Moment mal: Andacht über Killer-Bären
Foto: Enrique Ballarin, (CC BY 2.0)

Hier steh ich nun, ich armer Tor, und bereite eine Andacht vor. Im Altenheim, wo jede Woche eine fünfzehnminütige Andacht gefeiert wird. Zielgruppenorientiert – nehme ein Wort und hänge ‚orientiert’ dran, um gebildet zu klingen–, zielgruppenorientiert fällt mir sofort eine biblische Geschichte ein. Thema: Die Würde im Alter.

Von dort ging er [Elischa] nach Bet-El. Während er den Weg hinaufstieg, kamen junge Burschen aus der Stadt und verspotteten ihn: Sie riefen ihm zu: Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf! Er wandte sich um, sah sie an und verfluchte sie im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Wald und zerrissen zweiundvierzig junge Leute. (EÜ, 2. Könige 2, 23-25)

Das müsste eigentlich ganz gut passen. Die Kahlköpfe im Publikum habe ich so auf jeden Fall auf meiner Seite. Vielleicht auch diejenigen der alten Damen, die schon lange schimpfen, dass die jungen Leute die Musik nicht so laut machen, den Ball nicht gegen das Garagentor schießen und im Treppenhaus nicht rennen sollen. Den Hörenden wird es leichtfallen, sich mit Elischa zu identifizieren, der garstige Graben wird zügig geschlossen, die Geschichte schnell in die Gegenwart geholt.

Und dann werde ich den Hörenden erklären können, dass Gott ihre Sorgen hört. „Gott kennt den Schmerz der Verspotteten“, werde ich sagen. „Er zürnt, wo Menschen entwürdigt werden!“, werde ich mit lauter werdender Stimme verkünden. „Er stellt sich auf die Seite der Opfer“, ganz empathisch werde ich dann in die Runde schauen. Hoffentlich nicken dann diejenigen, die bis dahin gefolgt sind, oder sagen „Genau so isch des!“.

Nur muss ich hoffen, dass keine Pflegekräfte unter den Zuhörenden sitzen, oder gar die Hausleitung. Immer diese kritischen Fragen! „Warum lässt Gott 42 junge Menschen töten?“, oder „Wie passt denn das zur Feindesliebe, dieser Fluch und die Killer-Bären?“, oder „Wie steht denn Gott zur Rache?“. Dann werde ich dastehen, hilfesuchend in die verdatterten Gesichter der Senioren blicken und mir wünschen, etwas Unverfängliches gewählt zu haben.

Psalm 23 zum Beispiel, der geht immer.

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