Zwölf Jüngerregeln für das Lesen wissenschaftlicher Texte

Jeder kennt sie, diese Situation. Man sitzt in der Bibliothek, weil man eigentlich das NT-Seminar vorbereiten will, aber alles, wirklich alles ist ansprechender als das ellenlange Wortungetüm, was man da vor der Nase hat, zu lesen. Nun, euer Leid hat ein Ende, denn ich präsentiere euch zwölf Regeln, wie jeder noch so dröge Lernalltag zum vollen Erfolg wird! Seid ihr bereit? Na dann los!


Andreas (aka der Jünger, der hört, sich interessiert und nachfolgt, vgl. Joh 1,35–51)

Bevor du anfängst einen wissenschaftlichen Text zu lesen, atme erstmal tief durch. Fühle deine eigene Körpermitte und sage dir: Wer immer da auf der anderen Seite sitzt, hat es geschafft, 25 Seiten mit wichtig klingenden Worten zu füllen. Wann hast du das das letzte Mal geschafft? Vielleicht will er sogar etwas Sinnvolles über die Bibel, Jesus oder den Glauben sagen. All diese Dinge wirst du nicht mitbekommen, wenn du von vorneherein nicht zuhören möchtest. Also atme tief durch, freue dich, dass jemand etwas Erkanntes teilen will und lese den Aufsatz mit dem Respekt den er verdient.

Jakobus [Zebedäus] (aka der Jünger, der mit seinem Bruder unbedingt erster in allen Dingen sein wollte, vgl. Mk 10, 35–40)

Freue dich schon mal im Voraus! Die nächste Diskussion über das Thema wirst du gewinnen. Du wirst so viel Faktenwissen in dich aufgesogen haben, dass deinem Umfeld Hören und Sehen vergeht. Du hast die Möglichkeit, mehr zu wissen. Wissen was du in Arbeiten, Diskussionen, oder in der einen oder anderen Weinrunde ganz plötzlich loswerden kannst. Wenn dich jemand zu dem Thema fragt (und du bist Theologiestudent, irgendwann wirst du immer gefragt), kannst du tief einatmen und eine Fünfminutenpredigt halten, ob die anderen wollen oder nicht!

Simon Petrus (aka der Jünger, der schnell Verstandenes umsetzen will, ohne es ganz zu durchschauen, vgl. u.a. Mt 14,22–32)

Lass dich begeistern. So hast du die Dinge noch nie gesehen! Wer hätte gedacht, dass Jesus in Wahrheit ein eschatologischer-charismatischer Wanderprediger war, der in seiner Freizeit auch noch Dämonen ausgetrieben hat. Oder ein asketischer sanftmütiger Mann, der Tränen weinte, als er eine Ameise zertreten hatte. Oder ein ganz weltlicher Messias, der einen Aufruhr gegen die Römer anzetteln wollte. Der historische Jesus ist reine Spekulation und daher sehr vielseitig veranlagt. Lass dich auf die Gedankengänge ein und freue dich an ihrer Weisheit oder an ihrer Absurdität!

Thaddäus (existiert meines Wissens nur in den Jüngeraufzählungen, daher guter Anfangspunkt für Spekulation: er war Künstler in seiner Freizeit)

Markiere. Nichts ist befriedigender, als hinterher einen Text anzuschauen und zu sehen: wenn du auch nichts verstanden hast: du hast ihn wenigstens bunt angemalt. Ha! Schau dir diese Farben an – oh, zwischendurch ist das Rosa alle geworden. Du solltest unbedingt neue Marker kaufen.

Bartholomäus (siehe Thaddäus. Meine Vermutung: Er war Toraabschreiber)

Im selben Sinne ist es auch sinnvoll, sich die wichtigsten Stichworte an den Rand zu schreiben. Nichts macht mehr Spaß, als sich im Nachhinein darüber Gedanken zu machen, was man wohl mit dieser oder jener Randnotiz gemeint hat. Manchmal kannst du deinen Gefühlen auch freien Lauf lassen und ein gepfeffertes „UNSINN!!!“ an den Rand schreiben. Das ist sehr therapeutisch.

