Moment mal: Halleluja, Lobpreis!

Das Licht gedimmt, die ausschließlich aus hübschen Menschen bestehende Band wird von der Nebelmaschine perfekt eingehüllt, Lichtblitze zucken. „Jetzt ist einfach eine Zeit, wo ihr Gott die Ehre geben könnt, einfach über seine Größe staunen und ihm einfach nahe sein könnt“, raunt der Sänger mit ergriffener Stimme ins Mikrofon.

Die Lieder sind glänzende Beispiele perfekter Glückseligkeit. Natürlich gibt es schlechte Zeiten, aber: Blessed be your name. Natürlich gibt es Zweifel, aber Your love never fails. Gut, an den verarmten Nachbarn denkt man dabei nicht, so Gerechtigkeitslieder sangen damals die frommen Hippies, aber deren Wollpullis waren so hässlich, dass sie heute nicht mal als vintage fürs Instagram-Selfie (#blessed) durchgehen.

Das war jetzt ein fieser Einstieg. Denn ohne Frage gibt es großartige, tiefgründige Musik in Gottesdiensten, fantastische und ehrliche Künstlerinnen und Künstler. Aber zum Boom des zeitgenössischen Worship habe ich doch ein paar Fragen:

1. Wo bleibt Raum für Trauer, Zweifel, Wut und Verzweiflung?

Im Grunde reicht ein Blick in ein altes, aber noch immer populäres Liederbuch, um die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle zu finden: die Psalmen. Hier findet sich überschwängliches Gotteslob neben verzweifelten Klageliedern, fröhliche Dankgebete neben scheusslichen Hasstiraden. Das ganz normale Leben eben. Im modernen Gottesdienst jedoch verengt sich das Spektrum erheblich.

Das wäre nicht weiter schlimm, wenn man am Eingang vorsortiert: „Heute bitte nur Gutgelaunte und Sorgenfreie“. Denn wie fühlt sich die Teenagerin, deren Vater gerade den Kampf gegen den Krebs verliert, wenn die Band Mighty to save schmettert? Was denkt sich die alleinerziehende Mutter, wenn die Gemeinde die Streams of abundance preist, während ihre Jungs nicht mit zur Klassenfahrt können, weil das Geld fehlt? Wo bleibt das Lied, dass Gott Fragen an den Kopf wirft: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Mein Bild von Kirche zeigt nämlich keine Gemeinschaft der Glückseligen, sondern einen Raum, wo Trauer ausgehalten, Zweifel gehört und Trost gespendet wird. Doch wo die Musik im Gottesdienst beim Loben anfängt und beim Danken aufhört, nimmt man die Gefühle der Geknickten nicht wahr – oder nicht ernst. Wenn die Schwierigkeiten des menschlichen Lebens in der Musik keinen Raum finden, bleiben da nicht die Leidenden außen vor?

2. Wo bleibt Raum für das Unperfekte?

Besuche ich Gottesdienste junger Gemeinden oder hipper Freikirchen, fällt mir die Liebe zum Detail auf. Nebelmaschinen, Lichtanlagen, alles da. Wenn sich hier Menschen mit Liebe zur Musik und Konzerttechnik austoben können, dann freut mich das.

Und doch frage ich manchmal, ob tatsächlich alles so perfekt sein muss. So abgestimmt, choreografiert, so wonderful. In der Kinderkirche mussten durften wir ab und zu der Gemeinde etwas vortragen. Es gibt wahrscheinlich schönere Sounderlebnisse als den Kinderchor „Ja, Gott hat alle Kinder liebsingen zu hören.

Aber dabei kommt zum Ausdruck, dass alle mitgestalten dürfen, egal wie begabt sie sind, egal wie gut sie sich präsentieren können. Und deshalb frage ich mich, ob die Kirche der Gegenwart eher für Perfektion statt Partizipation stehen möchte. Es wäre schön, wenn alle, die möchten, teilhaben können.

3. Warum ordnet sich alles den gängigen Methoden der Unterhaltungsindustrie unter?

Jedes Jahr veröffentlicht Hillsong mindestens eine neue CD, die sich besser verkauft als Ponchos in der peruanischen Regenzeit. Jesus Culture, Chris Tomlin, Martin Smith, da finden sich einige Superstars, deren Poster über dem Bett der Teensmag-Abonenntin hängen. Das ist auch in Ordnung, so ist das mit der Pop-Musik. Kritisch wird es dann, wenn das Profane zum Sakralen verklärt wird. Einfacher gesagt: wenn aus dem Pop etwas Heiliges werden möchte.

