Es gibt keine Alternative zur Ökumene! Ein Interview mit Lucas Dinter über Ökumene und studentische Zusammenarbeit
Das Neue Rathaus in München (Foto: Max Melzer)

Vom 20. bis 22. Mai 2016 wird in München die erste ökumenische Tagung der großen Studierendenvertretungen stattfinden. Dabei sein werden die katholische AGT (Arbeitsgemeinschaft Theologie), der SETh (Studierendenrat Evangelische Theologie) und orthodoxe Studierende. Um vorab darüber zu informieren, habe ich mich mit Lucas Dinter, dem Gesamtleiter der Tagung und Mitglied im Vorstand der AGT, unterhalten.

theologiestudierende.de: Wie kam es zur Idee dieser bis jetzt noch nie dagewesenen ökumenischen Tagung?

Lucas Dinter: Im Sommersemester 2014 war ich in Berlin als Vertreter der AGT bei der Vollversammlung des SETh zu Gast. Ich war von der Herzlichkeit überwältigt, mit der ich aufgenommen wurde. Ich durfte gleich in allen Arbeitsgruppen mitmischen, bekam umgehend Rede- und Stimmrecht und habe viele wunderbare Menschen kennen gelernt. Damals hatte ich mich gefragt, warum es keine gemeinsamen Veranstaltungen von SETh und AGT gibt und war beschämt zu hören, dass eine vertiefte ökumenische Zusammenarbeit bis dato vor allem an den Katholiken scheiterte. Als ich dann im Herbst 2014 in die Leitung der AGT gewählt worden bin, habe ich das Thema Ökumene auf die Agenda der AGT gesetzt und die gemeinsame Tagung vorgeschlagen.

Wie sollen sich die Konfessionen begegnen? Was wird gemeinsam gemacht?

Ökumene lebt von Begegnung. Es braucht Raum, in dem man die verschiedenen Mentalitäten, Traditionen und theologischen Standpunkte kennen lernen und diskutieren kann. Bei der Planung haben wir deshalb darauf geachtet, dass es ausreichende Zeitfenster gibt, damit sich die Teilnehmenden begegnen können. Gemeinsamkeit soll zudem durch ökumenische Gottesdienste und Andachten erfahrbar werden, die verschiedene Bischöfe der Konfessionen mit uns feiern.

Inhaltlich wollen wir die gemeinsamen Herausforderungen in den Blick nehmen:

  1. Die gesellschaftliche Situation: Die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums verschwindet. Welchen Platz haben Christen noch in der Gesellschaft? Wo und wie werden die heutigen Theologiestudierenden in Zukunft wirken und arbeiten? Diese Fragen wollen wir mit dem Referenten für Kirchenfragen der Bundesregierung und der Europäischen Union beleuchten.
  2. Die Situation der Hochschulen: Die Zahl der Theologiestudierenden geht insgesamt zurück. Einige Hochschulen und Fakultäten sind bereits geschlossen worden, weitere Standortschließungen werden bereits diskutiert. Zusätzlich kämpft die Theologie mit der praktischen Umsetzung der Bologna-Reform  (Modularisierung etc.). Hier gibt es bei den Studierenden viele Fragen und Redebedarf. Wir wollen dafür ein Forum bieten.
  3. Unser Highlight ist ein Workshop mit dem Zentrum für ökumenische Forschung (ZöF). Das ZöF ist einmalig in Europa und bemüht sich um die theologische Verständigung und Überwindung von kirchentrennenden Lehrdifferenzen. Der Workshop wird uns in das Herzstück der ökumenischen Diskussion führen. Wie ist der Stand der Ökumene? Was sind die Probleme? Wo hakt es? Wir freuen uns, dass mit Prof. Dr. Bertram Stubenrauch (katholisch), Prof. Dr. Athansios Vletsis (orthodox) und Prof. Dr. Jörg Lauster (evangelisch) drei Top-Systematiker Rede und Antwort stehen werden.

Darüber hinaus werden auch die Gremien ein wenig Zeit für Ihre Arbeiten und Anliegen bekommen. Allerdings wird bei dieser Tagung die Ökumene im Vordergrund stehen und sich damit vom Programm der klassischen Bundesvollversammlungen der Gremien unterscheiden.

Kann man an der Tagung teilnehmen, auch wenn man nicht Delegierter für AGT oder SETh ist?

Jeder Studierende ist herzlich willkommen – und vor allem auch erwünscht. Die Studierenden von heute werden schließlich morgen Ökumene gestalten.

