Christen am rechten Rand Über Schnittmengen von Konservativismus und Rechtsextremismus
Foto: Caruso Pinguin (CC BY-NC 2.0)

Deutschland braucht einen Geist der Zuversicht“, sagt der EKD-Vorsitzende Bedford-Strohm. „Bleibt in der Kirche und betet“, meint Marita, „Haltet eure Fressen die Kirche hat sich rauszuhalten denkt an die Hexenverbrennungen“, führt Heidemarie fort. Uschi kombiniert die Anliegen geschickt: „Die Pfaffen sollen BETEN und sich aus der Politik raushalten“.

Das gesellschaftliche Klima ist – milde gesagt – angespannt. An Dialog und Diskussion ist schon lange nicht mehr zu denken, stattdessen fliegen giftige Pfeile. Auch in christlichen Gemeinschaften und Kirchen geht es heiß her, denn auch hier spiegelt sich die Gesellschaft.

Auf der einen Seite gibt es die unzähligen Ehrenamtlichen, die Kleines und Großes leisten, um ankommende Menschen willkommen zu heißen, es gibt ranghohe Kirchenvertreter, die sich in die politische Debatte einmischen. Dann gibt es natürlich auch diejenigen, die eher Bedenken statt Lebensmittelkörbe tragen. Sie empfinden die Verlautbarungen der Kirche womöglich etwas einseitig, würden gerne ihre Fragen besprechen.

Der rechte Rand

Aber dann sind da auch diejenigen, die lautstark aufbegehren. Scharf schießen sie gegen die „Einmischung in die Politik“, gegen „Hetze gegen AfD“, gegen die „links-versiffte EKD“. Es wäre zu kurz gedacht, dafür nur die aktuelle politische Situation verantwortlich zu machen. Auch, als das Thema der Flüchtenden noch keine Rolle spielte, gingen Menschen auf die Straße, um lautstark gegen „Homosexualisierung“ und „Gender-Gaga“ im Speziellen und  gegen die „Politische Korrektheit“ im Allgemeinen zu demonstrieren. Schnittmengen zu rechten Gesinnungen sind im konservativen Christentum seit jeher vorhanden.

Der hitzige Diskurs dieser Tage macht die Gräben nur deutlicher sichtbar, die sich schon lange durch die Gemeinden ziehen. Und es scheint, dass einige Christen geradezu erleichtert sind, nun endlich sagen dürfen, was man angeblich „nicht mehr sagen darf“. Endlich alle Vorurteile loswerden, die man schon immer gegen Muslime hegte, endlich abrechnen mit der linken Politik der Bundesregierung und vor allem mit der Kirche, die sich dem Zeitgeist nicht entgegenstellt.

Die politische Rechte besetzt viele der Themen, bei denen konservative Christen sich von Kirche und Politik allein gelassen fühlen. Einige folgen bereitwillig neuen politischen Bewegungen, die sich gegen interreligiösen Dialog mit dem Islam, gegen gleichgeschlechtliche Liebe, gegen Abtreibung und gegen Zuwanderung positionieren. Dass sich in diesen Bewegungen – Pegida, AfD, nennen wir das Kind beim Namen – hinter der konservativen Fassade längst Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit ausgebreitet hat, wird bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls beklatscht.

Auf der Facebook-Seite der Bundesvereinigung Christen in der AfD, unter Beiträgen auf idea.de und anderswo melden sich diese ChristInnen zu Wort. Vieles, was sich dort findet, lässt Anstand vermissen und überschreitet oft die Grenze zur Beleidigung. Dabei erschreckt der Ton, mit dem die eigene Vorstellung vom rechten Christentum und wahrer Kirche verteidigt wird. Nachfolgend werden die Themen vorgestellt, bei denen sich Konservatismus und Rechtspopulismus überschneiden,  jeweils unterfüttert durch beispielhafte Kommentare. (Natürlich gibt es auch ausgewogene, neutrale und sachliche Kommentare. Die wiedergegebenen Kommentare sollten weniger als Belege als als Illustrationen verstanden werden.)

Thema: Islam

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Rene, der die Kirche davor warnt, „Islamistische Schwanzlutscher“ zu werden, sieht sich vielleicht nicht als Christ. Trotzdem findet er, wie William oder Rolf-Arno, dass die Kirche zu viel für Muslime, zu wenig für ChristInnen tut. Nahezu allen Kommentaren ist die Angst gemein, der Islam – das Böse – nehme in Deutschland überhand.

