Ein unverhofftes Wiedersehen Begegnungen in der Flüchtlingshilfe

Seit Jahren versuchen tausende Menschen nach Europa zu fliehen, in der Hoffnung auf ein Leben in Frieden. Seit circa zwei Jahren ist dieses Phänomen immer mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit gekommen und seit letzten Sommer der Flüchtlingsstrom auch Deutschland erreichte, ist die sogenannte “Flüchtlingskrise” in aller Munde.

Meine eigene Auseinandersetzung mit der Flüchtlingskrise begann, als ich im Sommer 2014 auf Lesbos war und viele Flüchtlinge traf, die hofften, nun in der Europäischen Union in Sicherheit zu sein.

Letzte Woche war ich in Calais, wo mindestens 4000 Flüchtlinge in einem inoffiziellen Camp leben, das alle nur “the jungle” nennen. Dort arbeitete ich in einer Suppenküche, dem Ashram Kitchen. Zusammen mit anderen Freiwilligen aus ganz Europa und einigen Geflüchteten, kochten wir jeden Tag zwei Mahlzeiten für circa fünfhundert Menschen. Beim Kochen lernten wir einander kennen, machten Witze und fast vergaß ich, dass dies nicht die Vokü eines Festivals war, sondern eine humanitäre Katastrophe.

Es ist eine humanitäre Katastrophe. Mitten in Europa gibt es ein Flüchtlingslager mit mindestens viertausend BewohnerInnen, um die sich kein Staat kümmert.

Sie wollen ins Vereinigte Königreich, werden dort aber nicht reingelassen. Man möchte “keine falschen Anreize setzen”. Als ob Menschen sich wegen der Anreize auf den Weg machten. Sie fliehen vor Krieg, Folter und Verfolgung.

Der französische Staat, insbesondere die lokale Verwaltung, sieht die Flüchtlinge vor allem als Problem, das es zu beseitigen gilt. Nachdem den Flüchtlingen verboten wurde, irgendwo anders zu bleiben, sammelten sie sich auf einer ehemaligen Müllkippe. Vom Staat ignoriert, kamen ihnen nur Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen zu Hilfe sowie hunderte Freiwillige, die angesichts der Not teilweise ihre Arbeit aufgaben, um dauerhaft den Flüchtlingen in Calais beizustehen. Durch kontinuierliche Spenden an Essen, Baumaterialien und Geld konnten sie eine Grundversorgung sicherstellen und tauschten die größtenteils zerstörten Zelte durch winterfeste Hütten aus.

Angesichts des massiven staatlichen Versagens in der humanitären Versorgung schutzbedürftiger Flüchtlinge, stellen sich – wie überall sonst in Europa – BürgerInnen der Aufgabe, Menschen mit Essen, Kleidung und Obdach zu versorgen. Die Flüchtlinge selbst organisieren sich und arbeiten jenseits ethnischer und religiöser Identitäten zusammen, um Frieden zu bewahren, trotz des Stresses und der Konflikte, die in einer solchen Situation unweigerlich aufkommen.
Gleichzeitig sieht die Polizei tatenlos zu, wie Rechtsextreme nachts Flüchtlinge ausserhalb des “Dschungels” angreifen.

Es gäbe viele kleine Geschichten zu erzählen. Geschichten, die traurig machen und wütend, aber auch viele Geschichten von aufopfernder Solidarität und außergewöhnlicher Schönheit. Ich möchte hier nur kurz von Ibrahim* erzählen.

Als ich im Sommer 2014 auf Lesbos war, traf ich Ibrahim aus dem Sudan, der über Darfur, Ägypten und die Türkei nach Griechenland gekommen war. Als Sudanese wurde sein Antrag auf Asyl lange nicht bearbeitet, weshalb er zehn Monate lang in Griechenland feststeckte, aber ohne Geld auch nicht weiterreisen konnte. Über Facebook schrieb ich ab und zu mit einem seiner Freunde, Ibrahim aber verlor ich aus den Augen. Bei der Essensausgabe im Ashram Kitchen stand er mir plötzlich gegenüber. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber er erkannte mich sofort.

Es war eine seltsame Begegnung: Freude des Wiedersehens, und gleichzeitig musste ich mit den Tränen kämpfen. Seit fast zwei Jahren ist Ibrahim unterwegs, um ein sicheres und gutes Leben zu leben, und immer noch ist er gezwungen, in einem Slum zu leben und von der Hilfsbereitschaft anderer Menschen abhängig zu sein. Mitten in Europa.

Ibrahims Geschichte fasst vieles zusammen, das in vielen Gesprächen über die Flüchtlingskrise fehlt: Der unglaubliche Wille, Grenzen zu überwinden, die jede Diskussion über Grenzsicherung obsolet machen. Grenzsicherung heisst nur, dass Menschen in ihrem Streben in Sicherheit zu leben, größere Risiken eingehen müssen. Aber niemand, der nichts mehr hat, wird dadurch von seinem Plan abgebracht. Die menschlichen Schicksale, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen. Und das Potenzial von Menschen; die so viel für ein Leben in Europa riskiert haben.

Wie würde eine Politik aussehen, die sich an diesen Fakten orientiert?

Nachtrag: Einen Tag nachdem ich Ibrahim wiedergetroffen habe, verkündete der Regionalpräfekt Pläne, ab dem 22.Februar die südliche Hälfte des Camps zu räumen. Hier sind die meisten Menschen sowie die wichtigsten Treffpunkte und psycho-sozialen Einrichtungen: Jugendzentren, Schulen, Moscheen, und sogar eine Kirche. Stattdessen sollen die Flüchtlinge in ein umzäuntes Containercamp ziehen, für das sie sich registrieren müssen. Sie befürchten, damit ihren Anspruch auf Asyl in England zu verlieren.

Das Containercamp ist allerdings auch viel zu klein, und selbst die restlichen Erstaufnahmestellen in Frankreich haben nicht die Kapazität, alle BewohnerInnen des “Dschungels” aufzunehmen.

Die Regierung gibt zu niedrige Zahlen an und hofft, dass die Flüchtlinge einfach verschwinden. Aber selbst wenn sie gingen, werden sich ab dem Frühjahr wieder Menschen auf den Weg machen. Calais ist ein Grenzort und wird damit immer Menschen anziehen, die eine Grenze überqueren wollen. Je schärfer die Grenze überwacht wird, desto mehr Menschen werden dort stecken bleiben. Das Containercamp hat viel zu wenig Platz und nimmt die Forderungen der Flüchtlinge nicht ernst.

Ibrahim wird weiter versuchen, nach England zu kommen und spätestens im Frühsommer wird es einen neuen “Dschungel” im Umfeld von Calais geben.

Zweiter Nachtrag: Mittlerweile hat das Gericht die Räumung bis Dienstag vertagt, bis der Richter sich selbst ein Bild machen konnte. Hoffentlich wird die Räumung aufgrund des Wetters und der mangelnden Alternativen, insbesondere für die Kinder bis auf weiteres ausgesetzt.

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