilden.

„Nach den positiven und bereichernden Erfahrungen der ökumenischen Tagung in München, wollen nach gemeinsamer Übereinkunft SETh und AGT diese Zusammenarbeit auch in Zukunft intensivieren und fortführen. Dies soll sich in weiteren gemeinsamen Tagungen und gegenseitigen Besuchen der jeweiligen Gremien ausdrücken, in denen sich die geknüpften Kontakte weiter vertiefen können. Unser gemeinsames Ziel ist es die vielfältigen Erfahrungen der Theologiestudierenden der verschiedenen Konfessionen zusammenzuführen und der Ökumene auch im Studienalltag Bedeutung zu verleihen.“ – Gemeinsame Erklärung von AGT und SETh

Die erste Ökumenische Tagung hat einen Stein ins Rollen gebracht. Bei den meisten Teilnehmenden wird sie in Form von Freundschaften, durch einen Abbau von Vorurteilen und ein gewecktes und vertieftes Interesse am Anderen fortwirken.

„Die Vision muss weitergehen!“ – Felix aus Heidelberg

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