Bedford-Strohm, er kann einem Leid tun, bekommt diese Angst besonders deutlich zu spüren, weil er im Kuratorium des Münchner Forums für Islam mitwirken möchte. Der Tagesspiegel widmet dem Shitstorm aus der Kirche einen Artikel (hier).

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Die Bosheit des Islams wird begründet mit dem Terror des IS, mit hässlichen Zitaten aus dem Koran oder der Unterdrückung der Frau. Die Frage, wie sehr sich der christliche Konservativismus um die Gleichberechtigung der Frau verdient gemacht hat, sei dahingestellt.

Nicht aber die Frage, ob Christen in Flüchtlingsheimen von Muslimen bedroht werden. Eine Vielzahl von Berichten (ZEITonline 2014, DIE WELT 2015, DIE WELT 2016) schildert die fortbestehende Diskriminierung christlicher Geflüchteter. Christenverfolgung ist in der Tat ein ernstes Thema, und beide großen Kirchen versuchen mit ihren internationalen Diensten die Not zu lindern.

Nicht genug, finden einige. Sie fordern scharfe Verurteilung und Abgrenzung zum Islam, der für diese Taten verantwortlich gemacht wird. Diese Kritiker zeigen, dass ihnen das Engagement für ihre verfolgten Glaubensgeschwister weniger wichtig ist als das gegen den Islam. Und gegen die Zuwanderung muslimischer Menschen.

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Thema: Flüchtlingspolitik

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idea.de, das Online-Angebot der christlichen Nachrichtenagentur idea „möchte dazu beitragen, der christlichen Botschaft in den Medien einen größeren Stellenwert einzuräumen“ (hier). Momentan bietet man den größeren Stellenwert allerdings der AfD und der Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung (Muss die Bundesregierung ihre Flüchtlingspolitik ändern?AfDAfDAfD…), in den Kommentatoren geht es heiß her.  Selbstverständlich darf man Kritik am politischen Handeln äußern, aber Neid auf den „gut beschuhten“ Flüchtling, der selbst Schuld am Tod sei, wenn er die Grenze illegal übertritt, weil die Bundesregierung die „Nationalsstaatszerstörung“ betreibt, schießt über das Ziel hinaus. Und – meiner Meinung nach – auch an den Kernthemen christlichen Glaubens vorbei: Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Thema: Kirche und Politik

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Politische Äußerungen prominenter Vertreter der beiden großen Kirchen ziehen oft pauschale Kritik nach sich. Religion habe sich aus der Politik herauszuhalten, weil Kirche und Staat getrennt seien. Kirche solle nicht politisch, nur seelsorgerisch und betend aktiv sein. Besonders laut wird die Kritik, wenn die Meinung der Kirchenvertreter nicht zur eigenen politischen Überzeugung passt. Das zeigt sich besonders bei kritischen Stellungnahme zur AfD.

Über die AfD

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Wie widersprüchlich die Kritik an der Kirche sein kann, zeigt sich im letzten Kommentar: „Wenn die Kirchenvertreter sich endlich mal aus der Politik raushalten würden, wäre das ein Segen für uns alle“. Dies gilt jedoch nur für einige Vertreter: „Die guten Priester, die ich kenne, sind der Meinung von AfD und Pegida…“. Kirchenvertreter dürfen sich also politisch äußern, solange es zum eigenen Weltbild passt.

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„Pastor Tscharnke zum Beispiel ist ein gutes Beispiel. Ein Kämpfer für die AfD !“, meint Simon. Der Pfarrer in der Evangelischen Freikirche Riedlingen nutzt seine Predigten, um vor „einfallenden räuberischen Horden“ zu warnen, die sich „von unserem Vermögen, von dem, was wir mühsam erworben haben“. Von der Kanzel verbreitet Tscharnke – das gute Beispiel – Gerüchte über Flüchtlinge, die Supermärkte überfallen oder mit Geldbündeln in den Taschen nach Deutschland einwandern, nachzulesen hier.

Jutta kommentiert: „Vielen Dank für ihre Gebete für die AfD!! Ich mache es auch!“

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Über Linke und Grüne

Von der AfD, die „wieder Recht u. Ordnung in unser Land“ bringt, zu den Parteien, die „für den Niedergang der christlichen und gesellschaftlichen Werte“ verantwortlich sind, den „linksextremen Altparteien, auch die CDU“.

