Moment mal: Zum Himmel, nochmal!
Benjamin West, Auferstehung (gemeinfrei)

Ich habe ein Problem mit Himmelfahrt. Mit Christi Himmelfahrt wohlgemerkt. Es will mir nicht aufgehen, was wir denn theologisch mit der Himmelfahrt zusätzlich zur Auferstehung gewonnen haben. Die üblichen Vorstellungen und christlichen Bilderwelten einer in Richtung Coeli schwebenden Lichtgestalt, die staunende Jünger auf dem Boden der Tatsachen zurücklassend milde lächelnd zur Rechten des Vaters entschwebt, sie scheinen mir überholt zu sein.

„Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zu Rechten Gottes, …“

Die Himmelfahrt des Herrn ist außer beim geliebten Lukas – dafür gleich zwei Mal inkl. Widerprüchen1 – nur noch in einigen wenigen Anspielungen neutestamentlich belegt. Dogmengeschichtlich ist schon der Eingang in das Apostolische Glaubensbekenntnis irgendwie seltsam.  Bultmann ist die Himmelfahrt losgeworden, selbst der olle Barth hat sich über ihre Bedeutung gewundert. Heutige Theologen und Theologinnen kommen ins Schwimmen, wenn sie nach der Bedeutung der Himmelfahrt, gar ihrem Unterschied zur Auferstehung gefragt werden.

Horst Georg Pöhlmann konnte mit dieser „Verlegenheit und Problemverquollenheit“ zeitgenössischer Theologie nichts anfangen und stellte fest:

„Oben und unten ist doch ein gängiges Symbol für Geist und Materie, Göttliches und Irdisches etc. und es ist doch als solches jedermann verständlich und in unserer Sprache geläufig und hat nichts mit Mythos zu tun, ebenso die Redefigur vom Absteigen und Aufsteigen. Himmelfahrt Christi heißt schlicht Erhöhung und Heimkehr zum Vater. Das versteht doch jedes Kind und ich begreife nicht, wo hier Verstehensschwierigkeiten sein sollen.“ 2

Doch sieht auch Pöhlmann ein:

„Verhängnisvoll war vor allem das fundamentalistisch-räumliche Verständnis der Himmelfahrt, als wäre sie eine mirakulöse Weltraumfahrt wie Peterchens Mondfahrt. Der Himmel ist kein Raum, folglich ist die Himmelfahrt keine Raumfahrt. Der Himmel ist kein Ort, sondern überall, wo Gott ist […].“ 2

Gut und schön, das wird wohl auch der Grund sein, warum wir uns zu Himmelfahrt aufmachen auf die Hügel und Lichtungen der Umgebung, um in spürbarer Gegenwart der Schöpfung Gottesdienst zu feiern – aller Unannehmlichkeiten zum Trotz.

Seit der höchsten Wirksamkeit von Bultmann, Barth, aber auch Tillich und Pöhlmann ist nun über ein halbes Jahrhundert vergangen, trotzdem ist das elende räumliche Denken auch aus Pfarrerinnen und Pfarrern noch immer nicht ausgefahren, die des Fundamentalismus gänzlich unverdächtig sind. Es äußert sich heute gleichwohl nicht mehr in Himmel-und-Hölle-Tiraden, sondern im beseelten Absingen der Reinhard-Mey-Hymne „Über den Wolken“.

Geistliches Manna

Damit fällt die Verkündigung sogar noch hinter die Bibel zurück. Das Manna des Exodus, die vom Himmel gefallene Speise, ist dort schon zu „jedem Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ geronnen.3 Manchen Kanzelrednern ist zuzutrauen, dass sie unsere Zeit mit der Darstellung des Gottesmundes verplempern würden, statt zum ominösen Wort vorzudringen.

Das ist mein Hauptproblem mit der himmelfahrtlichen Verkündigung: Ich bin eben kein Kind mehr, dem sich – nach Pöhlmann – die uralte Metaphorik unhinterfragt erschließt. Und ich will von der Kanzel herab – oder von mir aus auch vom Pult herüber – nicht als Kleinkind behandelt, nicht für dumm verkauft werden. Ich will, dass auch zu Himmelfahrt in die Tiefe gegangen wird und die Symbole unseres christlichen Glaubens als Symbole ernst genommen werden. Das verlangt ihre Auslegung.

Es gibt keinen Himmel und es gibt keinen Gott. Jedenfalls nicht unter den Bedingungen unserer Existenz. Wie kleingeistig das Gottesbild derer ausschauen muss, die zu Himmelfahrt den Himmel über der Erde verkündigen, kann nur vermutet werden. Es ist zu befürchten, dass diejenigen, die genau wissen, wo der Himmel denn ist, auch sehr genaue Vorstellungen davon haben, wie und auf wessen Seite Gott denn ist.


  1. Lk 24,50–33 & Apg 1,1–14
  2. Horst Georg Pöhlmann: „Das Glaubensbekenntnis – Ausgelegt für Menschen unserer Zeit“, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main, 2003.
  3. Mt 4, 4 mit einer Aufnahme von Deut 8,3
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2 Kommentare anzeigen

  1. Oliver

    Deine Frage, was wir theologisch mit der Himmelfahrt zusätzlich zur Auferstehung gewonnen haben, impliziert die Frage, wie Du die Bibel aus welcher Perspektive liest. Bist Du ein Judenchrist, ein Heidenchrist, ein Katholik, ein Lutheraner, ein Reformierter oder gar ein Freikirchler ?

