Krawall und Remmidemmi Karneval in Puno
Foto: Thomas Hornbrook

Es gehört zum guten Ton, sich im Auslandssemester in die Kultur des Landes zu stürzen. In Deutschland würde ich zwar lieber ehrenamtlich als Briefmarken-Befeuchter in der Post-Zentrale arbeiten statt zum Karneval in Köln oder Bayern zu fahren, kann mich aber in Peru der Einladung meiner KollegInnen nicht widersetzen. Es folgen drei Tage im Alkoholdunst, die – wider Erwarten – mehr Spaß machten als Briefmarken anzulecken.

Cheers! (

Cheers! (Foto: Thomas Hornbrook)

„Es ist Wochenende, Puno liegt nur acht Stunden Busfahrt entfernt, warum nicht zum Carnaval?“, fragen meine KollegInnen. „Weil ich in Deutschland selbst dann nicht nach Köln fahren würde, wenn man mir für die Fahrt einen Porsche schenken würde“ wird leider nicht als Argument anerkannt, ich werde mit zum Bus geschleppt. Während der Busfahrt tröste ich mich, dass sich das unter „Kulturerfahrung im Gastland“ verbuchen lässt.

Welcome to the biggest religious festival in South America! Hallo Puno, danke für die freundliche Begrüßung. Es regnet leicht, und schön ist die Stadt auch nicht. Ein Hauch von Marschmusik weht durch die Luft, wird stärker mit jedem Schritt Richtung Zentrum. „Lasst mich in Ruh“, grummele ich und versuche den Schlaf nachzuholen, der mir während der Busfahrt versagt blieb.

Mit ein bisschen Schlafvorrat, viel Reis mit Huhn im Bauch und dem subtilen Druck der KollegInnen traue ich mich schliesslich zur Parade. Es regnet noch immer, aber die leichtbekleideten Tänzerinnen und die Musiker in seltsamen Anzügen lassen sich die Laune davon nicht verderben.

Apropos Laune: nüchtern komme ich hier auf keinen grünen Zweig, deshalb ziehe ich mich mit dem angelsächsischen Teil der Belegschaft in eine Bar zurück. Pisco Sour ist ein Cocktail aus rohem Eiweiß, Limettensaft und Traubenschnaps, der deutlich besser schmeckt, als seine Zutaten vermuten lassen. Pisco Sour hat sich als zuverlässigster Weg aus dem Stimmungstief bewährt, und auch jetzt verfehlt er seine Wirkung nicht.

Es ist bereits dunkel, als wir die Bar verlassen. Auf den Straßen im Zentrum tobt jetzt eine wilde Fiesta, angetrieben von den durchziehenden Marschkapellen. Am Straßenrand tanzt und trinkt das Volk, mir hält jemand eine Flasche des billigsten Rums unter die Nase. Es beginnt Spaß zu machen, ich beginne mitzutanzen.

Foto: Daniel Fetzer

Nass, kalt, egal (Foto: Daniel Fetzer)

Um kurz nach Zwei in der Nacht endet der Umzug. Feiere ich hier schon sieben Stunden mit? Hinter der letzten Tanzgruppe, der man deutlich die Strapazen des stundenlangen Tanzens und Alkoholkonsums anmerkt, zieht das Publikum zur Plaza, wo weiter getanzt wird. Peruaner und Gringos, arm und reich, das spielt hier keine Rolle, alle teilen großzügig aus: Bier, Körperflüssigkeiten, Fäuste. Rauschendes Fest.

„Das war nur der Probelauf, heute und am Montag geht es erst richtig los“, lacht die Bedienung, als wir unser Katerfrühstück einnehmen. Es ist 14 Uhr, und ich kaufe mir eine Flasche Rum, um die Musiker einzuladen und ihre Instrumente auszuprobieren. Den Nachmittag verbringe ich Pauken-trommelnd und Tuba-blasend, der Abend und die Nacht gleichen der vorigen, außer dass mir ein Musiker nach dem Anstoßen erzählt, er mag die Deutschen, weil er die Juden hasst. Ich gehe früher und nüchterner als geplant ins Bett.

Fiesta Peruana (Foto: Thomas Hornbrook)

Der Montag grüßt mit Sonnenstrahlen, alles strahlt. Tatsächlich, heute ist alles zwei Nummern opulenter; die Kostüme, das Publikum und die Grillstände am Straßenrand. Der Kater in mir fasst den Vorsatz, heute nichts zu trinken, verliert aber den Kampf mit den großzügigen Peruanern. Tja, so wird auch der dritte Feiertag vom Alkohol geschwängert.

Irgendwann regnet es so heftig, dass das Wasser in den Straßen den Müll wegreißt. Irgendwie rette ich mich mit einer Amerikanerin in ein Restaurant, irgendwie schaffen es die dort im Kreis sitzenden Biertrinker, mir noch mehr Bier anzudrehen, und irgendwie vergesse ich die Zeit und die KollegInnen, so dass mein Bus ohne mich zurückfährt.

Mierda, hat der Karneval Spaß gemacht“, denke ich, als ich im letzten Bus zurück nach Arequipa sitze. Zufrieden danke ich innerlich dem Bafög-Amt für die freundliche Unterstützung und den KollegInnen für das Zwingen zum Glück. Aber – nur zur Klarstellung – Karneval in Köln findet weiterhin ohne mich statt.