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Wieder gilt: die Politik dieser Parteien steht selbstverständlich zur Debatte. Doch die Darstellung, dass die EKD oder die DBK würden links-grüne Parteipolitik betreiben, wird der Vielfalt dieser Gremien nicht gerecht. Dort sitzen liberale Geistliche und konservative Theologen. Die Annahme, ranghohe Kirchenvertreter würden sich nur von parteipolitischen Interessen leiten lassen, spricht diesen das eigene (theologische, politische) Urteilsvermögen ab.

Hier liegt das Problem: versöhnende Stimmen gehen im hitzigen Klima unter, aber Online-Medien und Kommentatoren sind auf der Suche nach dem größten Empörungspotential. Statt konstruktiv über die Rolle der Kirche im gesellschaftlichen Diskurs nachzudenken, setzen sich (partei-) politische Streitereien in der kirchlichen Arbeit fort.

Was heißt das für die Kirchen?

Im Gespräch bleiben und zuhören. Genau zuhören und einschreiten, wenn sich Menschenfeindlichkeit äußert. Erklären, warum sich christlicher Glaube und politische Aktivität nicht ausschliessen. Diskutieren, was christliche Ethik zum Umgang mit Fremden sagt. Das gilt für jedes Kirchenmitglied, vom Landesbischof bis zur Laienschwester.

Es scheint, als spaltet das Thema der Geflüchteten die deutsche Politik und die deutsche Gesellschaft. Wie oben beschrieben halte ich dies jedoch nicht für die Ursache des Konflikts, lediglich den Auslöser. Die Konfliktlinie verläuft vielmehr zwischen Menschen, die gesellschaftlichem Wandel kritisch gegenüberstehen und jenen, die sich aktiv an diesem beteiligen.

Nicht viele, die Sorgen haben über gesellschaftliche Entwicklungen, äußern sich in der hier dargestellten Radikalität. Für diese – tatsächlich – besorgten Christen muss in den Kirchen Platz sein. Falls nicht, entfremden sich noch mehr Kirchenmitglieder von „ihrer“ Kirche und suchen sich eine neue Heimat und andere Orientierungshilfen. Wie geschickt rechte PolitikerInnen heimatlos gewordene ChristInnen umgarnen, zeigt sich beim Erfolg der Demo für Alle, bei der die AfD kräftig mitwirkt. Das strittige Thema Homosexualität mobilisiert evangelikale und konservative ChristInnen, so dass sie bereitwillig hinter dem Banner der AfD marschieren. Die Furcht vor dem Islam lockt verängstigte ChristInnen zur Pegida-Bewegung, so dass sie bereitwillig dumpfen Nationalismus mittragen. Auch in Form eines schwarz-rot-goldenen Kreuzes.

Die Kirchen müssen davor keine Angst haben. Im Gegenteil, gerade jetzt sollte das Engagement für verfolgte Glaubensgeschwister noch offensiver präsentiert werden, das Eintreten für eine solidarische und hilfsbereite Gesellschaft noch leidenschaftlicher begründet werden, das Gespräch mit Zweiflern noch liebevoller geführt werden.

Denjenigen aber, die menschenverachtende Parolen und nationalistische Politik betreiben, muss noch klarer gemacht werden, dass sie sich in ihrer Argumentation nicht auf eine gemeinsame christliche Kultur berufen dürfen. Diese Gemeinsamkeit existiert nicht.


  • Auf ZEITonline analysiert Anne Hähnig die Haltung der Evangelischen Kirche in Sachsen zu den Themen Pegida und Homosexualität: hier
  • In der F.A.S. beschreibt Liane Bednarz die Verbindung von Evangelikalen und der AfD: hier
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7 Kommentare anzeigen

  1. Gast

    Sorry, aber was haben Christen eigentlich (generell) mit Politik zu tun?
    Jesus hat gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Ich dachte immer Salz ist gut zum würzen. Und was ist mit der Liebe untereinander? Ich sehe fast nur noch Steinsäulen. Und dann diese politische Korrektheit. Was hat das in den Kirchen zu suchen???

    • Spassheide

      Wieso? Sollen sich Christen/Kirchen etwa nicht politisch betätigen dürfen, weil sie das Salz der Erde sind? Sorry, aber sie sind nicht nur das Salz dieser Erde sondern auch Teil der Gesellschaft. Und das herausragende Kennzeichen unserer demokratischen Gesellschaft ist, dass jeder eine politische Meinung haben und vor allem auch vertreten darf. Das gilt dann auch für die Kirchen, die dann wie jede andere Organisation ihre Richtung, die sie predigen, auch politisch geltend machen darf. Wem das nicht passt kann ja austreten.
      Und welche politisch Korrektness? Die Barmherzigkeit, die die Kirchen auch schon vor der Flüchtlingskrise gepredigt haben?