    Das Zusätzliche könnte die Gotteskindschaft sein, sofern Du die Problematik aus Römer 9,6 nicht von Dir stößt. „Nicht aber als ob das Wort Gottes hinfällig geworden wäre; denn nicht alle, die aus Israel sind, die sind Israeliten.“

    Tja, vieles ist schwierig zu verstehen – auch für mich – zum Beispiel: hat Deine Frage auch etwas mit dem Ebenbild Gottes zu tun bzw. wie steht Deine Frage im Verhältnis zum Gräulbild ?

    Himmelfahrt und Auferstehung haben etwas mit Eschatologie zu tun. Dies bedeutet auch, mit welcher Sichtweise Du an die Statuslehre von „status exinanitionis“ und „status exaltationis“ herangehst, so sieht man z.B. Deine Präferenz, ob Du eine lutherische oder eine reformierte Sicht hast. Da Du in Deinen Quellenangaben Pöhlmann zitierst, so empfehle ich sehr o.a. noch einmal bei Horst Georg Pöhlmann in seinem Abriss der Dogmatik: Ein Kompendium nachzulesen.

    Eschatologie ist vor allem auch eine Problematik der Abendmahlfrage.
    Dies bedeutet also, bevor man eine zutreffende Antwort erwarten möchte, so muss man sich durch die Systematische Theologie durchquälen. Allerdings sollte man schon vorher gute Bibelkenntnisse haben, um verstehen zu können, wie und warum die einzelnen Theologen so oder so argumentieren.

    Anknüpfend an Deine oben aufgenommene Fragestellung hier erst einmal zum Lesen ein Auszug aus:

    Friedrich Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt Zweite Auflage (1830/31) , Erster und Zweiter Band – Herausgegeben von Rolf Schäfer 2008 ; §§ 106 – 108 ( Wortglättung hinsichtlich heutiger Rechtschreibung) :

    „Wenn jedoch mehrere Lehrer sowohl der englischen als auch der deutschen Kirche neuerlich die Behauptung aufstellen, es bedürfe überall keiner Bekehrung für die, welche im Schoß der christlichen Kirche geboren schon als Kinder in die Gemeinschaft an dem Leibe Christi wären, und schon in der Taufe die Wiedergeburt erlangt hätten, so müssen wir vermöge fast alles bisher auseinander gesetzten hierzu die Zustimmung verweigern.“ ( § 108, ab Z. 22, S. 182).

    „Denn an und für sich findet sich alles, was früher als Ursache von der Entstehung der Sünde in dem Menschen angegeben worden, eben sowohl bei den in der christlichen Kirche Geborenen als bei anderen: so dass auch jenen die Neigung einwohnt, das göttliche, was allerdings von der christlichen Gemeinschaft aus auf sie einwirkt, in das Gebiet des sinnlichen herabzuziehen.“ ( § 108, ab Z. 29, S. 182).

    „ Ja man kann füglich sagen, dass sich in jedem auch christlichen Kinde bald mehr die heidnische leichtsinnig frevelnde, bald mehr die jüdische trübsinnig ängstliche Versinnlichung des göttlichen von selbst entwickelt.“ ( § 108, ab Z. 34, S. 182).

    Einstiegsfrage :

    Was ist das Göttliche ?

    Absichten des Textes:

    Die Auseinandersetzung der in der christlichen Kirche Geborenen mit sich selbst und zueinander und zu anderen Menschen außerhalb der christlichen Kirche.

    Erweiterungsfrage zur Einstiegsfrage ?

    Wer sind die in der christlichen Kirche geborenen Kinder ?

  2. Sebastian Schumacher

    Man stelle sich vor, Jesus wäre nach der Auferstehung in unserem Diesseits-Universum geblieben. Dann würde er heute noch unter uns leben, denn ich gehe mal davon aus sein auferstandener Gott-Modus-Leib wäre nicht mehr gealtert. Er würde in die Geschicke der Menschen eingreifen und mit Menschen interagieren. Würde er versteckt leben und sich nur bisweilen offenbaren? Würde er offen auftreten mit Twitteraccount und eigener Talkshow? Gäbe es dann überhaupt Kirchen und eine Nachfolge Petri, wenn Jesus alles persönlich entscheiden kann? Würde er dann von Ärzten medizinisch untersucht werden können, um zu sehen, ob sich seine auferstandener Zellen von den anderen Zellen unterscheiden? (Die Antwort wäre wohl nein, denn ansonsten wäre die Menschlichkeit Jesu nicht mehr gegeben.) Wem das zu sehr nach Fantasy klingt, der muss sich fragen, warum das nicht denkbar gewesen wäre. Weil solche Gedankenspiele die Geschichte zu wörtlich nehmen? Weil sie den Gegensatz zwischen dem, was Christen in der Welt der Bibel zu glauben bereit sind, und der naturwissenschaftlichen Lebenswelt der heutigen Menschen schmerzlich vor Augen führen? Keine Sorge, das spurlose Verschwinden des Auferstandenen bei der Himmelfahrt hat die Geschehnisse auf sehr praktische Weise unüberprüfbar gemacht. Provokant? Dann her mit der Himmelsfahrts-Theologie!

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