Denn Pop ist (meistens) Teil der Unterhaltungsindustrie. Und wie es sich für eine Industrie gehört, gib es ein einfaches Gesetz: Gut ist, was Geld macht. Die australische Freikirche Hillsong betreibt mittlerweile ein Multi-Millionen-Unternehmen, bald startet der hauseigene TV-Sender. Wachstum überall.

Sehen die Sänger der Band deshalb so toll aus, weil sie besonders blessed sind, oder weil sich das besser vermarkten lässt? Warum fällt es schwer, ein christliches Musikvideo von einem H&M-Werbespot zu unterscheiden?

Mich treibt die Überzeugung, dass Musik der sinnlichste Teil des Gottesdienstes sein kann. Mich drücken Bedenken, wenn daraus eine perfekte Show gemacht wird, deren Unterschied zu einem Coldplay-Konzert sich nur am häufigeren Halleluja, Jesus! finden lässt.

Ein Text, den das Leben geschrieben hat und nicht die Experten eines Pop-Colleges, ist ehrlicher. Ein schräg gesungenes Lied, das von Herzen kommt, klingt schöner.

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5 Kommentare anzeigen

  1. gute Kritik, die viel richtiges benennt. Ich denke man müsste dann weiter nachdenken, was eigentlich GUTE Lobpreismusik ausmacht, und wozu sie da ist.
    Vielleicht schaffe ich es mal ein Moment Mal dazu zu schreiben, aber hier nur ein paar Beispiele für musikalisch und theologisch guten Worship, der zum gemeinsamen Singen in der Gemeinde gedacht ist. (Leider auf englisch, was auch ein unterreflektiertes Problem ist): http://www.purevolume.com/new/nathangrieser)
    https://soundcloud.com/thewalkingrootsband/carry-your-heart
    https://sethmartinandthemenders.bandcamp.com/track/church-song
    Zu dem Problem gibt es übrigens auch intensive Debatten in Kirchen, die Lobpreis machen, siehe etwa den sehr guten offenen Brief von J.K. Smith an Lobpreisbands: http://forsclavigera.blogspot.de/2012/02/open-letter-to-praise-bands.html oder die Diskussionen auf Patheos: http://www.patheos.com/blogs/afewgrownmen/2013/05/why-men-have-stopped-singing-in-church/

    • Danke für die schönen musikalischen und thematischen Hinweise. Du darfst den Faden gerne in kommenden Moment-Mals weiterspinnen :)

  2. Christopher

    Danke für den interessanten Beitrag. Ich kann Deine Bedenken teilweise nachvollziehen, sehe aber die Entwicklung nicht so problematisch. Aus meinen Erfahrungen aus Übersee habe ich für mich die Einsicht gewonnen, dass es in der großen weiten Welt längst einen „religiösen Markt“ und kirchliche Migration gibt, wohingegen Deutschland bestenfalls den Elfenbeinturm der Volkskirche darstellt.

    Es gibt nun einmal nicht wenige Menschen, die zu bestimmten Zeiten genau von dieser Art der Anbetung Gottes angesprochen und bewegt werden. Zu anderen Zeiten lassen jene sich dann – polemisch gesprochen – gewiss auch wieder von „O Haupt voll Blut und Wunden“, ungebügelten Beffchen und knackenden Kanzelmikrofonen zu Tränen rühren. Darüber hinaus habe ich in den Lobpreis-Gemeinden, die ich kennengelernt habe, mitbekommen, dass der Gottesdienst ganz stark als Dienst *für* Gott ausgelegt wird, während diakonisches Handeln, Seelsorge, Trauerarbeit, Hilfsgruppen etc. ihren Platz in der Woche haben. Sechs Tage geht es um die Menschen, ihre Sorgen und Probleme, da muss das nicht auch noch unbedingt am siebten Tag ausgewälzt werden, sondern man sollte davon mal wegkommen – so die Sichtweise.

    Das ist für eine Gesellschaft, in der das kirchliche Engagement hauptsächlich aus Handarbeitskreis und Bibelstunde besteht, nicht leicht nachvollziehbar. Aber wenn der Gottesdienst als Teil des gesamtkirchlichen (Er-)Lebens einer auch unter der Woche aktiven Gemeinde wahrgenommen wird, wird es verständlich. Abgesehen davon, dass ich die meisten Lobpreis lieder recht grausig finde …

    Gefahren sehe ich vor allem in der Propagierung eines Erfolgsmenschentums, von dem der Lobpreisgottesdienst auch ein Symptom sein kann. Und ich glaube das ist, was eigentlich mit dieser Kolumne kritisiert werden soll – dazu natürlich meine volle Zustimmung.