Lucas Dinter

Lucas Dinter (Foto: privat)

Wo siehst du mögliche Begegnungs- und Anknüpfungspunkte in der Zukunft für die Theologiestudierenden beider Konfessionen?

Ich persönlich glaube, dass es keine Alternative zur Ökumene geben wird. Die Abwärtsentwicklung des Christentums in Deutschland ist dramatisch. Wenn wir als Christentum und Theologie noch eine Stimme in einer pluralen Gesellschaft haben wollen, werden wir uns aufeinander zubewegen müssen. Die Diskussionen und vor allem die Empfindlichkeiten vorheriger Generationen über mögliche Begegnungs- und Anknüpfungspunkte, denen man sich in Zukunft irgendwann vielleicht einmal widmen wird, können wir uns schlicht nicht mehr leisten. Entweder, wir ziehen an einem Strang oder das Christentum wird bedeutungslos werden.

Wo siehst du persönlich die Chancen und auch die Knackpunkte der Ökumene?

Eine Kirche, in der sich alle einig sind, wird es nicht geben. Das ist Idealismus und gab es auch schon im Urchristentum nicht, wenn man sich die nachösterlichen Berichte, zum Beispiel vom Apostelkonzil, anschaut. Das Christentum hält aber unterschiedliche Standpunkte aus. Auch heute schon sieht der Katholizismus in Afrika anders aus, als in Deutschland. Bei den evangelischen Landeskirchen kann man bereits große Unterschiede beobachten, wenn man sich Gemeinden in Nord- und Süddeutschland anschaut. Warum sollte das nicht auch in der Ökumene möglich sein?

Wer einmal die Konvergenzerklärungen liest, die in den letzten 50 Jahren erarbeitet worden sind, stellt fest, wie nah man sich theologisch eigentlich ist. Das Hauptproblem besteht darin, dass diese Texte niemals umfassend rezipiert und umgesetzt worden sind. Darin liegt sowohl die Chance und der Knackpunkt für die Ökumene. Jede Konfession hat ihre eigene Identität und soll diese Identität auch behalten. Konvergenzen und Ökumene bedeuten keinen Identitätsverlust. Es mangelt da an Mut und Offenheit.

Worin hoffst du, dass die Tagung münden könnte?

Mut und Offenheit! Ich hoffe, dass die ökumenische Tagung ein erster Impuls für die Begegnung der Studierenden der verschiedenen Konfessionen sein kann und in ihnen die Lust für „mehr“ Ökumene weckt.

2017 ist Reformationsjubiläum. Was bedeutet Luther für dich?

Luther ist das Gesicht der Reformation. Er versinnbildlicht einen theologischen Befreiungsschlag, der dringend notwendig war, wenn man sich die ungelösten theologischen und innerkirchlichen Probleme anschaut, die seit dem Konzil von Konstanz verschleppt worden waren. Außerdem hat Luther durch seine Bibelübersetzung einen enormen Beitrag für die Entwicklung der deutschen Identität geleistet. Dafür muss man – auch als Katholik – Luther dankbar sein.

Zugleich möchte ich Luther nicht glorifizieren. Es gab neben Luther viele weitere Reformatoren, die wichtige theologische Impulse beigesteuert haben und auch in der damaligen katholischen Kirche gab es Theologen, die sich den Problemen und Herausforderungen nicht verschlossen. Man darf zudem nicht übersehen, dass der Mann sich auch unrühmlich verhalten hat, wenn man an seinen Antisemitismus oder seine Rolle in den Bauernkriegen denkt.

Möchtest du noch etwas sagen?

Ich möchte vor allem Danke sagen, dass sich sowohl der SETh als auch die AGT auf das Experiment der gemeinsamen Tagung einlassen und hoffe, dass viele Studierende im Mai nach München kommen und wir dort zusammen Ökumene erleben. Daher möchte ich an dieser Stelle noch einmal alle Theologiestudierenden herzlich zu unserer gemeinsamen Tagung nach München einladen! Ein besonderer Dank gilt all unseren Förderern, Sponsoren und Unterstützern, ohne die diese Tagung nicht realisierbar wäre. Persönlich möchte ich besonders Lina Neeb, meiner Partnerin beim SETh, für die wundervolle Unterstützung und Kooperation danken.

Vielen Dank für das Gespräch und besonders für dein Engagement!


Weitere Informationen, Programm und Anmeldung:

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.