Thomas (aka der Jünger, der erst Sehen und dann Glauben will, vgl. Joh 20,24–29)

Schaue so viele Stellen wie nur möglich nach. Seien sie biblisch oder außerbiblisch. Vor allem die munter dahingeworfenen Stellen sind verdächtig (vgl. Jak 1,6; 1 Thess 5,21; Joh 20,29). Stimmt das denn alles? Wurden die eventuell aus ihrem Kontext gerissen, nur um ein historisches Argument zu untermauern und dabei schlau zu klingen? Das wollen wir doch mal sehen!

Simon [der Zelot] (aka der Jünger, der eifrig war und/oder einer militanten antirömischen Vereinigung angehörte, vgl. Zeloten im frühen Judentum; Mt 10,4)

Lass deinen Blutdruck steigen und sei ganz erzürnt darüber wie sehr wieder mal die Wahrheit verfälscht wurde. Schau dir das an: interpretiert man so einen Text?? Nein!! Hier wurden eindeutig die einfachsten Regeln der Textinterpretation verletzt! Warum muss man denn alles historisch runterbrechen? (Alternativen: Zu dogmatisierend vorgegangen, zu metaphorisch, zu allgemein, zu feinteilig UND warum muss man in Griechisch zitieren, da traut sich nur wieder jemand nicht zu übersetzen!!)

Matthäus (aka der Jünger, der eventuell auch Levi heißt, aber auf jedenfall mal zu hohe Zölle von armen Bauern verlangt hat, vgl. Mt 9,9; Lk 5,27)

Atme tief durch! Schreib eventuell etwas Therapeutisches an den Rand und versuche dich darauf zu konzentrieren, was der Autor eigentlich sagen wollte. Auch du formulierst nicht immer auf die schönste Art und Weise. Außerdem hat sich hier jemand offensichtlich lange Gedanken zu einem Thema gemacht.

Jakobus (Sohn des Alphäus, aka wieder ein Jünger der nur einmal in der Aufzählung vorkommt, jemand der offensichtlich Sohn ist und daher aus den Erkenntnissen längst vergangener Generationen schöpft, vgl. Lk 6,15)

Lies immer die Forschungsgeschichte! Es sei denn du hast keine Zeit, dann lies sie nicht. Ansonsten erfreue dich, wie eine einzelne Person erklärt, was andere gedacht haben, wie sie natürlich falsch lagen und wie jetzt die einzig wahre Wahrheit kommt. Es gibt Bonuspunkte für schnippische Bemerkungen über noch lebende Kollegen. Den maximalen Spaß holst du raus, wenn du dir dabei den Autoren mit der hochnäsigsten Stimme und einem konstanten Augenverdrehen vorstellst.

Phillippus (aka der Jünger, der die Fragen aller Fragen gestellt hat: Verstehst du eigentlich, was du da liest? Apg 8,26–40)

Versuche am Ende in eigenen Worten festzuhalten, was du gelernt hast. Nutze dabei ruhig deine eigene Sprache, deine eigenen Abkürzungen und lustige Zeichnungen. Vielleicht kannst du den ein oder anderen Witz für die Nachwelt (du in einem Monat) hinterlassen. Glaube mir, du freust dich immer.

Johannes (aka der Jünger der nicht alles verstand und doch glaubte … angeblich, vgl. Joh 20,1–10)

Man kann niemals alles verstehen. Es gibt immer wieder Argumentationen, Gedankengänge, bei denen man das Gefühl hat, dass sie richtig und wichtig sind, auch für das eigene Leben. Für den eigenen Glauben. So ganz grundsätzlich wichtige Sachen eben. Aber trotzdem: so ganz steigt man trotzdem nicht durch. Vielleicht versteht man eines Tages. Vielleicht denkt man irgendwann, dass die Frage sogar richtig einfach war, aber gerade eben nicht. Dann hilft es nur, sie im Meer von Fragen, die man hat mitzunehmen. Ab und zu kann man sie rausholen, daran rumdenken und sie wieder zurücklegen. Bis dahin: Viel Spaß beim Lesen wissenschaftlicher Texte!
.
.
.

Judas (Iskariot)

Verdammt! Es ist 22 Uhr, morgen ist Seminar und ich habe keinen der drei Texte auch nur angefangen. Es hilft nichts, ich muss ich wohl doch wieder die Zusammenfassung am Ende lesen und mir den Rest morgen ausdenken

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.