  3. Christian

    Warum immer das Haar in der Suppe suchen? Woher wollen Sie wissen wie sich jemand fühlt der ein bestimmtes Lied hört? Während meiner Krebserkrankung habe ich grad aus Lobpreisliedern Kraft und Hoffnung geschöpft. Hätte ich „alte“ Lieder gehört hätten die mich runter gezogen.

  4. Caro Hinsch

    Hallo Daniel,
    ich hab deinen Artikel gestern in einem Forum für LGBTTI-Christen gefunden. Dort gab es viele viele Leute, die total zustimmten und sich abgeholt fühlten. Dann habe ich den Artikel mit einigen Ex-Freikirchlern zusammen gelesen. Auch da… viel Zustimmung. Ich selber fand ihn auch treffend, da ich selbst meine Erfahrungen gemacht habe, daß man sehr einsam werden kann, wenn das Leben anders spielt als es im frommen Umfeld vorgesehen ist. Und daß es dann endlos nerven und auch sehr traurig machen kann, wenn die heile fromme Welt verzückt ihr perfektes Leben präsentiert…………..Also, auch von mir Zustimmung. Erst mal.

    Mit der Zeit dachte ich dann aber – ist es echt die Aufgabe einer Lobpreisband, jeden einzelnen Menschen zu coachen? Kann ich ihnen unterstellen, daß sie unehrlich sind, nur weil sie vielleicht noch nicht mit krassen Schicksalsschlägen umgehen mussten? Daß sie auch nicht jeden Sonntag morgen überlegen, wer welche Kämpfe hat, sondern auch ihr eigenes Leben haben? Ich denke, es ist eher die Aufgabe des Hirten(teams) in einer Gemeinde sicherzustellen, daß all die Bandbreite der Emotionen normal ist und Platz hat, und daß sich um Leute in schwierigen Lebensphasen gekümmert wird. Es gibt sogar Leute, die sagen, gerade, daß sie sich zeitweise von den eigenen Sorgen abwenden können, gibt ihnen dann wieder ganz viel Kraft den Alltag zu bewältigen und zwar mit Hoffnung.

    Mein Mann (Lobpreismusiker) wurde am Abend dann richtig sauer über den Artikel und sagte, in x Liedern wird über Lebensstürme und Wüsten geschrieben. Womit er auch recht hat.

    Aber: Warum spricht mich und viele andere Leute dann dein Artikel so an? Ich glaube, das Problem ist viel weniger der Lobpreis, sondern daß manche Leute die Schwäche haben, Leid nicht wahrnehmen zu wollen und sich oft abgrenzen, in dem sie denken, wenn sie nur fromm und heilig genug sind, dann wird ihr Leben perfekt, erfolgreich usw. Sie haben eine Heidenangst davor und wollen alles schnell wegsingen, wegpreisen usw. Und wer das nicht schafft, ist irgendwie ein Störfaktor für die heile Welt, und leider kommt das auch meistens dann rüber; Leute vereinsamen… und in Zeiten, in denen alle so eine tiefe, innige Zeit erleben, spüren die Ausgegrenzten und die Zweifler und die Fragenden und die, die ihre Sorgen grad nicht so toll loslassen können, sich meistens total traurig und einsam.

    Was natürlich überspitzt ist. Aber traurig und nicht im Sinne des Erfinders. ;)

    David und seine Psalmen zu verherrlichen finde ich auch nicht so treffend. Glaubst du, David hat das Leid seiner Nebenfrauen interessiert? Er hatte eine tolle Beziehung zu Gott, viel Empathie zu seinen Mitmenschen hatte er nicht. Er wär mir kein Vorbild als Gemeindeleiter.
    Und als Lobpreisleiter auch nicht unbedingt. Nicht, wenn ich Empathie von ihm erwarten würde. Ich nehme aus den Psalmen raus, daß man mit Gott über alles reden kann, sogar seine üblen Rachephantasieen spinnen kann. Hilfreich für andere ist das eher nicht, sie anzuhören.

    Ich nehm deine Kritik ernst, und hab auch Lieder, die etwas rauer oder melancholischer sind lieber und diese Tendenzen, eine Heile Christenwelt darzustellen sind schon gefährlich. Weil sie die reale Welt so gern aus den Augen verliert.

    Aber es ist gut, fair zu bleiben, und nur weil jemand schön ist oder erfolgreich oder radiotauglich oder ein guter Musiker, ist er nicht automatisch daran schuld, wenn Christen einander enttäuschen.

    Liebe Grüße

    PS: In was für einer Gemeinde bist du denn? Und wie löst ihr diese Probleme? Allein durch alte Lieder wahrscheinlich nicht.

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