      • Spassheide, Glückwunsch zur Namenswahl erstmal. Ich stimme dir in allem zu, bis auf den Teil, „wem das nicht passt kann ja austreten“. Mir gefällt es, wenn auch innerkirchlich Pluralität gelebt wird, Diskussionen hitzig sind und am Ende trotzdem zusammen unter einem Dach ihre Feste feiern.

  2. Hallo Gast, spannende Fragen hast du da. Ich geb dir Recht, dass sich die Christenheit hierzulande nicht durch die Liebe untereinander hervortut. Ich sehe in politischer Korrektheit die Möglichkeit, eine Sprache zu benutzen, die alle einschließt und niemanden verletzt. Von daher passt das für mich ganz gut in die Kirche. Eine solche Art der Sprache, nenn es gern politische Korrektheit, ist für mich Bestandteil eines liebevollen Miteinanders.

    Salz der Erde zu sein heißt für mich nicht, in einer Fleischbrühe zu baden, sondern für eine gerechtere Gesellschaft einzutreten. Klar, dass dazu auch politisches Engagement gehört.

    • Florian Meier

      Hm, politische Korrektheit im Sinne des Nichtverletzens ist sicher gut. Andererseits steht gerade der Protestantismus auch für eine klare, verständliche Sprache für jedermann und -frau. Manche Sprachakrobatik mag die vermeintlich oder tatsächlich früher Geschmähten befriedigen, aber man muss dabei aufpassen nicht in sprachliche Filterblasen einzutauchen und sollte den Sinn für Ästhetik und Lebensnähe dabei nicht vernachlässigen. Bezüglich Kirche und Politik: Hier sollte man einfach in die Bibel sehen. Zwar heißt es auch: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, aber ansonsten wimmelt es dort von Politik: Die Befreiung Israels aus der Knechtschaft, das Buch Esther, die Propheten, die Tempelreinigung, das Salomonische Urteil usw. Richtig ist für mich, dass die Kirche nicht die Baugenehmigung jeder Hundehütte kommentieren muss, richtig ist für mich auch, dass sie sich nicht mit weltlicher Macht zu sehr gemein machen soll. Es ist aber auch so, dass Christ sein nicht bedeuten kann im stillen Kämmerlein zu beten und auf die Besserung der Welt nur zu hoffen. Das zeigt das Beispiel der Apostel und Jesu selbst. Christ sein heißt für mich immer auch in die Öffentlichkeit zu treten und in die Gesellschaft zu wirken, zu Vergebung und Hoffnung aufzurufen ohne Rücksicht, ob das gewollt ist oder eher abgelehnt wird.

  3. Spassheide

    Die Kirchen erhalten ihr politisches Gewicht durch die Mitgliedschaft. Wie sonst als durch Austritt kann/soll man der Gesellschaft/Politik klar machen, das bei konträren Positionen die Kirchen nicht für mich sprechen?
    Da schieße ich mir doch selbst ins Knie.

    • Florian Meier

      Wie wär‘ es mit Diskurs, Überzeugungsarbeit? In unserer Gemeinde führen wir öfter Diskussionen mit Muslimen, wobei es über persönliche Bekanntschaft auch gelungen ist recht islamkundige Gesprächspartner zu finden, so dass es nicht zu einseitig wird. Man kann dabei meist viel lernen. Vor allem auch, dass Muslime ebenfalls Ängste vor Extremismus haben und keinen einheitlichen Block bilden. Dass manches Vorurteil begründet ist aber nicht alle und manche auch wenig gläubig sind. Und man schaut auch noch einmal neu auf den eigenen Glauben und seine Entwicklung. Es gibt keinen Grund die Flinte gleich ins Korn zu werfen. Vor dem Austritt kann man immer noch mit dem Pfarrer reden oder dem Dekan, der Synode oder dem Bischof böse Briefe schreiben. Das setzt freilich voraus, dass man sich eh nicht schon längst innerlich verabschiedet hat. Aber auch dann steht die Tür noch offen. Taufscheine und Kirchenbeitragsquittungen werden an der Kirchentür in der Regel nicht kontrolliert.

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